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Auf Spurensuche der Familie Klepke – eine Polenreise im Jahre 2005

Aufgeschrieben für meine Tochter Tanja Klepke

Deine Urgrosseltern lebten in Hirschfeld im Kreis Preussisch Holland. Dein Urgroßvater Karl Friedrich Matz kam aus Allenstein. Wann die Familie nach Hirschfeld zog, kann ich nicht sagen. Die Gründe für den Umzug liegen auch im Dunkeln. Er kaufte also dieses Anwesen am Oberländischen Kanal. Das kann vor dem 1. Weltkrieg gewesen sein. Wahrscheinlicher aber danach. Das würde man nur noch über die Geburtsurkunden der Großtanten und –onkel herausfinden können. Der Name Matz deutet auf österreichische Vorfahren hin. Vor langer Zeit lebten in Ostpreußen die Pruzzen


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Aufgeschrieben für meine Tochter Tanja Klepke

Deine Urgrosseltern lebten in Hirschfeld im Kreis Preussisch Holland. Dein Urgroßvater Karl Friedrich Matz kam aus Allenstein. Wann die Familie nach Hirschfeld zog, kann ich nicht sagen. Die Gründe für den Umzug liegen auch im Dunkeln. Er kaufte also dieses Anwesen am Oberländischen Kanal. Das kann vor dem 1. Weltkrieg gewesen sein. Wahrscheinlicher aber danach. Das würde man nur noch über die Geburtsurkunden der Großtanten und –onkel herausfinden können. Der Name Matz deutet auf österreichische Vorfahren hin. Vor langer Zeit lebten in Ostpreußen die Pruzzen. Ein heidnischer Volksstamm, der sich der Christianisierung hartnäckig widersetzte und unterging. So gesehen gehörte das Land weder den Deutschen noch den Polen, wenn man denn Gebietsansprüche aus der Geschichte ableiten will. Mit der Christianisierung kamen Siedler aus Schwaben, Holland, Österreich und anderen Teilen des Deutschen Reiches. Meine Mutter erzählte immer wieder, eine ihrer Tanten soll eine große Familienchronik geführt haben; hiernach soll es einen österreichischen Generaladjutanten des kaiserlichen Hofs in der Familiengeschichte gegeben haben, der soll später ermordet worden sein. Leider konnte sie keine Einzelheiten nennen. Der Anteil der Polen in Ostpreußen war klein. Das Gebiet südlich Elbings liegt sehr tief – für die Urbarmachung holte man sich die Holländer ins Land – daher auch der Name Pr. Holland. Östlich Elbings, die Elbinger Höhen – eine Moränenlandschaft.

Das Anwesen Deiner Urgroßeltern in Hirschfeld war 15 Hektar groß – es gehörte eine Ziegelei dazu. Er war ja Ziegelmeister, was sicher kaufentscheidend war. Der Boden um Hirschfeld ist fruchtbar; es wachsen auch Zuckerrüben. Ob der lehmige Boden – eine der Voraussetzungen für eine Ziegelei - gut geeignet war, kann man schwer beurteilen. Unterschiedliche Anforderungen an Ziegelsteine und Dachpfannen. Die nächste größere Ziegelei war wohl in Pr. Holland. Auch über Verkehrsverbindungen und die Konkurrenz anderer lässt sich heute wenig sagen. Aus den Erzählungen meiner Mutter weiß ich, die Ziegelei ging nicht. Wirtschaftlich fehlte Deinem Urgroßvater damit eine Ertragsquelle. 15 Hektar für diese große Familie waren wohl gerade ausreichend. Einwohner sagten mir, „ein schöner Hof“. – jedoch etwas abseits vom Ort. Den Vorstellungen jener Zeit lernten die Mädchen – Deine Großtanten – keinen Beruf: sie kriegten eine Aussteuer. Die Jungen lernten einen Beruf, meist machten sie auch die Meisterprüfung; eine solide Ausbildung. Meinen Großvater erinnere ich noch. Er lebte sehr angespannt, Angeln tat er gerne. Erzählen tat er nie viel. Meine Fragen mochte er nicht beantworten.

Hirschfeld ist ein kleiner Ort. Damals wie heute sind es so einige hundert Einwohner. Eingekauft wurde in Pr. Holland – so 10 Kilometer entfernt. Pr. Holland ist auch Bahnstation. Zusätzlich gab es einen Postbus. Weiter hatten die Bauern ja auch Pferd und Wagen. Dann natürlich die Bootsverbindung am Oberländischen Kanal von Elbing „über die Rollberge“. weiter nach Masuren bis Osterode. Fünf geneigte Ebenen und zwei Schleusen. Am Kanal, eine der großen Touristenattraktionen, hatten Deine Urgroßeltern ihr Anwesen: ein Areal vierhundert mal vierhundert Meter.

