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Lorbas und Marjellchen

15.03.2017

In diesen Jahren vollzieht sich fast unbemerkt und schleichend ein besonders trauriger Vorgang in unserem Alltagsleben: Wir erleben das Schwinden der letzten Reste sprachlicher Besonderheiten großer Regionen, die Deutschland nach dem 2. Weltkrieg an Russland und Polen hat abtreten müssen.

Im Sommer 1945 wurden auf der Konferenz von Potsdam recht formlos Ostpreußen, Westpreußen, Pommern, Schlesien und das Sudetenland der Verwaltung der Siegermächte im Osten unterstellt. Die Bewohner, ca. 14 Millionen Menschen, wurden vertrieben, soweit sie nicht schon vorher geflohen waren. Das war vor 71 Jahren.

Im Folgenden geht es mir – dem eingeschworenen Rheinländer, der fast 50 Jahre mit einer Ostpreußin bis zu deren Tod 2010 verheiratet war – im Wesentlichen um die ostpreußische Sprache. Meine Frau wurde am 8. August 1937 in Guttstadt im Ermland geboren, welches seit 1329 Stadtrechte besaß. Sie war gut 7 Jahre alt, als sie flüchten musste am 25. Januar 1945 mit 7 Geschwistern, von denen keines auf der Flucht verloren ging. Sie hat nie so recht ostpreußisch gesprochen und wurde in der Familie immer „Die Dorchen“ genannt und nicht „Das Dorchen“, wie es im übrigen Deutschland üblich gewesen wäre. Ihr ältester Bruder hat bis heute im Alter von 83 Jahren sein ostpreußisches Idiom nicht abgelegt. Er rollt das „R“ nach Altväter Sitte und der Duktus seiner Sprechweise ist eher behäbig und nie hastig. Ich nenne ihn deswegen intern gerne scherzhaft „Häuptling schwere Zunge“.

Es gibt zwar reichlich Bücher – etwa von Ernst Wiechert, Agnes Miegel, Siegfried Lenz, Arno Surminski und Andreas Kossert – um nur einige zu nennen – die auch sprachliche Besonderheiten konservieren helfen. Aber das rein sprachliche Idiom steht im Begriff auf immer verloren zu gehen, wenn die letzten derer verstorben sein werden, die ihre angestammte Sprechweise mit ihrem unverkennbar gerollten „R“ und den schweren Zungenschlag bis heute erhalten haben.

So zärtlich, wie Siegfried Lenz über den Ort Suleyken nahe Oletzko geschrieben hat, wird es nie wieder jemand tun. Wenn er den Füsilier Adolf Abromeit sagen lässt, „Aus mir läuft Blut“ – den sicheren Tod vor Augen, nachdem ihn ein Schuss durch eines seiner großen roten Ohren verletzt hatte, dann stellt das die Spitze von Hingabe und Leidensfähigkeit dar, deren ein Ostpreuße fähig ist.

Das Ostpreußische aus der Heimat der Störche und des Bernsteins hat sich über Jahrhunderte im Wesentlichen rein erhalten. Einflüsse von außerhalb gab es dennoch, trotz der Randlage im Osten – etwa durch die Holländer, die wegen ihrer Kenntnisse im Deichbau und im Trockenlegen ganzer versumpfter Landstriche – wie bei der Einrichtung des Gestütes Trakehnen ins Land geholt wurden. Oder die schottischen Schiffsbauer sowie „Die Salzburger“, die wegen ihres Glaubens von dort vertriebenen evangelischen Christen. Sie brachten nach der Entvölkerung durch die Pest dem Preußenkönig einen willkommenen Bevölkerungszuwachs. Die Preußen waren tolerant und gaben immer vielen Glaubensflüchtlingen eine neue Heimat. Diese und ähnliche Bewegungen dürften auch einige sprachliche Bereicherungen mit sich gebracht haben, wie zum Beispiel jabbern, welches verwandt sein dürfte mit dem englischen to jabber für schwätzen.

Wie man als Mensch eher bescheiden und zurückhaltend aufzutreten bemüht war, sprach man ohne Eile bedächtig und gerne verniedlichend, man reiste umständlich ins Nachbardorf um ein „Kilochen Nägel“

zu kaufen – nicht etwa ein Kilo Nägelchen. Die Verkleinerungsform war beliebt bei allem, was es auszudrücken galt, wobei Onkelchen und Tantchen bis hin zu Omsche ganz alltäglich waren, so wie man auch gerne ein Tulpchen Bier mochte, wenn einen danach leckerte.

