Vortrag von Prof. Ruth Leiserowitz, gehalten am 30. Juli 2026 anlässlich der Enthüllung neuer
Informationselemente auf dem Gelände.
Obwohl seit vielen Jahrhunderten zahlreiche Juden zum Handel in die Stadt kamen, versuchten vor allem die Kaufleute der Stadt, ihre ständige Ansiedlung zu verhindern. Auch nach dem preußischen Edikt von 1812 zögerten die Stadtbehörden mit der Genehmigung zur Ansiedlung, obwohl sich die Anzahl der Juden langsam vermehrte. Es waren vor allem Litvaks, Holzhändler von der Memel und koschere Köche aus den nahegelegenen zemaitischen Städtchen, die sich im frühen 19. Jh. Ansiedelten. (Wenn es um die Geschichte des Friedhofs geht, spielen frühere jüdische Episoden, wie die Anwesenheit von Moses Jacobsohn de Jonge keine Rolle.)
Die Geschichte beginnt also im Jahr 1835, als mehrere Juden Geld zusammenlegten und von einem
Bürger namens Spitzfuß ein Stück Land von den Wallanlagen für den Friedhof kauften. (Nicht nur
der Friedhof ist in einem Ravelin angesiedelt, auch das Jüdische Krankenhaus und die Synagoge in
der Kehrwiederstraße fanden nur in den Ravelins Platz.)
Für den Friedhof gab der Königsberger Kaufmann Joel eine größere Geldsumme. Die hier
ansässigen Juden Moses Wald und Aron Cohn wurden als Eigentümer eingetragen, weil es noch
keine registrierte Gemeinde gab, die als Eigentümer fungieren konnte. Da die Zahl der Juden in Memel in der Mitte des 19. Jahrhunderts ständig zunahm, kauften Vertreter der immer noch
informellen jüdischen Gemeinde, der Arzt Dr. Isidor Laaser und der Kaufmann Samuel Hertz Berlowitz 1858 ein Stück Land für den Friedhof hinzu. Diese beiden Männer waren Vertreter der
ostpreußischen Juden, die sich jetzt auch hier niederließen. Allerdings gab es nun Probleme, da der bisherige Teil des Friedhofs umzäunt und abgeschlossen war. Der Litvak Aron Cohn, der den Schlüssel verwaltete, wollte ihn nur gegen Bezahlung aushändigen. Doch dann konnte die Unstimmigkeit beseitigt werden und die verschiedenen Teile des Friedhofs wurden vereinigt. Nun wurde auch ein Leichenhaus gebaut. Die Wohnung des Totengräbers befand sich im selben Gebäude. Lange Jahre tat hier Feiwel Rappoport seinen Dienst. Er stammte ursprünglich aus Kedainiai.
Im Jahr 1862 genehmigte die preußische Regierung die Satzungen der
Synagogengemeinde und der Bestattungsgesellschaft „Chevrah Kadishah“. Das
war wichtig, da die jüdische Gemeinde stetig wuchs. Als Rabbi Dr. Isaak Rülf
1865 eintraf, begann sich das jüdische Gemeindeleben auch zu intensivieren.
1842 lebten 69 Juden in Memel, 1875 waren es 1040 und 1880 sogar 1214
Personen. 1870 gründete der Rabbiner Rülf das Jüdische Krankenhaus, das sich
zunächst gegenüber der „polnischen“ Synagoge, befand. Dank großer Spenden
aus Paris und Nizza konnte 1896 ein Neubau des Jüdischen Krankenhauses
eröffnet werden. (Es ist bekannt – das Gebäude beherbergt heute das
Psychische Zentrum von Klaipeda.) Dieses Krankenhaus war vor allem für die
Behandlung der Juden aus den litauischen Stetln vorgesehen, woher auch reichlich Patienten kamen. Leider kam für viele die Behandlung zu spät und so sind auf diesem Friedhof sehr viele
Juden begraben, die aus anderen Orten stammten. Der Zustrom von jüdischen Patienten hielt bis
zum Frühjahr 1939 an. Außerdem kam es hin und wieder vor, dass ein Kaufmann starb, der gerade
auf Geschäftsreise in Memel war oder eine Person, die sich auf der Durchreise zur Auswanderung
befand.
Auf dem Papier gab es eine jüdische Gemeinde, aber seit der Mitte des 19. Jahrhunderts immer zwei Rabbiner, einen preußischen und einen litvakischen. Es gab auch mehrere Synagogen, aber einen
gemeinsamen Friedhof. Wenn besonders wichtige Personen beerdigt wurden, wie z:B: Jakob Werblowsky, einer der Eigentümer der großen Zigarettenfabrik, dann kamen beide Rabbiner gemeinsam. Im Jahr 1920 wurde das Ritualgebäude „Bet Tahara“ errichtet, das wir heute von
historischen Fotos kennen. In den 1930er Jahren wurde es schon ziemlich unruhig für die jüdische Gemeinde. Es gab schon einen Anschlag auf den Friedhof, bei dem Grabsteine umgekippt wurden.
