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Erinnerung an den Architekten Erich Mendelsohn

16.09.2016

Erich Mendelsohn (21. 3. 1887 - 15. 9. 1953) wurde am am selben Tag wie Johann Sebastian Bach, der sein Lieblingskomponist wurde, als 5. Kind des angesehenen jüdischen Kaufmanns David Mendelsohn (1854 – 1937) und der Modistin Esther, geb. Jaruslawski, (gest. 1911), in Allenstein geboren, besuchte dort das humanistische Gymnasium und begann zunächst auf Wunsch seines Vaters 1907 ein Volkswirtschaftsstudium in München. 1909 wechselte er nach Berlin und studierte an der TH in Berlin-Charlottenburg und wieder an der Universität München Architektur und legte in Bayern 1912 seine Diplomprüfung bei Theodor Fischer ab. 1915 heiratete er die Cellistin Luise Maas (1894 – 1980), die er 1910 in Königsberg kennen gelernt hatte. Als freier Architekt erst in München, nach dem 1. Weltkrieg in Berlin, entwarf er etliche auch heute noch beeindruckende Bauten, so den Einstein-Turm in Potsdam für das Astrophysikalische Institut als sein wohl bekanntestes Werk (1920 - 1924). Der Einsteinturm sollte eigentlich die beliebige Formbarkeit des neuen Werkstoffs Beton demonstrieren. Die Schalungstechnik war aber für diese architektonischen Ideen noch nicht weit genug entwickelt. Deshalb musste der Turm großenteils als traditioneller Mauerwerksbau errichtete werden, der dann einen entsprechenden Putz erhielt.

Das verhinderte aber nicht die schnell wachsende Bekanntheit des Architekten. Er gebot bald über ein Büro mit 40 Mitarbeitern und galt als größtes Architekturbüro Deutschlands. Weitere Werke: Jüdische Leichenhalle in Allenstein (1911 - 1913), die Haupteingangsfront des Mosse-Hauses in Berlin-Mitte, Schützenstraße Ecke Jerusalemer Straße (1921 - 1923), die Hutfabrik mit Färbereigebäude der Firma Friedrich Steinberg, Herrmann & Co in Luckenwalde (1921), Loge der Drei Erzväter in Tilsit (1925/26), das UFA-Filmtheater am Lehniner Platz in Berlin, heute Theater der Schaubühne (1928), das nicht mehr stehende Columbushaus am Potsdamer Platz in Berlin (1931/32), ursprünglich entworfen für die Galeries Lafayette, einige Kaufhäuser in Nürnberg, Chemnitz (Kaufhaus Schocken 1927 - 1930 existiert noch), Stuttgart (Kaufhaus Schocken, das nach dem Tod des Architekten trotz Intervention seiner Frau abgerissen wurde), Breslau (Kaufhaus Rudolf Petersdorff 1927/28, heute “Kameleon”). Insbesondere seine Warenhäuser entwickelten sich zu Markenzeichen.

Nachdem er noch 1931 in die Akademie der Künste berufen worden war, mußte er 1933 emigrieren. Er ging zunächst nach London, wo er ein Büro zusammen mit Serge Chermayeff einrichtete, gefolgt von einem Büro in Jerusalem 1935, wo er sich 1939 - 1941 niederließ.

Mendelsohn suchte in Palästina den Dialog mit der Landschaft und der gewachsenen arabischen Architektur. Den von Le Corbusier und Mies van der Rohe propagierten Internationalen Stil lehnte er kategorisch ab. Er sah es vielmehr als Pflicht für die Juden in Palästina an, sich auf die gemeinsamen kulturellen Wurzeln mit den Arabern zu besinnen. Sein erster Auftrag in Palästina war die Villa Weizmann. Auch für den 1933 emigrierten Freund Salman Schocken baute Mendelsohn eine Villa am Rande Jerusalems. Seine größten realisierten Projekte in Palästina waren die Hebräische Universität auf dem Mount Scopus in Jerusalem und das Hadassah-Universitätshospital.

Anschließend siedelte er über in die Vereinigten Staaten, wo er sich 1945 endgültig in San Francisco seinen Wohnsitz nahm und die amerikanische Staatsbürgerschaft erwarb. Nach einer vierjährigen Zwangspause während des Krieges konnte er noch einige Projekte realisieren, vornehmlich Synagogen für jüdische Gemeinden, bevor er 1953 einem Krebsleiden erlag.

Die Jüdische Leichenhalle in Allensteinwar sein erstes Projekt überhaupt. Es existiert auch noch ein Gebäude in Ostpreußen, das auf seine Pläne zurückgeht: die Loge der Drei Erzväter in Tilsit (1925/26). In England rückte in den 1990er Jahren der noch stehende Kulturpalast, der „Da la Warr Pavilion“ in Bexhill-on-Sea zwischen Hastings und Brighton, erneut ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Der lange vernachlässigte und teilweise verschandelte Bau, entstanden 1935 und damals eingeweiht von der Queen Mum, soll nach und nach wieder sein altes Aussehen erhalten und das kleine Seebad schmücken.

Im Vergleich dazu ist sein Erstlingswerk von außen eher unscheinbar. Der Jüdische Friedhof, an dessen Rand das Gebäude einst stand, ist verschwunden, die Gräber wurden nach dem Zweiten Weltkrieg eingeebnet. Das auf Hebräisch als Bet Tahara, Haus der Reinigung, bezeichnete Gebäude wurde nicht mehr genutzt, die Bausubstanz litt entsprechend über die Jahrzehnte. Seit 2005 bemühte sich die Kulturvereinigung Borussia darum, das Gebäude vor dem Verfall zu retten und schließlich instand zu setzen. Inzwischen sieht es wieder so aus wie in dem Entwurf Mendelsohns - als Jahr der Fertigstellung gilt 1913.

Mitarbeiter der Kulturvereinigung bieten auf Anfrage Führungen durch das Mendelsohn-Haus an - auf Polnisch, Russisch, Deutsch und Englisch. Die Teilnahme ist kostenlos. Borussia hat inzwischen selbst ihren Sitz ein einem benachbarten Gebäude.

(Informationen: Fundacja Borussia, Dom Mendelsohna, ul. Zyndrama z Maszkowic 2, 10-133 Olsztyn, Tel.: 0048 89 523 72 939)

 
 
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