1944, der letzte Sommer im deutschen Ostpreußen: meine Mutter machte mit uns drei Kindern eine Reise zu ihren Eltern am Oberländischen Kanal. Von Elbing aus über den Drausensee und die „Rollberge“ nach Hirschfeld. Sechsjährig, meine erste Bootsfahrt, wurde ich aus disziplinarischen Gründen unter Deck geschickt. Scheinbar stand das Boot und der Bootswagen kam am Schiff vorbei und blieb darunter stehen. Aufmerksam und etwas ängstlich von mir beäugt, die Wasserpflanzen am Bootswagen. Sechzig Jahre sollten vergehen, bis ich diese Fahrt noch einmal erlebte…

Bei meiner Reise in die Vergangenheit besichtigte ich den Ort Hirschfeld genau. Ganz wenige eigene Erinnerungen, die Gespräche meiner Eltern und die Berichte von Zeitzeugen. Als erstes die Kirche: hier hatten meine Eltern im August 1937 geheiratet, hier wurde meine Großmutter 1940 begraben. Meine Mutter erzählte viel von dem Taufengel, der heruntergelassen werden konnte. Ihn gibt es nicht mehr. Geblieben ist wohl das Gestühl der Kirche. Und „unserem Pastor“, einem Mitglied der Reisegruppe schien es, dass ein Bild im oberen Altarbereich noch aus der deutschen Zeit stammte. Welche Hoffnungen und Wünsche mögen die Eltern 1937 gehabt haben? Acht Jahre später waren sie nicht mehr in ihrer Heimat. Am Eingang des Dorfes das Denkmal für die Gefallenen des Weltkrieges in gutem Zustand. In der Mitte des Ortes ein Bach: ein kleiner verträumter Ort. Hier werden sie spazieren gegangen sein und sich von dem Trauma der zwanziger Jahre versucht haben, zu befreien. Hier an den Wegen des Fließ werden sie wohl ihr Leben geplant haben. Dein Großvater wurde früh Vollwaise, sehr dankbar war er für die Aufnahme in die große Familie. Meine Eindrücke versuchte ich mit den Erzählungen in Übereinstimmung zu bringen. Das Auffinden des Hofes Deiner Großeltern wurde schwierig. Die wenigen verbliebenen Deutschen kamen in den sechziger Jahren nach Hirschfeld. Sie wissen nichts aus der Vergangenheit. Mit der Dorfbevölkerung war keine Verständigung möglich. Zwar teilweise sehr bemüht, konnte sie nicht helfen. Die Gemeindeverwaltung war geschlossen und eine Polizeidienststelle gibt es nicht. Die ortskundige Dame war nicht eingetroffen. Wieder studierte ich die Landkarten und Pläne. Mit diesen alten Plänen und jetzt anderen Straßenverläufen gelang es nicht, den Hof zu finden. Etwas deprimiert suchte ich nach anderen Lösungen. Sollte ich hier tatsächlich wegfahren müssen, ohne den Hof zu finden?

Auf der dorfabgewandten Seite des Kanals untersuchte ich alles. Weit weg war das Dorf Hirschfeld jetzt. Ich näherte mich der Ebene Hirschfeld des Oberländischen Kanals. Ich schaute neben den Berg auf eine Baumgruppe. Und da war sie die Erinnerung: die Schienen bergauf für den Bootswagen. Aber das konnte doch nicht sein. Die Baumgruppe war doch sicher jünger als sechzig Jahre. Es musste eine Täuschung sein. Mein Gefühl sagte mir, hier warst Du schon einmal! Jenseits des Scheitels eine lange Gerade. Wieder wurde ich unsicher. Das Gehöft sollte noch stehen, es sollte am Kanal liegen, an einer Wendestelle für die Holzflößerfahrer. Von beidem war nichts zu sehen, und die andere Kanalseite war gut einzusehen. Sollte es tatsächlich so sein, dass ich diese Reise umsonst gemacht hatte? Voraus wurde die andere Uferseite schwerer einsehbar.

