Deutsch Polnisch Russisch 
 

Ehemalige evangelische Friedhöfe in Mrągowo - Sensburg

06.12.2020

Es ist kein „ehemaliger Friedhof“, es ist ein „geschlossener Friedhof“

Zunächst könnte man denken, da sei doch kein Unterschied, Friedhof ist Friedhof. Doch rechtlich gibt es sehr wohl Unterschiede. Das wird klar, wenn man sich damit näher beschäftigt.

Der Verein Blusztyn (https://www.facebook.com/blusztyn), unter dem Vorsitz von Cezary Korenc, rettet seit fast 10 Jahren vergessene Friedhöfe im Norden Masurens. Das Ziel des Vereins ist es, die Würde dieser vernachlässigten Orte wieder herzustellen. Die Friedhöfe werden aufgeräumt, von Unrat und Gestrüpp befreit, die Gräber werden katalogisiert, Grabsteine und Kreuze restauriert, instand gesetzt oder rekonstruiert, wenn noch die Möglichkeit dazu besteht. Um diese Arbeit durchführen zu können, ist Blusztyn auf Menschen angewiesen, die Informationen, Aufzeichnungen, Fotomaterial o. Ä. an den Verein weitergeben, die über Gräber ihrer Vorfahren, über ihr Wissen von ehemaligen oder geschlossenen Friedhöfen berichten. So helfen sie dem Verein beim Markieren vor Ort und beim Katalogisieren. Es ist wichtig, dies alles zu dokumentieren, um es vor dem Vergessen zu bewahren. Gern wird auch die praktische Mithilfe von Freiwilligen angenommen, die einen Bezug zu dem Thema oder zu bestimmten Orten, Städten oder Dörfern haben, und die internationale Jugend aus verschiedenen Ländern Europas wird ermutigt, sich dieser völkerverständigenden Aufgabe zu stellen. Es werden hierzu blaue historische Notizbücher erstellt, die den Freiwilligen per E-mail zugesandt werden.

Der Verein Freunde Masurens e.V. (www.freunde-masurens.de), mit der Vorsitzenden Kerstin Harms, hat ebenfalls in diesem wichtigen kulturellen Bereich, in dem allgemeine Vergangenheit und persönliche Schicksale aufgearbeitet werden, Erfahrung sammeln können. So konnte unter anderem im Jahr 2011 nach jahrzehntelangen Bemühungen von Pastor Fryderyk Tegler ein Grabmal auf dem Friedhof in Ryn/Rhein errichtet werden, das auf deutsch und polnisch an 24 ermordete Frauen, Kinder und alte Männer am Kriegsende erinnert.

Anfang November 2020 bat der pensionierte Lehrer Klaus-Martin Meyke aus Deutschland, der über die Geschichte seiner Vorfahren in Masuren forscht, beim Verein Blusztyn um Hilfe bei der Suche nach dem Familiengrab Meyke auf dem evangelischen Friedhof in Mrągowo/Sensburg.

Familie Meyke hat erlaubt, dass ihre Erfahrungen hier beispielhaft veröffentlicht werden dürfen.

Christoph Meyke, der Urgroßvater von Klaus-Martin Meyke, war Lehrer in Marcinkowo / Martinsdorf, einem kleinen Dorf bei Mrągowo / Sensburg. Nachdem er sich mit seiner Frau Mathilde zur Ruhe gesetzt hatte, baute er 1920 ein Haus, das noch heute in der Straße Dziękczynna in Mrągowo (bis 1945 Treudankstraße) steht. Während des Ersten Weltkriegs starben ihre beiden Söhne, der Lehrer Albert in Galizien und auch Erich fiel im Krieg 1915.

Ihre Tochter Frieda starb 1922 mit erst 24 Jahren an einer Blutvergiftung. Albert hatte einen Sohn, Siegfried, der seinen Vater nicht kennengelernt hat. Er kam nach dem Zweiten Weltkrieg nach Niedersachsen, wo er wieder als Lehrer arbeiten konnte. In der Familie war der Lehrerberuf über viele Generationen Tradition.

Bei den Nachforschungen geht es um die Gräber von Christoph und Mathilde Meyke, sowie deren Kinder Albert, Erich und Frieda, also um die Urgroßeltern, den Großvater, den Großonkel und die Großtante von Klaus-Martin Meyke.

Da beide Vereine, der polnische Blusztyn und der deutsche Freunde Masurens, gemeinsame Ziele verfolgen, ist es zu einer fruchtbaren, sich ergänzenden Zusammenarbeit gekommen. Der Vorsitzende des Vereins Blusztyn, Cezary Korenc, und die Mitglieder des Vereins Freunde Masurens, Maria und Christoph Grygo, die in ihrer Freizeit schon viel auf verfallenen Friedhöfen bei Mrągowo gearbeitet haben, konnten Familie Meyke bei dieser interessanten Herausforderung helfen.

Gemeinsam haben sie anhand von Fotos, die in den Jahren 1985 und 1996 während eines Besuches der Familie in Mrągowo gemacht worden waren, die Grabstellen gesucht. Nach Informationen wurde der evangelische Friedhof in Mrągowo, der zwischen den Straßen Brzozowa (bis 1945 Bismarckstraße) und Spacerowa (früher ein schmaler Weg ohne Namen) liegt, 1981 geschlossen und 1986 in das Denkmalregister eingetragen (Nr. 1 auf dem Plan). Auf der Liste der gebliebenen Grabsteine im Friedhofsinventar von 2007 gab es den Namen Meyke nicht und die Familie fand leider keine Grabstelle mehr, da die Friedhofsfläche stark bewachsen war.