Wenn das Jungsche sich das Knie berupst hatte und sich nach seiner Mutter bangte, könnte das auch heißen, der Junge hat Schmerzen und will zu seiner Mutter. Wenn er dann aufhörte zu schlurzen, bekam er zur Beruhigung ein Bollchen. Wenig später war der Gnorschel dann wieder dreibastig und rachullrich nach einem weiteren Bollchen, wie eh und je, dieser Lausangel.

Obgleich ich nie zum Bratenpuster aufgestiegen bin, tat ich mich als Toppchenkucker, wie ich gelegentlich von meiner Schwiegermutter genannt wurde, gerne in der Küche um. Dort wurden Heilsberger Keilchens in die Milchsuppe reinjeklackert, es gab Plinsen und zum Nachtisch eingekochte Kruschken.

Oder man lausche auf das Steine zum Schmelzen bringende, hingehauchte Wort „Erbarmung,“ welches mit niedergeschlagenen Augen zur Entschuldigung fällig wurde, wenn die Magd beim Bügeln etwa ein gutes Tischtuch angekokelt hatte.

In der Johannisburger Heide züchtet man nicht nur Tarpan Pferdches, sondern auch anderswo. Außer den 40 Meter hohen Kiefern wuchs aber dort sonst nuscht nix. Im Herbst suchte man Gelbches, die mit Spirkel und Schmand zubereitet wurden. Man trank Wermuttee, wenn man Bullern im Bauch hatte und einem kodderig war. Das Fahren auf der Kringelstrasse macht einen dammlig. Die Alleen waren alle schmalche und langsamche, so rechte Plachenderwege. Es roch brennerig wie nach angepesertem Holz.

Am Seeufer waren Bootjes anjebammelt. Im Zelt nebenan kullern sich Lorbas und Marjellchen. Eine Königsberger Kaufmannsfamilie weilt dort zur Sommerfrische. Die drei Töchter – von denen eine ein rotes Kleid trug – erkunden die Umgebung. Ein Stier auf der Weide nimmt sie schnaubend an und rennt hinter ihr her. Sie springt über Stock und Stein – über Gräben und Wurzeln und lässt sich schließlich koppskegel ins tiefe Gras fallen mit den Worten: „Bevor ich werd´ kriegen e Herzschlag, bekomm ich lieber a Kälbche.“

An der Straße ist heute „Russenmarkt“, man verkauft Pracherzeugs. Abseits auf einer Anhöhe fragt Vater Storch seine drei Kinder, was sie denn Nützliches angestellt hätten in diesem Sommer. Der Älteste sagt, er habe dem Schmied einen kräftigen Lorbas gebracht, damit er ihm später den Blasebalg ziehen wird. Der Zweite antwortet, er habe der Näherin ein tüchtiges Marjellchen in die Wiege gelegt, damit es ihr in ein paar Jahren zur Hand gehen kann. Der Jüngste – noch ein wenig kodderig von einem auf das andere Bein wechselnd – antwortet verschmitzt mit einem Augenzwinkern: „Ich hab dem Fräulein Lehrerin dreimal Angst jemacht.“ Na – gut so ! Wozu gibt es denn die Störche?

Oder ein Ballgespräch: Sie fragt ihren Tischherrn: „Was sind Sie denn für ein Offizierchen?“ – „Ich bin Deckoffizier“ – „Ach, dann kommen se von Trakehnen“ – „Nein, ich bin Mariner und komme aus Pillau“.

Ein anderer fragt seine Dame: „Freilein assen se jern Arpsen?“ – „Nein, die kullern mich immer vons Masser.“ Oder ein Dritter: „Freilein mechten Sie ein Schwan sein“?„Huch nein, immer mit die Brust ins kalte Wasser.“

Vor Jahren versuchte man in Allenstein, den feisten Bürgermeister in einen kleinen Fiat Topolino zu zwängen – vergeblich. Der erste Versuch Beine voran und dann das Gesäß auf den Sitz zu bekommen – unmöglich. Dann schob man zuerst den Oberkörper hinein – er verklemmte. Mittlerweile hatten sich Zuschauer versammelt. Nach einer Weile ließ sich die Fistelstimme eines hageren Männchens aus der dritten Reihe vernehmen: „Versuchen sie es doch mal nackisch und mit jriiiene Seife.“

Wenn ich mir vorstellen müsste, dass in einigen wenigen Jahren mein rheinisches Kölsch mit all´ seinem vertrauten Kokolores mit seiner derben Direktheit und den vielen Kinkerlitzchen und seiner deftigen Lebensnähe aus der Welt verschwinden würde, wäre ich untröstlich.

