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Erinnerungen an meine Kindheit in Ostpreußen

von Gerhard Helmstädt, geschrieben im Mai 2001 auf Wunsch meines Neffen Axel

Ich habe mich sehr gewundert, was mir nach all den Jahren so alles eingefallen ist. Leider habe ich nie Aufzeichnungen gemacht. Wenn man erst beim Schreiben ist, erinnert man sich an viele Einzelheiten. Vieles werde ich auch vergessen haben. So manches ist mir nach dem Schreiben eingefallen. Einiges hätte ich auch ausführlicher darlegen können.

Mutti hat mir erzählt, dass ich, als ich noch im Kinderwagen am besten aufgehoben war, von Mädchen aus der Nachbarschaft herumgefahren worden bin, weil Mutti wenig Zeit hatte. 1929 / 1930 hatten Mutti und Papa mit dem Hausbau zu tun. Zuerst war der Stall gebaut worden. Der spätere Hühnerstall war unser Schlafzimmer, in der späteren Futterküche wurde gekocht. Ob die Mädchen von Staats, von Gutzeits oder anderen Nachbarn waren, weiß ich nicht, habe ich vergessen. Mutti hat mir das bestimmt erzählt. Jedenfalls sollen die ganz verrückt nach mir gewesen sein, denn dem Erzählen nach soll ich ein niedliches Baby gewesen sein.

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von Gerhard Helmstädt, geschrieben im Mai 2001 auf Wunsch meines Neffen Axel

Ich habe mich sehr gewundert, was mir nach all den Jahren so alles eingefallen ist. Leider habe ich nie Aufzeichnungen gemacht. Wenn man erst beim Schreiben ist, erinnert man sich an viele Einzelheiten. Vieles werde ich auch vergessen haben. So manches ist mir nach dem Schreiben eingefallen. Einiges hätte ich auch ausführlicher darlegen können.

Mutti hat mir erzählt, dass ich, als ich noch im Kinderwagen am besten aufgehoben war, von Mädchen aus der Nachbarschaft herumgefahren worden bin, weil Mutti wenig Zeit hatte. 1929 / 1930 hatten Mutti und Papa mit dem Hausbau zu tun. Zuerst war der Stall gebaut worden. Der spätere Hühnerstall war unser Schlafzimmer, in der späteren Futterküche wurde gekocht. Ob die Mädchen von Staats, von Gutzeits oder anderen Nachbarn waren, weiß ich nicht, habe ich vergessen. Mutti hat mir das bestimmt erzählt. Jedenfalls sollen die ganz verrückt nach mir gewesen sein, denn dem Erzählen nach soll ich ein niedliches Baby gewesen sein.

Das erste, woran ich mich sehr gut erinnern kann, ist, dass ich als kleiner Junge von vielleicht drei oder vier Jahren im Mai bei warmem Regen nach draußen gelaufen bin. Unser Garten war nach Süden abschüssig. Da habe ich dann Regenwasser angestaut. Auf die kleine Staupfütze placierte ich dann kleine Gegenstände aus Holz. Es war ein Riesenspaß, zuzusehen, wenn das Wasser überlief und die Gegenstände weit schwammen, so dass ich nebenher gehen, manchmal laufen konnte.

Bei diesem Spielen mit Regenwasser war ich nicht etwa angezogen, nein, ich lief splitterfasernackt durch die Gegend. Mir hatte man eingeredet, dass Mairegen eine besondere Bedeutung hätte. So lief ich denn nackend durch den warmen Mairegen und schrie aus Leibeskräften: "Mairegen bringt Segen, und werden wir nass, so wachsen wir lustig, wie Blumen und Gras." Dieses hielt ich mindestens bei, bis ich zur Schule kam.

Ich kam ja erst mit fast sieben Jahren in die Schule, weil ich im August Geburtstag habe. Ostern war damals Einschulung, da war ich ein Jahr zuvor noch nicht sechs.

Im Schlafzimmer an der Innenwandseite, den Fenstern gegenüber also, stand mein Bettchen. An beiden Seiten war ein Gitter, damit ich nicht hinausfalle. Am Wochenende durfte ich zwischen Mutti und Papa schlafen. Dann kuschelte ich mich hinter Papas Rücken ganz eng an.

Manchmal durfte ich auch in Muttis Bett. Wenn ich mich vorher abgedeckt hatte und mir kalt war, konnte ich mich aufwärmen, denn in Muttis Bett war es besonders warm.

Mit Muttis Rad hatte ich Fahrradfahren gelernt, kam aber nicht auf den Sattel. Stehend konnte ich gerade über den Lenker kucken. So fuhr ich kreuz und quer über unseren Hof. Die Hühner mußten aufpassen, dass sie nicht überfahren wurden. Sie schafften es immer wieder, mir auszuweichen. In unserem Haus war noch eine zweite Wohnung, da wohnte zu der Zeit meiner Ansicht nach Onkel Arthur, Muttis älterer Bruder, mit Tante Gerda. Die Wohnung war auf der Westseite des Hauses. Nach der Seite fiel das Gelände ein wenig ab, so dass eine Treppe zur Haustür führte. Davor hatten sie einen kleinen Hof.

