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Das Schachdorf Ströpken

Die Namensähnlichkeit von Ströbeck und Ströpken ist nicht rein zufällig, wie Angela Matthies, die Leiterin des Schachmuseums in Ströbeck, weiß. Dörfler aus Ströbeck siedelten im Beginn des 18. Jhs. in dem durch die Pest entvölkerten Ostpreußen und nahmen die zu Hause bereits seit langem verbreitete Begeisterung für das Schachspiel mit in die neue Heimat. Die neue Siedlung benannten sie nach dem alten Dorf, nur angepasst an die ostpreußische Mundart.

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Die Namensähnlichkeit von Ströbeck und Ströpken ist nicht rein zufällig, wie Angela Matthies, die Leiterin des Schachmuseums in Ströbeck, weiß. Dörfler aus Ströbeck siedelten im Beginn des 18. Jhs. in dem durch die Pest entvölkerten Ostpreußen und nahmen die zu Hause bereits seit langem verbreitete Begeisterung für das Schachspiel mit in die neue Heimat. Die neue Siedlung benannten sie nach dem alten Dorf, nur angepasst an die ostpreußische Mundart.

Hier der Bericht von Angela Matthies vom Schachmuseum in Ströbeck:

Das Schachdorf Ströbeck und Ströpken in Ostpreußen

Das Dorf Ströbeck am Harzrand wird erstmals im Jahr 995 urkundlich erwähnt. Frühere Nenn- und Schreibweisen des Namens sind Ströpke, Ströpcke oder Ströpeke. Bekannt ist der Ort durch seine jahrhundertealte Schachtradition, über deren Ursprung eine alte Legende Auskunft gibt. Seit Jahrhunderten erzählt man sich in Ströbeck, ein Bischof zu Halberstadt, dessen Name nicht bekannt ist, habe den Bauern von Ströbeck einen vornehmen Staats- oder Kriegsgefangenen übergeben, um ihn gefangen zu halten, bis der Bischof darüber anderweitig verfügen würde. Diesem Befehl hätten die Ströbecker auch Folge geleistet und den gefangenen Herrn gut behandelt. Weil ihm nun freundlicher begegnet worden war, als er befürchtet hatte, so habe der ungenannte Gefangene sich öfter mit ihnen unterhalten und ihnen bei solcher Gelegenheit das Schachspielen gelehrt. Nach einiger Zeit sei er wieder in Freiheit gesetzt worden und habe die Bauern beschenkt, die daraufhin aus dankbarem Andenken dieses Spiel beständig beibehalten und dessen Gebrauch an ihre Nachkommen weitergegeben hätten. So wurde über Jahrhunderte selbstverständlich die Kunst des Schachspiels von einer Generation an die nächste überliefert, trotz Not und schwerer Arbeit, trotz Kriegen und Seuchenzügen. Wegen ihrer Schachfertigkeit genossen die Ströbecker besondere Privilegien, so dass ihnen bestimmte Steuern, Abgaben oder Dienste erlassen waren. Diese Privilegien wurden jeweils nach Übergabe eines wertvollen Schachspiels durch die Ströbecker von den neuen Landesherren bestätigt.

Auf diese Weise hatten die Bauern des Ortes über Jahrhunderte große Vorteile wegen ihrer Schachtradition. Seit dem 17. Jahrhundert spielen Ströbecker Schach mit lebenden Figuren. Die Lebendschachgruppe ist bis heute ein Besuchermagnet bei vielen Veranstaltungen. In der Ströbecker Schule wird seit 1823 Schach als Pflichtfach unterrichtet, mit Lehrprogramm, Tests und Zeugnisnoten. Jeder Schuljahrgang ermittelt im letzten Jahr des Schachunterrichts in einem Wettkampf die drei besten Spieler, die dann mit einem typischen Ströbecker Schachbrett geehrt werden. Bis heute ist das Schachspiel aus dem täglichen Leben des Ortes nicht wegzudenken. Ströbeck hat einen Schachplatz mit einem großen gepflasterten Schachfeld, das Gasthaus zum Schachspiel, einen Schachladen und natürlich einen Schachverein. In jedem Frühjahr wird ein großes Schachturnier und Dorffest, das so genannte Schachfest veranstaltet.

