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Fahrradtour von Hamburg nach St. Petersburg

30.08.2013

Ja, wir haben es geschafft, mit 25 Radlern sind wir am 26.7.2011 in Hamburg gestartet, bei der letzten Tour waren noch 11 Personen der ersten Tour dabei, also 11 haben als Gruppe die Etappen bewältigt, angekommen in St. Petersburg sind wir natürlich mit 25 Personen, die Teilnehmer wurden komplettiert.

Irgendwie waren wir alle stolz, 2 Ehrenrunden mit dem Fahrrad auf dem Dvortsovaya Platz vor dem Winter Palace (Eremitage) abzuradeln und das nach einer langen Fahrradfahrt von Peterhof bis in die Innenstadt der 5 Mio Metropole(40 km), viel Regen, viele hohe Kantsteine, russische Ampeln kennen wir jetzt auswendig. Natürlich hatten wir einen lokalen Fahrrad-Guide dabei, er fuhr mit seinem 1 Gang City bike, natürlich ohne Schutzbleche und Klingel, wir hinterher, immer in Schlangenlinien, der letzte war immer Richard, der ließ die Nationalflaggen am Flaggenstock wehen, von allen Ländern durch die wir kamen(6), dafür fuhr er ein E-bike, was auch nicht leichter war.

Aber jetzt zum Anfang, Flieger nach Riga, Stadtrundfahrt, dann Sigulda mit den Burgen, Gauja Nationalpark, immer dem Flusslauf der Gauja aufwärts folgend, nur Schotter und bergauf/bergab, die Stadt Cesis/vor langer Zeit Wenden, Hauptsitz des Deutschen Ordens, hier wurde der Verkehr/Handel nach Osten kontrolliert, die Burg ist die-Seele Lettlands-. Die Stadt Wolmar, Name des Hotels ebenso (jetzt Valmiera) ist unser erstes Quartier.

Weiter auf unbefestigten (Schotter-)Wegen zur Grenze nach Valga, vormals Walk. Überall deutsche Spuren. Offensichtlich ist das Lebensniveau in Estland etwas höher. Wir passieren die Grenze ohne Probleme, ist ja EU-Binnengrenze, wir wechseln wieder zum Euro vom lettischen Let. Dann weiter Schotterwege, dass die Drahtesel das meistern, aber einige Reifen und besonders Speichen gingen schon zu Bruch.

Der Südosten von Estland ist das Sportgebiet, Wintersport, aber kein Alpinsport, macht auch keinen Sinn bei Bergrücken mit einer maximalen Höhe von 200 bis 300 m. Unser Hotel in Otepää ist ein reines Sporthotel, passt zu uns. Hier in den „Hochlagen“ ist die Temperatur immer niedriger und es regnet oft, ansonsten haben wir auf unser Tour immer

Sonnenschein und mittags so hoch in den 20ern. Der nächste Tag bringt uns bis Dorpat/Tartu am Embach Fluß, alte Universitäts-Stadt, noch von den Schweden wurde die Uni gegründet, waren sehr stolz, dass Sylvia zur Jahresfeíer Präsenz gezeigt hat. Hat etwas von Großstadt, Straßenbautätigkeit überall (EU Gelder lassen grüssen).

Estland ist das Land der Herrenhäuser, Gutshäuser, Schlösser. Der Unterschied von einem Schloß zu einen Herrenhaus ist nicht die Größe/Ausstattung sondern in einem Schloß muß/musste mal ein Regent gewohnt haben. Gutsbesitzer waren nicht unbedingt adelig, auch bürgerliche waren da vertreten, 2 Häuser nenne ich hier

- Palmse, dort übernachteten wir, ehemalige Gutsherr von der Pahlen u.v.a.
- Ass

Es gehörte zeitweilig auch Adam Johan Baron von Krusenstern alias Iwan Fjdorowitsch Krusenstern, ist dort gestorben, in der Domkirche von Reval ist das Wappen zu sehen

Ab dem 13. Jahrhundert wurden weit über 1000 Gutsäuser errichtet, jetzt stehen noch 400 unter Denkmalschutz und etwa 100 werden kommerziell genutzt, wir haben jedenfalls sehr viele besichtigt bzw darin übernachtet; man sprach uns an: dieses Herrenhaus hat der Familie xy gehört, gibt es Nachfahren, wir wollen etwas über die Geschichte des Hauses wissen.

Morgens Abfahrt Tartu, am Embachfluß, soll der längste Fluß in Estland sein, immer Richtung Peipsijärv/Peipus See. Brücken hats hier nicht, die einzige Fähre, selbst kurbeln mit der Hand, brachte uns ans andere Ufer, Picknick (immer mittags) arrangiert von unserem motorisierten Begleiter war wie immer ausgelesen mit lokalen Köstlichkeiten, diesmal an einem kleinen Stausee mitten im Ort, bestens geeignet zum Baden.