Am liebsten fuhr ich von unserem Hof durch das Tor zum zweiten Hof. Ich mußte dann an der Pumpe vorbei, die fast in der Ecke unseres großen Hofes stand. Der Pumpenschwengel war meist unten, dann kam ich gut vorbei. War er hoch, mußte ich mich bücken. Einmal ging der Schwengel unerwartet hoch, als ich kurz vor der Pumpe war. Ich mußte bremsen.

Da ich vom Schwengel getroffen wurde, fuhr ich gegen einen Torpfahl, schlug mit dem Kopf auf den Lenker und schlug mir dabei die oberen Schneidezähne lose. Das hat natürlich fürchterlich geblutet, ich habe entsprechend geheult. Mutti hat die Zähne gerade hineingedrückt, und die sind doch tatsächlich wieder fest geworden, allerdings hatte ich einen Spalt zwischen den Zähnen. Mit den Dritten ist der Spalt weg.

Die Eltern wollten auch mal zu Veranstaltungen ins Dorfgasthaus "Zur Linde". Allein lassen wollten sie mich nicht, also nahmen sie mich mit. Ich kann mich an einen Zauberer erinnern, der allerlei Tiere aus dem Hut zaubern konnte. Auf dieser Veranstaltung trat auch ein Messerwerfer auf. Ich konnte gar nicht hinschauen! Eine leicht bekleidete Frau stand vor einer Brettertür, und die Messer blieben rechts und links von ihrem Kopf stecken, ebenso rechts und links von ihrem Körper. Ich hatte Angst, sie könnte getroffen werden, dabei kannte ich die gar nicht.

Anschließend war Tanz. Die Teufelsgeige war für mich das interessanteste Instrument. An der klapperte und schepperte alles, wenn dieses wohl selbst angefertigte Gerät auf den Boden gestoßen wurde. Ich wurde bald müde. Die Wirtsleute brachten mich dann in ihre gute Stube, dort konnte ich so lange schlafen, bis es nach Hause ging.

In Berschkallen fand ein großes Waldfest statt, an das ich mich noch sehr gut erinnern kann. Die Großeltern hatten Arno und unsere Eltern mich mitgenommen. Es existiert ein Foto, Arno im Matrosenanzug, ich mit Tirolerkleidung mit Tirolerhütchen. Opa war in der Gegend Haumeister und gehörte zu den Organisatoren des Festes. Im Park von Berschkallen war eine große Kapelle zu hören. Wir Kinder konnten Sackhüpfen und Eierlaufen. Sieger und Verlierer bekamen Süßigkeiten.

Später muß ich den Matrosenanzug bekommen haben. Ich kann mir nicht denken, daß die Eltern mir den gekauft hatten, denn das Geld war knapp. Papa fuhr im Herbst auf den Insterburger Markt neben der Markthalle, um vor allem Kartoffeln zu verkaufen. Der Wagen war voll beladen, ungefähr 20 Zentner, mehr schaffte Hans nicht. Das Schönste an einer solchen Fahrt war immer, wenn wir, Papa und ich, auf dem Alten Markt hielten, und Papa Brötchen und Leberwurst kaufen ging. In der einen Hand ein Brötchen, in der anderen ein Stück Leberwurst, ein Happen Brötchen, ein bisschen Leberwurst aus der Pelle drücken und essen, etwas Schöneres gab es für mich nicht auf einer solchen Fahrt.

Nun standen wir auf dem Markt. Manchmal kamen Leute und fragten nach dem Preis für die Kartoffeln, dann gingen sie wieder. Es kamen auch Leute, die ein paar Kilo kauften. Die Kartoffeln nahmen nur langsam ab, sehr langsam. Ich saß vorne auf dem Bock und beobachtete das Treiben auf dem Markt. Ich hatte meinen Matrosenanzug an, die Mütze mit zwei Bändern und Schrift aufgesetzt. Ich mußte mal. Ich schaute auf den Tritt, meine Mütze fiel vom Kopf hinter das Pferd. Der Hans hob seinen Schwanz und die Pferdeäpfel trafen genau in meine Mütze, aber nicht nur die Äpfel, sondern auch noch eine braune Soße. Meine Mütze war hin.

Der Tag hatte so gut angefangen, nun das! Papa mußte mich trösten.