Seit 1991 wird die besondere Geschichte und Tradition des Dorfes in einem kleinen Museum, dem Schachmuseum Ströbeck, den Besuchern gezeigt und erläutert. Nach dem Umzug in das alte Rathaus der Gemeinde am Schachplatz verfügt das Museum über viel Raum und eine gute Ausstattung, um den gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden. Wertvollstes Ausstellungsstück ist ein Schachbrett von 1651, das der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg den Ströbeckern nach dem 30jährigen Krieg zum Geschenk machte. Mit dem Museum, dem Schachverein und der Schule wird auf vielfältige Art und Weise die Tradition des Schachspiels in diesem einzigartigen Dorf seit Jahrhunderten lebendig gehalten.

Auch in Ostpreußen gibt es einen kleinen Ort im früheren Amt Weedern, der bis zur Vertreibung der deutschen Bevölkerung am Ende des zweiten Weltkriegs ähnlich wie Ströbeck „Ströpken“ hieß. Die Geschichte dieses Dorfes ist eng mit dem Schachdorf Ströbeck verknüpft. In den Jahren 1708 bis 1710 war das so genannte Preußische Kronland, zu dem auch Preußisch-Litauen im späteren Ostpreußen, zählte, von einer Pestepidemie, anderen Seuchen und schwerer Hungersnot weitgehend entvölkert. Hierzu wird in zeitgenössischen Quellen berichtet, dass von über achttausend ausgestorbenen Bauernhöfen in Preußisch-Litauen bis 1711 nur ein Viertel durch Zuzug aus dem eigenen Land wieder besetzt werden konnte. Viele Höfe verfielen, Äcker waren nicht bestellt und verwüsteten.

Der auch als „Soldatenkönig“ bekannte Friedrich Wilhelm I. rief darauf hin so genannte „Kolonisten“ aus anderen Gebieten seines Herrschaftsbereichs auf, sich dort anzusiedeln, die Felder zu bewirtschaften, Handwerk zu betreiben und die Dörfer und die deutsche Kultur zu erhalten. Durch Heranziehung von Einwanderern, auch Handwerkern und Bauern aus dem mitteldeutschen Raum, sollten Wiederbesiedlung („Repeuplierung“) und Wiederaufbau („Retablissement“) sichergestellt werden. Große Zuwanderungszahlen sind überliefert für die Jahre 1712/13 und 1722/23. Mit so genannten Einwanderungspatenten, die in preußischen Ämtern angeschlagen waren und von der Kanzel verkündet wurden, wurden Umsiedler geworben. Die Bedingungen für die Ansiedlung, z.B. Übernahme der Reisekosten, Kosten für die Saat, mehrere Freijahre, in denen keine Abgaben gezahlt werden mussten usw. lockten die Menschen, ihre Heimat zu verlassen und weit im Osten ein neues Leben aufzubauen.

Auch aus dem Halberstädter Land wollte sich eine große Zahl arbeitswilliger Leute und junges Bauernvolk in Litauen ansiedeln. Ein alter Bericht sagt, die Aussiedler hätten in ihrer Heimat nichts zu verlieren gehabt. Vermutlich waren viele von Ihnen Nachkommen aus vielköpfigen Familien, deren Höfe klein und die kaum in der Lage waren, alle Kinder zu ernähren, oder aber landlose Knechte und Mägde, die auf einen eigenen Besitz und ein besseres Leben im fernen Osten hofften.

Viele Namen von Umsiedlern aus dem Fürstentum Halberstadt sind in den alten Aufzeichnungen überliefert. 450 Personen siedelten im Jahr 1712, 1370 Personen 1713 nach Preußisch-Litauen über, geringere Zahlen in den Folgejahren. Ende 1722/Anfang 1723 sind unter den zahlreichen Halberstädter Einwanderern folgende Ströbecker Familien:

  • Hans Krökel (Kröckel, Krekel, Kräkel) mit Ehefrau und 5 Kindern
  • Andreas Riche mit Ehefrau und einem Kind
  • Sebastian Miher (Müne) mit Ehefrau und 3 Kindern
  • Christan Andreas Meße (Messe)
  • Paul Westendorff