Bis dort wollte ich gehen und dann mein Vorhaben aufgeben. Zwischen den Büschen der anderen Seite tauchte ein Haus auf, und in diesem Moment wusste ich, das ist das Haus Deiner Urgroßeltern, das Deiner Großtante Anna und ihrem Mann Otto Neumann. Ein altes Photo von dem Anwesen aus den vierziger Jahren hatte ich bei mir. Da waren aber mehrere Gebäude, hier aber war nur eins. Sorgfältig verglich ich Einzelheiten zwischen dem Gebäude und meinem Photo – ja, das war das Gebäude. Über die Brücke betrat ich das Anwesen. Viele Kinder, mehrere Generationen und Familien unter einem Dach. Anfänglich war die Aufnahme erkennbar skeptisch. Die Leute konnten nur wenig Deutsch; Englisch half eh nicht weiter. Mein kleines Vokabular im Russischen half. Die Großmutter dort sah meiner Großmutter auf dem Photo sehr ähnlich. Ich zeigte ihr ein Bild von dem Grabmal meiner Großmutter. Sichtlich löste sich die Spannung – nein, ich wollte das Haus bestimmt nicht zurück und niemand in unserem Land will auch die Gebiete zurück. Man lud mich zum Kaffee ein und ich durfte alles photographieren. Du siehst die vielen Photos auf meiner DVD. Die alte deutsche Aufnahme des Anwesens überließ ich ihnen. Man erkundigte sich nach dem Namen des letzten deutschen Besitzers. Gerne hätte ich Einzelheiten über die Leute erfahren. Ein junges Mädchen lernt Deutsch in der Schule. Aber für ein Gespräch reichte es nicht. Ich bot an, Informationen über die deutsche Vergangenheit zu schicken – das war nicht erwünscht. In das Haus wurde ich nicht gebeten – beide Seiten wollten es wohl auch nicht. Eine eigenartige Situation: Am Gartentisch die Kinder - Babuschka und ich, wir tranken Kaffee. Am Hauseingang die Erwachsenen, die immer wieder das Photo betrachteten und diskutierten. Meine Karte überließ ich ihnen, sie machten noch Photos mit ihrer Kamera von mir. Ich überlegte, was mögen sie über meinen Besuch gedacht haben, wie mögen sie empfunden haben: Ein alter Mann konfrontiert sie mit einem sechzig Jahre altem Photo. In den Augen der alten Frau las ich großmütiges Verstehen. Sie wusste, wir kannten das Leben, und man kann vor der Geschichte nicht weglaufen. Es gab nichts mehr zu tun – ich hatte mein Vorhaben umgesetzt.

Sehr auf die Form achtend verabschiedete ich mich von der Großmutter und verließ langsam das Anwesen: ich wusste, ich war wohl der letzte aus meiner Familie, der dies alles noch einmal sah. Ich schaute mich noch einmal um; da hat mein Großvater mit mir gestanden und mir das Angeln gezeigt. Hier sah ich das erste Mal, wie er einen Fisch fing. Stand ich früher mit meinem Großvater alleine da am Kanal, so waren jetzt viele Kinder mit Erwachsenen da und angelten. Langsam ging ich über die Brücke. In meiner Vorstellung haben meine Eltern voller Lebenserwartung hier gestanden. Später erfuhr ich dann, die Brücke in dieser Form ist erst nach dem Kriege entstanden. Sehr langsam machte ich mich auf den Weg zurück. Wie sehr bedauerte ich, dass ich meinen Eltern nichts mehr von diesem Besuch erzählen konnte.

Metropole war Elbing. Weiterführende Schulen, Hafenstadt und bedeutende Handelsstadt: im 13. Jahrhundert von Lübecker Kaufleuten gegründet, verlor sie später gegenüber Danzig an Bedeutung. Schiffs- und Maschinenbau. Eisenbahnknotenpunkt und Garnisonsstadt. So wie Du in St. Marien in Lübeck, wurde ich in St. Marien in Elbing getauft. Eine große evangelische Kirche, sie wurde im Kriege sehr beschädigt. Jetzt ist sie schön restauriert. Fünf Aufnahmen von St. Marien sind auf meiner DVD. Auch die Hl. Leichnam-Kirche ist schön restauriert – zwei Aufnahmen auf meiner DVD.