Gegen Mittag tauchten Leute auf, die schon morgens nach dem Preis gefragt hatten. Jetzt boten sie Papa an, einen ganzen Sack zu kaufen, wenn sie ihn billiger bekämen. Da Papa nach Hause wollte, und anders die Kartoffeln bestimmt nicht mehr verkauft bekäme, ging er darauf ein. Über den Preis einigten sie sich. Den wollten sie aber erst bezahlen, wenn Papa frei Haus liefern würde. Einmal mußte er durch die ganze Stadt fahren. Einige Säcke mußten wir trotzdem mit nach Hause nehmen.

Einmal hatte Papa es mit einem ganz unverschämten Käufer zu tun. Der wollte also auch einen ganzen Sack Kartoffeln kaufen. Papa fuhr ihm die nach Hause, trug sie in den Keller und kam und kam nicht. Schimpfend kam er mit dem Sack Kartoffeln wieder. Dieser raffinierte Betrüger wollte nicht gleich bezahlen, sondern später. Ich glaube, Papa hatte den Sack schon ausgeschüttet gehabt, dann wieder die Kartoffeln eingesammelt.

Wenn die Zeit ran war, verkaufte Papa Weißkohl, Rotkohl, Bruken, Möhren, Zwiebeln, eigentlich alles, was gewachsen war und sich verkaufen ließ. Oft kam auch Mutti mit. Sie konnte die Kunden dann gut beraten.

Um zu Geld zu kommen, mußte alles, was die Landwirtschaft hergab, verkauft werden. An bestimmten Tagen war Wochenmarkt in der Insterburger Markthalle. Im vorderen Bereich an der Wand, wie an einer Perlenschnur aufgereiht, saßen die Bäuerinnen mit Butter, Eiern, Glumse, Milch und Buttermilch. Ich war einige Male mit von der Partie. Hochinteressant! Da kamen die feinen und weniger feinen Damen aus der Stadt und defilierten an den Bauersfrauen kritisch dreinschauend vorbei. Hier und da wurde Butter gekostet, manchmal auch gekauft. Es gab Frauen, die kosteten überall und machten ihre Bemerkungen, etwa zu gesalzen, beim nächsten zu wenig gesalzen (als wenn man nicht nachsalzen kann), schmeckt nach Stall, und was weiß ich. Man konnte beobachten, die kauften keine Butter! Die aßen zu Hause bestimmt keine Butter, dafür war bei ihnen die Markthalle da.

Mutti wurde ihre Butter relativ schnell los. Sie hatte ihre Stammkunden. Auch die hatten am Anfang gekostet. Unsere Butter war gut durchgeknetet worden, damit wenig Buttermilch zurückblieb. Leicht gesalzen schmeckte die wirklich gut. Wir hatten zwei Gärten beiderseits der Auffahrt von der Hauptstraße. In dem einen standen sehr viele Kirsch- und Apfelbäume, im anderen wurden Möhren, Zwiebeln, Erbsen, Bohnen, eigentlich alles angebaut, was man so im Garten anbaute. Zwei lange Erdbeerbeete wurden besonders gepflegt. Wenn die Erdbeeren anfingen, rot zu werden, durfte ich nicht mehr in den Garten. Die Erdbeeren wurden morgens gepflückt, die besten Früchte ausgesucht, dann fuhr Mutti zum Markt. Wie sie sagte, wurde sie die Früchte reißend los. Mittags zum Nachtisch standen die weniger ansehnlichen Erdbeeren auf dem Tisch. Die schmeckten auch nach Erdbeeren.

Anfang der dreißiger Jahre war bei uns in der guten Stube Haussuchung. Zwei Uniformierte und ein Ziviler wollten von Papa irgendwelche Papiere. Später erfuhr ich, daß es um Mitgliedslisten der SPD gegangen wäre. Papa hatte einen Tipp bekommen und die gut versteckt. In der Zeit mußte sich Papa täglich oder wöchentlich einmal bei der Polizei melden. Vergessen!

Mehrmals im Jahr fuhren wir nach Tammau zu Muttis Eltern. Manchmal fuhren wir den kürzeren Weg über Sprindt, wir konnten auch über Insterburg in Richtung Gumbinnen an der Bahnlinie entlang fahren. Wir hatten eine über zehn Jahre alte Stute Lotte, dann kam irgendwann Hans als Fohlen dazu, von Opas Stute. Hans wurde kastriert, so hatten wir einen ruhigen Wallach. Auf der Fahrt nach Tammau wurde er, als er so weit war, rechts zur Bahnlinie hin eingespannt. Als das rauchende Ungetüm von vorne ankam, versuchte Hans alles, um auszureißen. Das ging aber nicht. Hinten war der Wagen, links war Lotte, die sich dagegenstemmte und Hans zurückdrängte.

Oma und Opa in Tammau wohnten in einem Gehöft in der Nähe des Waldes, etwa zwei Kilometer vom Dorf entfernt. Vor dem ersten Weltkrieg hatten sie in der Nähe der litauischen Grenze einen großen Bauernhof besessen, den sie zu Beginn des Krieges verkauft hatten.