Dann endlich am Peipus-See, in der Alt-Orthodoxen Kolonie (Altgläubigen), es gab Knoblauch und andere Zwiebeln en gros, Tomaten etc an fast jedem Haus zum Verkauf, dies ist die „Zwiebelstrasse“ am Westufer des Peipus-Sees. Besuch und Darbietung indemMuseumof Samovars and Russian Old Believers. Auf meine Frage: woher kommt ihr? irgendwo östlich vom Peipussee.

von Kallaste/Krasnuja Gora mit Bustrasfer zur Übernachtung nach Palmse.

Das estnische Volk gehört ethnisch zu den Balten. Estland ist und war immer ein Schmelztiegel vielen Nationen, Kuren, Schweden, Deutsche, Finnen, Russen bildeten dieses Volk, sie alle gliederten sich ein. Estland gehörte den Schweden, Deutschen, Russen, kurzzeitig auch zu Polen. Einflüsse hinterließ jede Gruppe, aber geblieben ist die estnische Sprache und der Hang zur Musik. Zur Bevölkerung gehören etwa 25 % Russen, überwiegend in der nordöstlichen Ecke, was heißt Russen, die leben da auch schon immer, gehören zur Bevölkerung von Estland.

Im Herrenhaus von Palmse traf uns wieder die kommerzielle Keule, obwohl wir Eintrittskarten zur Parkanlage hatten, wollte man uns den Zutritt verweigern, ist privat, aber einige strenge Worte klärten das schon.

Eine fantastische Fahrradtour am nächsten Tag, Schotterpisten ist vorbei, kaum Berge, fast immer in Sichtweite des Finnischen Meerbusens, wir rasten in Alja und Picknick in Toolse mit der alten Ritterburg-Ruine, direkt am Meer, unser Tagesziel in das Gutshaus Saka, wären insgesamt über 100 km Tagespensum, wer nicht mehr konnte bzw wollte ließ sich die letzten km fahren, aber das Begleitfahrzeug hat nur wenige Plätze. Die estnische Seite des Finnischen Meerbusens ist zerklüftet, viele Landzungen, viele Schären und hier im Ostteil Steilküste (Klingt), so 60 bis 80 m hoch, so auch in Saka. Unser Gutshaus ist ein Touristen-/Konferenzhotel, etwa 500 Stufen runter zum Strand, hier ist Estlands höchster Wasserfall, war aber inaktiv wegen sehr geringer Wassermenge.

Früh morgens ging es weiter, wieder lange Etappe, es soll bis an die Narva Mündung gehen. Gegend wechselt langsam in Industriegebiet, hohe Abraumhalden vom Schieferölabbau. soll eine äußerst dreckige Ölgewinnung sein, kurz vor Mittag haben wir 3 km die schlimmste Schotterpiste, erinnert mich an der Ho-Chi-Minh Pfad beim 100 km Lauf in Biel/Schweiz, alles grosse Steine (ca 1 kgs), wir näheren uns der Stadt Sillamäe. In älteren Karten fand ich den Namen Silameggi, ab 1945 eine Sternstadt, eine geschlossene Stadt. Heute können Sie sich mit den eigenartigen Gebäuden aus der stalinistischen Zeit, mit den klassischen Alleen und dem Museen bekannt machen. Nirgendwo in Estland findet man ein so ganzheitliches architektonischen Ensemble dieser Zeitperiode.Typischer Stalinimus. Breite Allen, Kino wie Theaterbau einer Großstadt, vom Gutshof Vaivara ist nichts geblieben, außer den Sichtachsen

Unser mittägliches Picknick war, wie immer, fantastisch, direkt neben der großen Treppe, die zum Finnischen Meerbusen führt.

Eins hätte ich fast vergessen, man hat hier einfach die Steilküste weggesprengt und einen großen Hafen, für Überseeschiffe, gebaut. Meine, ich war hier vor 50 Jahren schon mal, in meiner Seefahrtszeit, kann mich allerdings nicht wirklich erinnern.

Nur raus aus diesem unwirklichen Gebilde! „an architectural-historic ensemble of the city („Stalinist architecture”)” Danach fuhren wir auf der Küstenstraße immer in Seenähe in Richtung Narwa Mündung. Dichte Kiefernwälder, wie an der deutschen Ostseeküste, die ersten Kurorte tauchen auf, sehr modern, sehr neu, viele Gäste, 10 km westlich der Narwa Mündung bestes Urlaubsgebiet, viel Betrieb, welch ein Unterschied zu der letzten Stadt. Unser Hotel 8 Stockwerke, mit allen Schikanen liegt direkt am Strand in Narva-Jöesuu.