Polen ist ein katholisches Land, und man hat für die St. Marien-Kirche keine Verwendung, sie ist heute eine Kunstgalerie, die Galerie El. Der Anteil der katholischen Bevölkerung im deutschen Ostpreußen war sehr klein. St. Nicolai in Elbing hat den Krieg einigermaßen überstanden – eine damals wie heute katholische Kirche. Der Turm weithin sichtbar. Zwischen den Weltkriegen wurde in Elbing das Ludendorff-Denkmal am Gänseberg errichtet. Das wurde nach dem Kriege gesprengt. Der Besuch, eine Referenz auch an unsere Familienmitglieder, derer so gedacht wurde. Nur die Einfassungsmauer ist erhalten… Aber ein großartiges Panorama über Elbing. Der Aufstieg lohnt. Das Denkmal sollte an die Tannenbergschlacht erinnern. Im 1. Weltkrieg schlugen die Deutschen die Russen in der Nähe von Tannenberg zurück. Die deutschen Generale Hindenburg und Ludendorff wurden in Ostpreußen sehr geachtet. Das eigentliche Tannenberg-Denkmal war eine Gedenkstätte für eine Schlacht des deutschen Ritterordens bei Tannenberg. Beim Rückzug der Deutschen Wehrmacht wurde es 1944 geschleift. Die Sarkophage von Hindenburg und Ludendorff wurden ins Reich geholt. Ich sandte Dir mal ein Bild von dem Tannenberg-Denkmal. Derzeit sind die Polen dabei ein neues Tannenberg-Denkmal zu errichten: Sehr groß soll es in einigen Jahren fertig werden.

Elbing ist heute keine Hafenstadt mehr. Der Elbing-Fluss ist jetzt sehr flach und die Brücken sind nicht klappbar. Die Frische Nehrung ist mit ihrem Zugang zur Ostsee bei Pillau (Baltisk) EU-Außengrenze. Die Russen machen immer noch Probleme die Enge zu passieren. Zwar gibt es eine Fährverbindung Elbing – Kahlberg –Königsberg, aber EU-Bürger brauchen für den russischen Teil des alten Ostpreußens ein Visum. Elbing wurde im Kriege stark zerstört. Die Zahlen schwanken zwischen 65 und 90 % In den Elbinger Nachrichten sind zwei Folgen über die letzten Kriegstage in Elbing. Die alte Innenstadt um das Marktor gänzlich. Hier am Alten Markt 37 hatten meine Eltern ihre erste kleine Wohnung. Dieser Innenstadtbereich wird aufwendig restauriert. Es entsteht eine Mischarchitektur. Vieles erinnert an den Untertravebereich in Lübeck. Zwar versucht man eine Verbindung zur Hanse herzustellen, aber die Polen hatten weder eine Beziehung zur Hanse, noch waren sie je Mitglied. Und so fehlt der geschichtliche Zusammenhang ganz.

Ganz ähnlich ist es mit den alten Herrschaftsbauten Quittainen und Schlobitten. Quittainen – das Haus der Dönhoffs (Marion Gräfin Dönhoff war Herausgeberin „Der Zeit“) ist heute ein sehr teurer Hotelbetrieb. Das rosafarbene Anwesen auf einem Photo meiner DVD. Und Schlobitten – das Haus der Dohnas – ist nach dem Kriege abgebrannt. Es gibt Pläne es aufzubauen. Für wen? Auch hier würde dem Neubau eine Verbindung zur Geschichte fehlen. Marion Gräfin Dönhoff schrieb ein Buch über die Flucht aus Ostpreußen: „Als wir gehen mussten“. Sehr couragiert machte sie die Flucht mit Pferd und Wagen. Einen verwundeten deutschen Soldaten versteckte sie und nahm ihn mit. Später hörte ich, es war der Gärtner des Anwesens. Aus Schlobitten führte Graf Dohna einen Treck mit 30 Wagen sicher in den Westen. Aber so etwas hat Deine Großtante Anna ja auch geschafft.

In Elbing interessierten mich die Stellen, wo ich noch einen Bezug bei Kriegsende hatte. Da war also der Bahnhof. Man hat ihn ziemlich verschandelt… Meine Schule, die Trusoschule in der Trusostraße. Truso war ein alter Handelsplatz ähnlich Haithabu. Die Schule hat den Krieg heil überstanden. 1944 ging ich hier bis zu den Weihnachtsferien zur Schule. Leider habe ich nur wenige Erinnerungen. Dann natürlich die Tannenbergalleee 279 – hier bekamen ja meine Eltern ihre erste richtige Wohnung. In der Erinnerung war alles viel größer. Das Fenster im Treppenhaus, die Treppe, die Fassaden: es ist alles so geblieben. Die Wohnungstüren sind neu. Hinzugekommen sind natürlich die Satellitenschüsseln und die Schornsteine für eine neue Heizung. Tadeus, mein Taxifahrer bat, mich einen Blick in die Wohnung werfen zu lassen. Aber weder der ‚neue Mieter’ noch ich wollten das wirklich. Die Tannenbergallee heißt heute Aleja Grunwaldska. Die Hausnummer ist geblieben.