An der Grenze hatte es immer wieder Überfälle aus dem Osten gegeben. Jetzt waren die Russen im Anmarsch. Die Familie Dirschus, darunter Mutti, flüchtete bis Wartenburg, im Koffer das Geld für den Hof. In der Zeit lernte Papa Mutti kennen. Die Russen aber besetzten sogar Königsberg. Nach dem Krieg verlor das Geld immer mehr an Wert.

Sie hätten sich noch einen kleinen Hof von 20 Morgen Größe kaufen können, machten sie aber nicht. Sie hofften, daß das Geld nach dem Krieg an Wert gewinnen würde. In der Inflation hätte das Geld nicht einmal für eine Schachtel Streichhölzer gereicht. Den Koffer mit dem Geld hoben sie zum Andenken auf. Ich habe auch einmal in dem Koffer gewühlt und konnte einige wertlose Geldscheine mitnehmen.

Die Großeltern in Tammau hatten Kleinvieh und Ziegen. Hier gab es Ziegenbutter und Ziegenkäse. Schmeckte mir zu sehr nach Ziege! Ich versuchte, auf die Ziegen zu steigen, die mochten das aber nicht. In der ersten Zeit, an die ich mich erinnern kann, wohnte Tante Eva am Südende des Hauses in zwei Stübchen mit Küche. Erika, die älteste Tochter, war noch klein. Später zogen Tante Eva und Familie nach Georgental zu uns.

Da weiß ich noch, daß ich gelegentlich bei Tante Eva war, um auf Erika und Günter aufzupassen. Ich war 5 Jahre älter als Erika, ihr Bruder lag noch im Kinderwagen.

Da krieche ich doch eines Tages unter die Ehebetten und warte, ob Tante Eva die Betten macht. Als sie sich dann über ein Bett beugt, die Beine ein wenig breitbeinig, so daß ich meinen Kopf gut vorschieben und unter ihren Rock kucken konnte , sah ich weiter nichts als schwarze Haare. Höschen hatte sie keine an, das hatte ich gehofft.

Wenn ich morgens nach draußen kam, war Papa beim Pflügen oder bei anderen Arbeiten auf dem Acker. Von 5 bis ungefähr 8 Uhr, erfuhr ich, hätte er dafür Zeit. Nach dem Frühstück, für ihn war es das zweite Frühstück, fuhr er mit dem Rad, später mit dem Trampelmotorrad nach Insterburg zur Volksfürsorge, einer Versicherungsgesellschaft. Von hier fuhr er im Außendienst über Land. Die Landwirtschaft brachte nicht genug ein, also ging er dieser Tätigkeit nach, um die Hypotheken, die unser Haus belasteten, abzahlen zu können. Übrigens hat Mutti im Dezember 1944 die letzte Rate der zweiten und letzten Hypothek überwiesen. Das Haus war schuldenfrei.

Einer seiner Kollegen war Herr Blaubel, ihr Vorgesetzter Herr Jastram.

Herr Blaubel war oft bei uns in Georgental. Im Winter kam er auf Skiern.

Einmal, weiß ich, waren wir völlig eingeschneit. Ein Sturm hatte unseren großen Hof und die großen Gärten zugeweht, so daß nirgends ein Zaunpfahl zu sehen war. Die Haustür ging nicht auf. Ich mußte durch das obere kleine Küchenfenster klettern, um Schnee von den Fenstern wegzudrücken, damit Papa durch das Küchenfenster klettern konnte. Die Haustür freizubekommen, ging schnell, aber dann!

Unser Hof war ca 30 Meter breit, vom Haus aus gesehen, und 20 Meter lang, oder umgekehrt, je nachdem wie man es sieht. Vom Vorgarten bis zum Hof waren drei Meter Schnee zu schaufeln. Aber dann. Bis zum Stall mindestens 15 Meter, zur Pumpe 8 Meter, vom Stall zur Scheune auch so 15 Meter. Die Tiere mußten gefüttert, die Kühe gemolken werden. Wenn nicht genügend Feuerung im Haus war, mußte auch zum Schuppen noch einmal 15 Meter geschippt werden. Für mich und meinen Freund Walter Scheller, ein Junge aus dem Dorf, war das ein Irrgarten. Die Gänge waren über zwei Meter hoch. Durch Sonneneinstrahlung war die obere Schneeschicht getaut und wieder gefroren, daher gut begehbar, wenn man da rauf kam. Papa schaufelte Treppen. Mit Wasser begossen waren die so fest, daß die für alle begehbar wurden. Walter und ich bauten uns Höhlen. Von den Gängen aus drückten wir mit unseren Körpern den Schnee zur Seite. Oben war eine dicke Schneeschicht als Dach. Da konnte man ohne weiteres darüber gehen.