Man siedelte die aus Ströbeck kommenden Familien und jungen Leute im Amte Weedern an. Der Ort, in den sie kamen, hieß Mazaitschen (auch Mazzaitschen, Mazzatsch oder Mazatsch) und liegt dicht am alten Bahnhof Darkehmen. Getreulich bewahrten die Ströbecker Umsiedler auch in der neuen Heimat ihre überlieferte Schachtradition. Sie lebten sich bald gut ein, arbeiteten fleißig, bauten die Höfe wieder auf und bestellten die Äcker. Nur der fremde Name des Ortes, der so gar nicht zu ihrer niederdeutschen Mundart passen wollte, gefiel ihnen nicht so gut.

Im Jahre 1729 besuchte König Friedrich Wilhelm I. auf einer seiner Inspektionsreisen im Osten die neue Siedlung. Ihm war das altberühmte Ströbeck im Vorharz nicht unbekannt, denn schon seit langer Zeit besuchten immer wieder Fürsten und Könige das Schachdorf, um dort die Schachfertigkeit der Bauern zu erleben. Nach alten Berichten bot nun der Krugwirt Krökel von Mazeitschen dem König Friedrich Wilhelm I. eine Schachpartie an und bat sich, falls er gewinnen sollte, eine Gnade vom König aus. Das Spiel endete zu Krökels Gunsten. Er forderte als Belohnung nun, daß dem Ort Mazeitschen von nun an der Name Ströbeck gegeben würde, als Andenken an seine ferne Heimat. Diese Bitte wurde ihm gewährt. Seitdem nannte man das Dorf in Anpassung an die litauischen Namensänderungen „Ströpken“. So blieb die alte Tradition des Schachspiels den Ströbeckern auch in ihrer neuen Heimat Ostpreußen nicht nur Zeitvertreib, sondern trug ihnen wir früher schon in Ströbeck handfeste Vorteile bei der Obrigkeit ein.

Noch zum Ende des 19. Jahrhunderts zeigte man in Ströpken Besuchern die Dorflinde, unter der zwischen dem Soldatenkönig und dem heimatstolzen Krugwirt die Schachpartie ausgetragen wurde, wie alte Berichte erzählen. Aber nach einem Bericht von einem Pfarrer Rogge, der im Jahr 1870 in Königsberg in der Altpreußischen Monatsschrift veröffentlicht wurde, ist bereits zu dieser Zeit „in Ströpken kein einziges Schachspiel mehr vorhanden“.

Nach dem ersten Weltkrieg blieb der Versuch einer Kontaktaufnahme von Ströbeck mit der Pfarre im ostpreußischen Ströpken ohne Antwort. Diese Gegend hatte wohl bereits 1914 unter dem Einfall der Russen stark zu leiden. Allerdings ist von Ströpken aus einmal eine Bestellung über das bekannte, in der Inflationszeit 1921/22 in Ströbeck heraus gegebene Notgeld mit Schachmotiven eingegangen. Wer diese Bestellung aufgegeben hatte, ist nicht überliefert, aber es muss immerhin noch Interesse am „alten“ Ströbeck gegeben haben.

Nach Ende des zweiten Weltkriegs wurde die noch verbliebene Bevölkerung von Ströpken in Darkehmen zusammengepfercht, wo die meisten der Menschen ums Leben kamen. Heute ist deutschstämmige Bevölkerung im ehemaligen Ströpken, das heute Usakovo heißt, nicht mehr nachweisbar.

Die genannten Namen der Einwanderer aus Ströbeck zu Beginn des 18. Jahrhunderts sind so oder ähnlich im Kreis Halberstadt noch vorhanden. Es finden sich Eintragungen unter Krökel, Kröckel, Messe, Miehne, Nehrkorn, Rieche oder Westendorf im örtlichen Telefonbuch. Eine frühere Bauernfamilie Messe, deren Vorfahr noch 1905 in Ströbeck im Schulwettkampf ein Schachbrett gewonnen hatte, wohnt heute im Nachbarort Langenstein. Eine Familie Nehrkorn betreibt im benachbarten Heudeber eine Mosterei. Welche dieser Familien direkt in Beziehung stehen mit den damaligen Auswanderern lässt sich heute nicht mehr sagen.

 
 
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