Prof. Kittel erhielt am 6. 6. 2026 den Kulturpreis der Landsmannschaft Ostpreußen

Prof. Dr. Manfred Kittel 2013 (licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license)

Für die wissenschaftliche Aufarbeitung der Stellung der Vertriebenen im Nachkriegsdeutschland und der Vertreibungsverbrechen in Europa hat sich Prof. Manfred Kittel bleibende Verdienste erworben, für die er jetzt von der Landsmannschaft Ostpreußen durch die Verleihung ihres Kulturpreises geehrt wurde:

Der Historiker Professor Dr. Manfred Kittel gehört zu den wenigen Vertretern seines Fachs, der
sich in seinen Forschungen der Integration der deutschen Heimatvertriebenen, ihrer Stellung in
der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft und der Aufarbeitung von Vertreibungsverbrechen
in Europa widmet.
In seinem 2007 erschienenen Werk „Vertreibung der Vertriebenen? Der historische deutsche
Osten in der Erinnerungskultur der Bundesrepublik (1961–1982)“ geht Kittel der Frage nach,
inwieweit die Flucht, die Millionen Opfer forderte, und die Vertreibung der Deutschen aus
Ostmitteleuropa in der westdeutschen Gesellschaft angemessen gewürdigt und erinnert worden
sind. Zum anderen stellt er die Frage nach dem Stellenwert des deutschen Ostens in der
Erinnerungskultur der Bundesrepublik.
Manfred Kittel zeigt, dass Differenzierungen notwendig sind:
In den 1960er-Jahren wuchs in den Medien und dem intellektuellen Milieu die Kritik an der
ostpolitischen Haltung der Landsmannschaften, die zu einer zunehmenden Entfremdung vom
historischen deutschen Osten führte. Da aber noch alle Parteien um die Wählerstimmen der
Vertriebenen rangen, blieb der erinnerungskulturelle Wandel vorerst noch begrenzt. Erst mit der
sozial-liberalen Koalition des Jahres 1969 mehrten sich in Bund, Ländern und Kommunen die
Anzeichen der Verdrängung und Abgrenzung. Die De-facto-Anerkennung des territorialen Status
quo im Zuge der neuen Ostpolitik führte in den 1970er-Jahren dazu, die Erinnerung an die
Jahrhunderte währende deutsche Geschichte und Kultur in Ostmitteleuropa sowie an die
Schrecken von Flucht und Vertreibung zu verdrängen oder gar zu verleugnen. Der deutsche
Osten verschwand bis auf weiteres aus dem politischen und gesellschaftlichen Bewusstsein der
Bundesrepublik.
Im Juli 2009 wurde Professor Kittel vom Stiftungsrat der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung
zum Direktor der im Deutschen Bundestag beschlossen Einrichtung berufen. In seiner Amtszeit
wurde die Stiftung personell und organisatorisch aufgebaut und unter seiner Leitung ein Konzept
für die zukünftige Dauerausstellung im Berliner Deutschlandhaus entwickelt und 2012 feierlich
verabschiedet. Im Dezember 2014 ersuchte Kittel um eine andere Verwendung am Deutschen
Historischen Museum, der Mutterstiftung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung.
Mit seiner im Jahr 2020 erschienenen, quellengesättigten und inhaltlich weit ausgreifenden
Publikation „Stiefkinder des Wirtschaftswunders? Die deutschen Ostvertriebenen und die Politik
des Lastenausgleichs (1952 bis 1975)“ ordnet Kittel die historische Bedeutung dieser
Entschädigungs- und Eingliederungsleistung der jungen Bundesrepublik in wissenschaftlicher
Meisterschaft ein.
2023 folgte seine Studie „Die zwei Gesichter der Zerstörung. Raphael Lemkins UN-
Genozidkonvention und die Vertreibung der Deutschen“. Im Mittelpunkt dieses bedeutenden
Werkes steht die Frage nach dem angemessenen Verständnis der UN-Konvention über die
Verhütung und Bestrafung des Völkermords von 1948, die 1951 in Kraft trat.
Die Arbeiten von Professor Manfred Kittel belegen in überzeugender Weise, dass die Erforschung
der Geschichte der Vertreibung der Deutschen und ihrer Folgen auch 81 Jahre nach Kriegsende
von unverminderter historischer und politischer Relevanz ist und einen wesentlichen Bestandteil
der europäischen Erinnerungskultur bildet.
Für dieses herausragende wissenschaftliche und gesellschaftliche Engagement sowie als
Zeichen der Wertschätzung für die wissenschaftliche Arbeit von nationalem und
europäischem Rang, gebührt ihm die Auszeichnung mit dem Kulturpreises der
Landsmannschaft Ostpreußen.
Herr Professor Kittel, diese Auszeichnung ist mehr als eine Ehre: Sie ist ein Bekenntnis zu
Ihrer Forschung sowie zu Ihrer Wahrheitssuche.
Abschließend gilt der besondere Dank dem Freistaat Bayern für die Finanzierung des mit 5.000
Euro dotierten Kulturpreises aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit
und Soziales.