Herr Blaubel konnte in diesem Winter über unsere Zäune hinweg bis vor die Tür fahren. Obgleich er groß und kräftig war, hielt die Schneetreppe. Ich nahm heimlich seine Ski und versuchte ein bißchen mit den Dingern zu gleiten. Es war nichts, ich fiel laufend hin und gab es auf.

Manchmal nahm Herr Jastram Papa im Dienstauto mit zu Kunden in der Gumbinner Gegend. Mutti machte sich einmal Sorgen, weil Papa kurz vor Mitternacht immer noch nicht zurück war. Draußen war Tauwetter und Glatteis. Sie waren an einem Berg tatsächlich verunglückt, hinuntergerutscht gegen einen Baum. Papa wurde mit einem Kopfverband von einem Krankenauto nach Hause gebracht. Gott sei Dank war es nicht so schlimm. Papa roch auch ein bißchen nach Alkohol. Ob die vorher getrunken hatten?

Wir hatten einen Hofhund, seine Hundehütte war vor der Scheune. Manchmal kroch ich zu ihm hinein. Wenn ich ihn nicht festhielt, verließ er seine Hütte und beobachtete mich. Er wartete geduldig, bis ich seine Hütte wieder verließ. Dann nahm er sie sofort wieder in Besitz. Der Hund war schon alt. Eines Tages lag er tot da. Neben dem Stall war so eine Brennnesselecke, da wurde er verscharrt. Nicht lange danach brachte Papa einen neuen Hund mit. Halb Schäferhund, halb Wolf. Nur Papa hat ihn füttern können. Wenn ich in seine Nähe kam, bellte er wie verrückt und riß an seiner Kette. Wenn keiner zu Hause war, und ich ihn füttern wollte, ging er bis zur Hütte zurück und kuckte. Vorsichtig schob ich den Futternapf in seinen Bereich. Sobald der Napf stand, sprang er auf mich zu und bellte. Erst, wenn ich weit genug weg war, begann er zu fressen. Es dauerte lange, bis ich ihn von der Kette losmachen konnte, um ihn auf dem Hof herumlaufen zu lassen.

Wenn Papa den Schweinestall ausmistete, ließ er die Schweine hinter dem Stall oder auf dem Hof frei laufen. Wenn die Schweine auf dem Hof wühlten, dann riß der Hund bellend wild an seiner Kette. Die Glieder der Kette müssen schon dünn geworden sein, denn einmal riß die Kette und der Hund verbiß sich in einem Schwein. Papa mußte den Hund mit aller Kraft wegreißen, um das Schwein zu befreien.

Wenn jemand zu uns die lange Auffahrt hochkam, meldete der Hund das schon, wenn derjenige von der Straße abbog. Seine Hütte war inzwischen in der Ecke von Stall und Scheune, so daß der Hund die Auffahrt einsehen konnte. Wenn der Postbote kam, mußte er durch das kleine Tor neben dem zweitorigen Hoftor auf den Hof, dann ungefähr 8 Meter bis zum Tor vor der Haustür. Der Hund konnte den Postboten nicht leiden, obwohl der doch täglich kam. Der Hund riß so lange an der Kette, bis sie eines Tages riß, als der Postbote gerade den Hof betreten hatte. Ich kam gerade aus dem Haus, als ich den Hund herrennen sah. Der Postbote stürzte auf die Gartenpforte zu und war vor dem Hund da. Es war noch einmal gut gegangen.

Um den Winteranfang herum wurde immer ein Schwein geschlachtet.

Das Schwein bekam vom Schlachter eins vor den Dätz, dann wurde es abgestochen, und das Blut unter Rühren aufgefangen. Als nächstes legten Papa und der Schlachter das Schwein in einen langen Holztrog. Papa, Mutti und der Schlachter gingen ins Haus, um einen Schnaps hinter die Binde zu kippen. Das war immer so. Danach wurde das Schwein mit kochendem Wasser abgebrüht, dann abgeschabt. An einer Leiter am Stall wurde das Schwein an den Hinterbeinen aufgehängt. Es wurde aufgeschnitten und die Eingeweide entfernt.

Nachdem sie wieder ins Haus gegangen waren, um das Schwein ein bißchen abhängen und auskühlen zu lassen, um noch ein paar Schnäpse zu trinken, wurde das Schwein zerlegt. Abends war dann Schlachtfest. Eine große Schüssel mit gebratenem Bauchfleisch, wir nannten die Scheiben Spirgel, kam mit dem ganzen Fett auf den Tisch. Ein Teil der Leber war gebraten worden, die aß der Fleischer so gerne. Ich legte mir einige Spirgel auf den Teller und mit dem Löffel kam Fett darüber. Brot, Fett und Spirgel, mehr brauchte ich nicht. Mutti und Papa hatten nun viel Arbeit. Die Därme mußten gereinigt werden Fleisch kochen, durchdrehen, einwecken, einpökeln. Blutwurst, Leberwurst, Mettwurst herstellen.