In Kahlberg – Krynica Morska - freundete ich mich mit dem Pächter des Yachthafen-Restaurants „Tawerna Jachtowa“ an. Die Frau hat einen deutschen Großvater. Die Tochter Kinga, eine Jurastudentin, spricht fließend deutsch. Der Vater fährt abends in Elbing Taxi, wo die Familie auch wohnt. Der Vater machte dann am nächsten Tag mit mir die Tour durch Elbing. Eine Familie, wo kein Vorurteil gegen die Polen mehr stimmte. Am Schluss lud er mich in seine Wohnung in Elbing ein, und wir studierten gemeinsam alter Elbinger Literatur. Großartige Gastfreundschaft. Später lief ich dann noch einmal meinen alten Schulweg ab – sehr, sehr weit war er.

Polen ist heute Mitglied der EU. Den Euro haben sie noch nicht. Alles ist recht billig. Auf den Tourismus stellt man sich langsam ein. Das Land ist unsicher, und die Kriminalität ist hoch. Die Sprachbarriere ist immens. Sehr wenige Anglizismen im Straßenbild. Man erkennt immer deutlicher, die deutsche Vergangenheit ist der große Magnet für den Tourismus. Aber die deutschen Touristen, die eine Beziehung zu der Vergangenheit haben, werden immer älter und für die jüngeren ist das Land weniger attraktiv. So ist man wohl auf dem richtigen Wege, aber alles geht in unserer Zeit, wo die Entwicklungen so stürmisch sind, viel zu langsam… Die jungen Polinnen sind sehr körperbetont angezogen; bei den älteren Damen findet man unsere Mode aus den 50er Jahren wieder – oft eine atemberaubende Eleganz.

Besonders interessierte mich der Zustand der Häuser aus der deutschen Zeit. Bemerkenswert der Zustand der Dächer. In den 20er und 30er Jahren gebaut, verfallen sie jetzt. Ein neuer Dachstuhl ist für viele Hausbesitzer unerschwinglich. Eine Entwicklung aus Dänemark: kunststoffbeschichtete Platten in der Pressung von Dachpfannen werden als Alternative zu den teuren Dachpfannen gerne akzeptiert. In Deutschland wird diese Lösung als zu wenig lärmdämmend angesehen. Alte Eternitplatten mit Asbestanteilen sind in Deutschland nur sehr kostenaufwendig zu entsorgen. Sehr schlecht der Zustand der Gehwege abseits der Sehenswürdigkeiten.

Das ELZAM – eine Mall – von außen wenig ansprechend- innen sehr schön und geschmackvoll. Viele Grünflächen, hier lagen die Trümmer der zusammengeschossenen Häuser. Das Eisenbahnnetz ist gut ausgebaut – alles elektrisch. Informationen nur in polnischer Sprache. Eine australische Brauerei hat in Elbing eine Niederlassung. Sie hat viel investiert und ist wirtschaftlich erfolgreich. Die Heinrich-von-Plauen-Schule, die „Plauenburg“, bei Kriegsende ein Lazarett, ist heute Sitz der Stadtverwaltung. Das Gerichtsgebäude mit einer wunderschönen Fassade und davor eine alte Straßenlaterne aus deutscher Zeit. Hier und an der Trusoschule sind die alten Elbinger Stadtwappen erhalten. Auf meiner DVD das Titelphoto. An sehr vielen Häusern die alten Fahnenhalter aus vergangenen Zeiten, hier oft zu sehen, in westdeutschen Städten eine Rarität.

Bei allem ist natürlich zu bedenken, nach dem Kriege gingen große Teile Ostpolens an Russland; die dortige Bevölkerung wurde nach Ostpreußen umgesiedelt, und später das Bemühen, alles Deutsche aus dem Leben in Polen zu beseitigen. Schon vor dem Kriege gab es nur wenige Gemeinsamkeiten zwischen Deutschen und Polen: in der Bevölkerung gab es nur wenige Mischehen. So ist es nur natürlich, einen Bezug zu den alten deutschen Hinterlassenschaften können sie kaum aufbauen. In der alten Innenstadt Elbings gibt es schöne Restaurationserfolge. Typisch aber auch die Marienburg, sie war über drei Jahrhunderte in polnischen Besitz, nur gebaut hat sie der Deutsche Ritterorden.

Günter Klepke

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