Wer, wie ich das Ostpreußische geliebt und geschätzt hat, wird die zZt. vor sich gehende Entwicklung mit Schmerz beobachten und die letzten Reste einer unabwendbar dahin dämmernden Sprache begierig in sich aufnehmen und zu bewahren versuchen. Es ist genauso bedeutsam, wie das Aufrechterhalten der Erinnerung an viele Personen, von denen ich hier aber nur eine nennen möchte, nämlich den Onkel meiner Frau – Pfarrer Georg Hippel, geboren 1905 in Guttstadt.

Nach Einfall der Russen Mitte Januar 1945 hat er sich bis zuletzt für seine Pfarrkinder eingesetzt, ihnen die Sakramente und viel Trost gespendet. Er hat die Erschlagenen und Gefallenen geborgen, die bei hartem Frost nicht beerdigt werden konnten, bis er im Alter von nur 40 Jahren Ende Februar 1945 als harmloser Pfarrer der kleinen Gemeinde Schulen bei Kiwitten – unweit von Heilsberg im Ermland auf dem Transport in die russische Zwangsarbeit im überfüllten Viehwaggon elend erstickt ist. Alles Materielle, was von ihm übrig geblieben ist, dürfte der heute noch existierende, etwa 25 cm lange, gewaltige Bronzeschlüssel zu seinem Holzkirchlein sein, den uns die heutige Küsterin bei unserem Besuch in die Hände legte. Der Schlüsselbart ist kunstvoll gegliedert. Übrigens war auch sie eine von den Russen Vertriebene, in ihrem Fall jedoch aus dem Osten Polens, welches die Russen 1945 zurückeroberten und die polnischen Bewohner nach Westen vertrieben, als sie das Land Polen in seiner Gesamtheit nach Westen verschoben.

Ich werde das Gefühl niemals vergessen, welches in dem Augenblick über mich kam, als ich den Schlüssel in der Hand halten durfte. Heute ist Onkel Georg Hippel ein seit 1996 anerkannter Martyrer unserer Kirche, zu dem ihn der polnische Papst Johannes Paul II. erhoben hat.

Diese Ausarbeitung soll nicht zuletzt dem Gedächtnis an ihn dienen und an die vielen anderen, denen ein ähnliches Schicksal beschieden war in einer Zeit, als Deutschland den Tiefpunkt seiner Geschichte erreicht hatte. Es hatte den schlimmsten aller Weltkriege vom Zaun gebrochen und verloren unter seinem Führer Adolf Hitler, der etwa 1 / 3 der ehemaligen Fläche unseres Vaterlandes am Spieltisch der Geschichte verspielte.

Große Traditionen aus dem Land der dunklen Wälder und kristall´nen Seen wurden jäh beendet. Man denke an den Dichter Simon Dach – 1605 bis 1659 – der Verfasser des Ännchen von Tharau, Johann Gottfried Herder, der zu den großen deutschen Dichtern, Denker und Aufklärer um Goethe und Schiller in Weimar gehörte, geboren 1744 in Mohrungen, welches bis heute sein schönstes gotisches Rathäuschen – gebaut aus Ziegelsteinen – erhalten konnte. Mir ist kein Schöneres bekannt.

Der Philosoph Immanuel Kant, lebte und lehrte in Königsberg von 1724 bis 1804. Dem Vernehmen nach hat er es im Leben nie verlassen. Marion Dönhoff war unermüdlich bemüht und ruhte nicht, bis sie vor Jahren selber eine Replik seiner verlorenen Bronzestatue vor der alten Albertus-Universität wieder aufstellen konnte.

Die Schichauwerft in Elbing und das zur Anlieferung der erforderlichen Kohle erbaute Schiffshebewerk auf dem von dort ausgehenden Oberländischen Kanal mit seiner geneigten Ebene, über welches ein Höhenunterschied von ca. 100 Metern auf dem Wasserweg in Richtung Osterode überwunden wird, der heute noch mit der gleichen Mechanik wie vor 170 Jahren in Funktion ist. Dabei bewegen sich die aus dem Wasser gezogenen Schiffe auf untergeschobenen Fahrgestellen gegenläufig auf zwei parallelen Schienenpaaren, um auf die nächst höhere beziehungsweise niedrigere Ebene befördert zu werden.

Die Energie dazu liefert ein gefüllter Wasserkasten im talwärts gehenden Schiff.

Ich werde die verlorenen Ostprovinzen nie vergessen – allen voran Ostpreußen,
wo Elche steh´n und lauschen in die Ewigkeit.

Aus der Fülle all´ dessen was erinnerungswürdig ist mit seiner markanten Sprache, die jetzt für immer dahin geht, habe ich versucht, ein kleines, persönliches Denkmal zu errichten, soweit ich selber die Substanz dazu habe verinnerlichen können.

Rudolf Waldmann

 
 
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