Einmal gab es beim Schlachten eine Riesenüberraschung. Das Schwein war in den Trog gelegt worden, und wir waren alle in die Küche gegangen. Nachdem die Männer ihren obligatorischen Schnaps getrunken hatten, gingen wir mit dem kochenden Wasser nach draußen. Im Trog lag aber kein Schwein! Das hatte da doch gelegen! Das kann sich doch keiner geholt haben! Ich war inzwischen schon hinter die Scheune gegangen, da lag das Schwein. Keiner konnte sich das erklären.

Die Schinken vom Schwein wurden eingesalzen. Wir hatten keine Räucherkammer, aber Opa in Wartenburg. Mit unserem Kastenwagen brachten wir nach zwei oder drei Wochen die Schinken nach Wartenburg und blieben da fast den ganzen Tag. Ich konnte mit Arno spielen, auf Bäume klettern, im Graben hinter dem Stall Holzstückchen um die Wette schwimmen lassen, und was uns noch so einfiel. Wenn wir abends nach Hause fuhren, war ich hundemüde. Zum Glück lag hinten im Kastenwagen Stroh. Ich konnte mich ausstrecken und schlafen. Von Wartenburg bis Georgental waren es über Sprakten etwa 20 Kilometer. Wir brauchten für die Strecke gut zwei Stunden. Ich wurde bei dem Geholpere laufend wach, die Därme spürte ich, trotzdem blieb ich liegen.

Wenn wir in der Steinpilzzeit nach Wartenburg fuhren, bogen wir in Berschkallen Richtung Wald ab. Zwei Kilometer hinter Berschkallen begann der Wald, der sich bis Wartenburg hinzog. Papa schaute nach rechts, er schaute nach links. Plötzlich hielt er an und ging 50 bis 100 Meter in den lichten Wald, ich glaube Buchenwald, und kam mit zwei Steinpilzen wieder. Ein Pilz war groß, der andere kleiner. Das wiederholte sich in einem anderen Revier mindestens noch einmal. 4 bis 6 Steinpilze ergaben eine große Pilzmahlzeit. Wir brauchten die in Wartenburg nicht zu teilen, geschweige denn abzugeben, denn Opa als Haumeister war täglich im Wald und brachte so viele Pilze mit nach Hause, daß er die manchmal in Popelken verkaufen konnte. Manchmal fuhren wir auch nach Gutfließ zu Tante Frieda, Onkel Erich und Marga.

Zu der Zeit hieß sie noch Gutti und ich durfte auch Gutti zu ihr sagen.

Wir trafen uns relativ selten. In den Ferien waren Arno und Marga manchmal für ein paar Tage bei uns da. Dann mußte sich Mutti um drei Göhren kümmern. Wenn sie in die Stadt zum Butterverkauf mußte, nahm sie uns auf dem Trampelmotorrad mit. Trampelmotorrad deshalb, weil man zum Starten wie mit dem Fahrrad trampeln mußte. Von einem kleinen Motor wurde das Hinterrad mit einer Kette angetrieben. Man konnte auch wie mit einem Fahrrad fahren, kam aber schlecht voran, weil die Übersetzung ungünstig war. Jedenfalls nahm sie auf diesem Fahrzeug mindestens zwei von uns mit. Mir ist so, als ob sie uns alle drei mitgenommen hätte, mir ist das heute aber unwahrscheinlich.

Wir hatten eine Hecke im ersten Garten am Weg mit giftigen dunklen Beeren. Natürlich wurde im Garten nach eßbaren Beeren gesucht. Da wir keine mehr fanden, aßen wir auch die Beeren von der Hecke. Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen waren die Folge. Ein Arzt mußte her, der die Ursache schnell herausbekam. Schon am nächsten Tag entfernte Papa die Hecke.

Unser Hof war rundum eingezäunt, damit die Hühner nicht sonst wo hinlaufen konnten. Zwischen Schuppen und Scheune war ein eineinhalb Meter hoher Bretterzaun. Einige Hühner flogen auf den Zaun und wieder hinunter in die Koppel. Ich ging einmal mit der Peitsche um die Scheune herum zu den Ausreißern. Ich wollte sie nicht etwa zurückjagen, sondern nur streicheln. Sie ließen sich nicht fangen. Warum hatte ich die Peitsche mitgenommen? Wenn ich nahe genug an einem Huhn dran war, schwang ich die Peitsche so, daß sich die Peitschenschnur um die beiden Füße von einem Huhn wickelte, so daß das Huhn zur Seite fiel, laut spektakelte und gefesselt liegen blieb. Ich befreite das Huhn wieder, hielt es fest und streichelte es, bis es sich beruhigt hatte. Dann fing ich mir auf dieselbe Weise ein anderes Huhn und streichelte es.