Unter den Fotos in der Ausstellung befindet sich eines, das Mitglieder von „Bet Hechalutz“ zeigt, die 1935 an einer Arbeitsaktion auf dem jüdischen Friedhof teilnahmen. Ich glaube, dabei handelte es sich um eine Aufräumaktion nach dem Anschlag.
Im Jahr 1939 wurde die Region Klaipėda an Deutschland angegliedert, und die Juden verließen
Klaipėda. Die jüdische Gemeinde von Klaipėda verwaltete diesen Friedhof bis März 1939. Zu
diesem Zeitpunkt wurde das Gelände von den Behörden Nazi-Deutschlands beschlagnahmt.
Allerdings gab es noch einige Juden, die in der Stadt geblieben waren. Einer von ihnen; Hirsch
Grinker, der aus Kretinga stammte, starb in Memel am 28. Oktober 1939, ein anderer im
November des gleichen Jahres. Ich nehme an, dass sie ebenfalls hier beerdigt wurden.
Was auf dem Friedhof zwischen 1940 und 1947 geschah, wissen wir nicht genau. Es kann sein,
dass man damals schon begonnen hat, Grabsteine als Baumaterial abzutransportieren – aber wir
wissen es nicht. (Vor kurzem wurde in der Nähe des Einkaufszentrums „Akropolis“ ein jüdischer
Grabstein gefunden. Wie sich herausstellte, stammt er von diesem Friedhof und schmückte das
Grab des Kaufmanns Schey Jacobson, der aus Darbenai stammte.)
Das Ritualgebäude auf dem Friedhof, wurde in den sowjetischen Dokumenten der Nachkriegszeit
als »Synagoge« bezeichnet. Es wurde 1947 an ein Unternehmen für Expeditionsfang als Werkstatt
für Fischereinetzstricker übergeben. 1950 kam das Gebäude samt dem 0,75 Hektar großen
Grundstück an die Veterinärinspektion der Stadt. Tatsäch-lich war an diesem Standort ab 1954 ein
Störsender gegen ausländische Radiosender in Betrieb. Die sowjetischen Behörden wollten
verhindern, dass die Einwohner „Voice of America“, „BBC“, „Radio Free Europe“ oder „Kol Israel“
hörten. Während des Baus der Antennenanlage wurden die meisten Grabsteine (Matzevot) des
alten jüdischen Friedhofs zerstört und als Baumaterial verwendet. Im Jahr 1988, nach der Einstellung des Programms zur Störung von Radiosignalen, wurde der Betrieb der Anlage eingestellt. Dies war bereits Teil des Perestroika-Prozesses. Im November 1988 wurde eine jüdische Kulturverein gegründet. Sie trug den Namen „SHALOM“. Ihr Gründer und Vorsitzender war Jakov Rikleris. 1989 lte der Stadtrat den Juden die Erlaubnis, das Friedhofsgelände zu nutzen. Sie renovierten das Gebäude, und seitdem haben die Juden von Klaipėda ein eigenes Zuhause.
1991 wurde die jüdische Gemeinde von Klaipėda registriert. Im wieder unabhängigen Litauen gab es einen Beschluss des Präsidiums des Obersten Rates vom 7. November 1990, dass Gräber von Holocaustopfern und jüdischen Friedhöfe in Litauen markiert und gepflegt werden sollen. Aufgrund dieses Beschlusses wurde im März 1991 mit der Instandsetzung des jüdischen Friedhofs in Memel
begonnen. Die Antennen des Radiosenders wurden abgebaut, und am 10. Mai wurden die dort gefundenen sterblichen Überreste umgebettet. Im Jahr 1992 wurde das Gelände nach einem Entwurf des Architekten Saulius Manomaitis landschaftlich gestaltet. Wie Sie sehen können, wurden alle gefundenen Grabsteine in diese „Klagemauer“ integriert. Auf Initiative von Arkady Lichtinshain und Samuil Kvasha wurde hier Litauens erste Allee der Gerechten angelegt. Im Jahr 2018 bestätigte ein
Gerichtsurteil die Rechte der Gemeinde an dem Gebäude. Heute beherbergt das Friedhofsgebäude eine Synagoge.
Hier sind heute die Fundamente einer der vierbeinigen Antennen zu sehen – ein erhaltenes
Fragment des ehemaligen Antennenkomplexes, das von der Geschichte des Kalten Krieges und
der komplexen Vergangenheit dieses Ortes zeugt. Wenn man die Bruchstücke der Macevot genau
anschaut, kann man auch noch etwas herausfinden. Ich habe z.B ein Stück von dem Grabstein von
der Mutter des bekannten Konsuls Nafthal gefunden. Sie hieß Ella Nafthal geb. Sussmanowitz.
Wie Sie sehen, vereinigt dieser Ort, den man auf Hebräisch ”Bet Olam”, als ”Haus der Ewigkeit”
bezeichnet, viele Geschichten. Mit den neuen Elementen und den Fotos, die heute vorgestellt
werden, lassen sich die vielen Episoden der Geschichte noch besser erzählen.


Bet Tahara