Nach mehreren gemeinsamen Besuchen von Cezary Korenc und Familie Grygo auf dem Friedhof war sicher, dass die Familie Meyke nicht auf diesem in das Denkmalregister eingetragenen evangelischen Friedhof in Mragowo beigesetzt worden war. Auf diesem Friedhof sind praktisch alle Bestattungen traditionell so angeordnet, dass die Köpfe der Toten nach Westen liegen. Die Fotos von 1996 aber zeigen deutlich, dass die gesuchten Bestattungen nach Osten ausgerichtet sind. Und auf diesen Bildern der Familie Meyke sind Kiefern und Birken zu sehen. Auf dem in das Denkmalregister eingetragenen Friedhof gibt es aber keine Kiefern, und Birken wachsen nur außerhalb des Friedhofs entlang der Straße.

Erst bei der letzten Begehung, am Totensonntag, dem 22.11.2020, war die Suche erfolgreich. Auf der Vorkriegskarte von Mrągowo sind zwei evangelische Friedhöfe eingezeichnet. Der zweite wurde südlich des ersten, zwischen der Spacerowa-Straße (früher ein schmaler Weg ohne Namen) und der Sobczyñskiego-Straße (bis 1945 Tannenberg-Straße), wahrscheinlich während des Ersten Weltkriegs angelegt, da sich auf dem Friedhof viele Gräber von gefallenen Soldaten jener Zeit befinden (2). In diesem Teil des Friedhofs wachsen unter anderem Kiefern (K) und Birken (B), dank derer die Grabstätte der Familie Meyke gefunden werden konnte (3).

Leider wurde der größte Teil des Friedhofs außerhalb der Soldatengräber mit schwerem Gerät eingeebnet, wahrscheinlich Ende der 1990er Jahre. Im südlichen Teil, in der Sobczyñskiego-Straße, wurden die verbliebenen geschmiedeten Zäune der Grabstellen versetzt und als dauerhaft geschlossene Zäune befestigt. In diesen Bereich wurden dann die noch vorhandenen Grabtafeln versetzt. Auf diese Weise hat die damalige Stadtverwaltung den bestehenden Park vergrößert. An einem der Eingänge wurde folgende Informationstafel aufgestellt:

DAS GEBIET DES EHEMALIGEN FRIEDHOFS, DAS IN DEN JAHREN 1853-1998 EXISTIERTE

Aber es wird kein Park geschaffen, indem man Grabsteine von der Erdoberfläche entfernt und die menschlichen Überreste dort im Grab belässt, es bleibt immer noch ein Friedhof! Man kann lange darüber debattieren, warum das passiert ist. Die derzeitigen Behörden sollten die fehlerhafte Informationstafel abbauen, da der Friedhof immer noch hier liegt, auch wenn er geschlossen ist. Es sollte eine neue Informationstafel mit den korrekten Funktionsdaten des südlichen evangelischen Friedhofs aufgestellt werden.

Glücklicherweise wurden im Lapidarium drei von vier Grabtafeln vom Grab der Familie Meyke (4) gefunden. Es ist nicht bekannt, wer dafür zuständig war, dass die Beamten Entscheidungen darüber trafen, welche Grabsteine übrig bleiben durften und welche entfernt werden sollten. Die Grabstelle der Familie Meyke hatte architektonische Qualitäten, die es wert waren, erhalten zu werden. Sie war groß genug für vier Gräber und einen kleinen Weg in der Mitte, an drei Seiten durch einen niedrigen Metallzaun mit einem Tor eingezäunt. Dem Eingang gegenüber waren die Grabtafeln mit vier Namensschildern und einer hohen zentralen Nische angebracht, in der wahrscheinlich eine Christusskulptur, eine Vase oder eine Urne stand.

Auf den Grabsteinen befanden sich folgende Inschriften:

Mathilde Meyke Geb. Kroll

*9.12.1857

†30.6.1937

Christoph Meyke

*28.3.1861

†29.8.1936

Hier ruht unsere einzige Tochter Frieda Meyke

*16.7.1897

†9.5.1922

Gewidmet den fürs Vaterland gefallenen Söhnen

Albert Meyke , Erich Meyke

*18.11.1885 *19.10.1893

†6.7.1915 †19.8.1915

Die Suche konnte also zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht werden, zur Freude aller Beteiligten.

Wenn Sie, liebe Leser dieses Berichtes, auf der Suche nach Spuren Ihrer Vergangenheit im Norden Masurens sind, dann können Sie sich gern an den Verein Blusztyn in Polen oder an den Verein Freunde Masurens in Deutschland wenden. Wir helfen gern und freuen uns immer über gefundene Verbindungen zwischen Gegenwart und Vergangenheit, die die Menschen in die Zukunft begleiten.

Bericht:

Kerstin Harms, Vorsitzende Verein Freunde Masurens e.V. aus Scharnebeck (Deutschland)

Cezary Korenc, Vorsitzender Verein Blusztyn aus Kąty/Langeneck (Polen)

 
 
©2005 - 2011 www.ostpreussen.net, powered by dev4u®-CMS
Akzeptieren

Diese Website verwendet Cookies. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies gesetzt werden. Mehr erfahren