Papa muß mich dabei beobachtet haben. Als ich dabei war, ein weiteres Huhn einzufangen, kam er über den Bretterzaun gesprungen, nahm mir die Peitsche ab und forderte mich laut, sehr laut, auf , zu laufen. Er hinter mir her, und schon war ich durch die Peitschenschnur gefangen. Ich wurde befreit, mußte laufen und wurde gefangen, aber nicht gestreichelt, wie ich es mit den Hühnern gemacht hatte. Papa brauchte nicht mehr viel zu sagen. Ich hatte begriffen, daß Tiere nicht gequält werden dürfen.

Als ich noch klein und unwissend war, wollte ich wissen, wer im Grammophon singt und musiziert. Mutti erzählte mir dann, da waren kleine Männlein und Weiblein im Apparat. Ich wollte das nicht glauben. Da sollten solche kleinen Wesen drin sein? Eines Tages spielte das Grammophon wieder. Mutti hatte das Grammophon aufgezogen. Als ich wieder neugierig näher kam, zauberte Mutti ein kleines Männchen aus dem Trichter. Das sollte ich glauben? Eine Puppe? Zweifel blieben.

Wenn Weihnachten näher kam, suchte ich in den Schränken, unter den Betten und an anderen Stellen nach Geschenken für mich. Ich hätte zu gerne gewusst, was ich zu erwarten hatte. Wir hatten immer einen großen Weihnachtsbaum, den Opa in Wartenburg in seinem Revier für uns ausgesucht hatte. Der stand dann majestätisch im sonst nur selten zugänglichen Wohnzimmer in der Ecke zwischen den zwei Fenstern vor dem Spiegel. Am 24. 12. morgens wurde der Baum prachtvoll geschmückt. Ich durfte die Marzipanherzchen, Schokoladenfiguren, und was sonst noch an Leckereien ein Bändchen hatte, anhängen. Dann wurde der Raum abgeschlossen. Mutti oder Papa gingen gelegentlich hinein, um Geschenke unter den Baum zu legen.

Erst am Abend gingen wir gemeinsam hinein und bestaunten den Baum. Papa und Mutti sangen Weihnachtslieder. Ich sollte versuchen mitzusingen. Oh, Tannenbaum..., Oh, du Fröhliche..., Stille Nacht... Es dauerte und dauerte, bis der Weihnachtsmann kam. Aufregend! Der Weihnachtsmann stellte zunächst unangenehme Fragen, z B., ob ich immer hübsch artig war, wollte er wissen und zeigte seine Rute. Ängstlich sprach ich mein Verschen: Lieber guter Weihnachtsmann, sieh mich nicht so böse an. Stecke deine Rute ein, ich will auch immer hübsch artig sein. Er war zufrieden. Aus seinem Sack bekam ich noch Süßigkeiten und kleine Geschenke.

Die wichtigsten Geschenke lagen unter dem Baum: Hemden, Pullover, Handschuhe, Mütze, irgendwann Schlittschuhe. Apropos Schlittschuhe. Ostpreußische Winter waren kalt. Nur ungefähr 200 Meter von uns war der alte Pregelarm. Der Pregel war weiter von uns entfernt verlegt worden, und hatte nur flußabwärts eine Verbindung. Ein stehendes Gewässer also, war immer ab Anfang Dezember zugefroren. Ich also nach Weihnachten nichts wie hin, die Schlittschuhe untergeschnallt und rauf aufs Eis. Ich stand auf dem Eis ganz gut, aber wahrscheinlich zu gerade, denn als ich den ersten Schritt machen wollte, lag ich auch schon rücklings auf dem Eis. Ich war mit dem Kopf so hart auf das Eis aufgeschlagen, daß ich Kopfschmerzen bekam. Ich merkte, daß das Eislaufen gelernt werden muß. Im Laufe der Jahre konnte ich das ganz gut.

Dann unterhielt der Weihnachtsmann sich mit Papa. Papa goß in drei Gläser Schnaps ein. Er, Mutti und Papa prosteten sich zu. Der Weihnachtsmann hatte Probleme. Den Kopf zurückgelegt, wollte der Schnaps sich nicht trinken lassen. Was tat er? Für mich völlig überraschend konnte er sein Gesicht hochklappen und trinken. Er hatte sich aber so geschickt von mir weggedreht, so daß ich das Gesicht darunter nicht richtig sehen konnte. Mir war aber so, als ob das Onkel

Ferdinand wäre. Tante Eva, Muttis Schwester, und Onkel Ferdinand wohnten seit kurzem in der Zweitwohnung.

Onkel Ferdinand war Böttcher. Tonnen jeder gebrauchten Größe wurden in der Werkstatt, bei schönem Wetter auf dem Hof angefertigt. Auch ich habe im Laufe der Zeit einige Tonnen herstellen dürfen. Onkel Ferdinand war durchschaut, sicherheitshalber sagte ich nichts. Im Jahr darauf traute ich mich erst hinterher zu sagen, daß ich ihn an seiner Haltung erkannt hätte. Ganz geheuer war mir der Weihnachtsmann in seinem Aufzug immer noch nicht. Ich war gespannt, wer nun als Weihnachtsmann kommen würde.