Am folgenden Tag nur eine kurze Fahrradfahrt von der Narwa Mündung bis zur drittgrößten Stadt von Estland „NARWA". Der Grenzübergang zu Russland ist für heute geplant, das kann zeitaufwendig sein.

Am westlichen Ufer der Narwa, meine, das ist kein Fluß, sondern ein Abfluß des Peipussees von ca 100 km Länge, sehr viele Soldatenfriedhöfe, Kriegsdenkmäler, Kirchen, hier reihte sich Schlacht an Schlacht über die letzten 1000 Jahre, ist schon gewaltig, eine der ältesten Grenzen zwischen den Oststaaten und Mittel-/Westeuropa. Soldaten- Helden- oder Ehrenfriedhöfe, wie auch immer man sich ausdrückt, es bleibt immer die Ehrfurcht vor den Toten.

Hierzu fallen mir diese Worte ein:

Solange die Namen der Toten „im Leben“ sind, sind die Toten nicht vergessen

Lasst eure Toten an eurer Seite sein
Lasst ihr Feuer leuchten
Erkennt ihren hellen Schein

Tod ist nicht gleich Tod
Es ist nur der Körper, der geht
Den Tod besiegt
Wer in Erinnerung lebt

Jede Kultur beginnt mit der Ehrung der Toten!

Nie vergessen, daß wir auf den Schultern der Toten stehen! Es führt zu nichts, Fehler und Schuld aufzusuchen, aber es führt ins Helle, Dankbarkeit und Verpflichtung zu fühlen.

Was mich am meisten beeindruckt hat, sind die beiden gewaltigen Burgen inmitten der Zwillings-Stadt Narwa und Iwangorod, die Narwa ist hier ca 300 m breit, auf beiden Seiten steile Abhänge, hier ist auch die einzige Brücke. Beide Burgen stehen sich in wenigen hundert Metern trutzig gegenüber, auf estnischer Seite die Ordensburg Narwa, Hermannsfeste (Narwa hermanni linnus) und gegenüber auf russischer Seite in Iwangorod die Festung Iwangorod, ist schon gewaltig, bis hierher ist der Deutsche Ritterorden gekommen. Hier wird nur russisch gesprochen, nur Russen.

Die Grenze, die Brücke mussten wir zu Fuß passieren, unsere Fahrräder hatten wir auf unser Begleitfahrzeug zusammen mit unserem Gepäck deponiert, es dauerte schon so 3 Stunden, bis wir alle Kontrollen passiert hatten, auf russischer Seite erwartete uns ein Bus mit Fahrer, sowie unsere zukünftige Begleiterin Elena, es ging mit Bustransfer bis Peterhof, Sommerresidenz des Romanov-Clans, Zarenfamilie, etwa 100 km.

Auf dieser Strecke war Fahrradfahren nahezu unmöglich, viel Verkehr, keine Randbefestigungen, Bürgersteige, Fahrradwege, auch keine Rastmöglichkeiten, sah auf 100 km nur etwa 3 Blechbuden mit Cola Zeichen. Das ist das Ingermannsland, auch Inkeri. Hier war aussteigen, anhalten nicht empfehlenswert, trotzdem möchte ich etwas über die ehemaligen Bewohner, dieses zeitweise zu Fínnland gehörenden Gebietes erwähnen.

Die nächsten 2 Übernachtungen in Peterhof, dann 2 weitere im Dostoyevski Hotel, unweit des Nevski Prospekt, ausgiebiges fahrradfahren im Katharinenpark, dann Besichtigungen von Sehenswürdigkeiten von St. Petersburg, die Innenstadt, Durchmesser etwa 6 km, ist nahezu ein Museum, einige U-Bahnfahrten etc etc, bitte machen sie sich selbst schlau über die ehemalige Hauptstadt des Russischen Reiches. Fahren sie einfach mal hin, die Weißen Nächte von Petersburg sind immer eine Reise wert.

Mein Bedarf an Museen uns Sehenswürdigkeiten ist erstmal befriedigt.

Diese 12 Tage sind äußerst kurzweilig verlaufen und kaum einer bereut es, die lange Fahrradtour von Hamburg nach St. Petersburg gemacht zu haben.

Distanzen:

Hamburg – St. Petersburg 1422 km Luftlinie

2011 km Strasse

1583 km/ 855 sm auf dem Seeweg

800 + 600 + 470 total 1870 km geradelt.

Riga – St. Petersburg 492 km Luftlinie

578 km Strasse

470 km sind wir geradelt

Reinhard Donder 5. August 2013

 
 
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