Als die übliche Zeit heran war, ging Mutti angeblich in den Keller. Kurz darauf kam der Weihnachtsmann in mir bekanntem Aussehen herein.

Die Stimme war allerdings deutlich anders, und er hatte Muttis Gummistiefel an. Alles lief wie immer ab. Papa und der Weihnachtsmann sangen die bekannten Lieder, nur daß Muttis Stimme tiefer und dumpfer von der Maske klang. Als Rudi so alt war, um den Weihnachtsmann kennen zu lernen, war die Angst riesengroß. Papa hatte sich als Weihnachtsmann verkleidet. Als er klopfte, kuckte Rudi gespannt auf die Tür. Kaum hatte er den Weihnachtsmann wahrgenommen, war er auch schon schreiend hinter Mutti verschwunden. Er war lange nicht zu beruhigen, aber ich glaube, daß er mit Muttis Hilfe doch vom Weihnachtsmann etwas entgegengenommen hat. Ich konnte nun beobachten, wie ich mich wahrscheinlich als kleiner Junge auch verhalten habe.

Anfang des Krieges bekam Rudi eine relativ große Burg als Weihnachtsgeschenk. Papa hatte die in der Freizeit aus Sperrholz angefertigt. Die Unterburg war nur über eine herunterzulassende Brücke für die Zinnsoldaten zu betreten. Eine Treppe führte zur Oberburg. Da waren Türmchen, eine Burgmauer, Türen zum Öffnen. Allerdings war Papa in dem Jahr nicht ganz fertig geworden. Die Burg sollte auch noch gestrichen werden. In einem Urlaub sollte das nachgeholt werden, denn Papa mußte nach Modlin bei Warschau zu den Soldaten. Das muß Anfang 1942 gewesen sein.

Ein bißchen neidisch war ich auf Rudi. Als kleiner Junge hätte ich auch eine solche Burg oder was anderes bestimmt für gut befunden. Aber nun habe ich die Burg ignoriert.

Nach Ostern 1936 kam ich in die Georgentaler Schule. Vier Jahrgänge waren in einer Klasse. Im ersten Schuljahr mußten wir meistens ein oder zwei Stunden später kommen, damit die anderen Jahrgänge ihre Aufgaben zur stillen Arbeit mit dem Unterrichtsstoff erklärt bekommen konnten. Ich saß in der zweiten Bank als Zweiter. Wir schrieben und rechneten mit dem Griffel auf einer Schiefertafel. Ein feuchter Schwamm und ein trockener Lappen gehörten dazu. Sehr leicht war das Geschriebene zu verwischen. Die Tafel mußte im Tornister vorsichtig eingepackt werden, damit die Hausaufgaben nicht verwischt wurden. Ein Jammer war es, daß man nie am Vortag Geschriebenes noch einmal lesen konnte, es war gelöscht, weg.

Eines Morgens traf ich auf dem Schulweg, wir wohnten etwa 500 Meter vor dem Dorf, mit dem Schneidermeister Auschel zusammen. Ich grüßte ihn freundlich mit "Guten Morgen!" Er kam auf mich zu, haute mir eine runter und fragte mich, ob ich nicht ordentlich grüßen könne. Es hieße "Heil Hitler". Meine Wange fühlte ich noch lange. Als ich nach Hause kam, fragte ich Papa, wie man richtig grüßt, und ich erzählte ihm von dem Vorfall. Er sprang auf und wollte los. Mutti hatte das auch gehört, stürzte auf Papa zu und umklammerte Papa aus Leibeskräften. Sie kämpften richtig miteinander und schrien aufeinander ein. Mutti war stärker und Papa beruhigte sich allmählich. Er sah ein, daß es im Augenblick unsinnig sei, etwas zu unternehmen. Heute weiß ich, daß Mutti hier Papa das Leben gerettet hat. KZ wäre fällig gewesen. Auschel war ein waschechter Nazi. Papas politischer Gegner.

Ich habe nie wieder, wenn ich Unangenehmes dieser Art erlebte, Papa davon erzählt. Auschel hätte ich später nicht begegnen dürfen.

Es gab Dorfjungen, die mich manchmal verfolgten und mit Steinen bewarfen. Warum das so war, habe ich damals nicht gleich begriffen. Natürlich waren das nur Jungen von Nazis, das habe ich allmählich mitbekommen. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich entsprechend zu verteidigen. Einmal kam ich sogar am Kopf blutend nach Hause. Ich war auf der linken Kopfhälfte von einem Stein gestreift worden. Mutti erzählte ich, ich wäre gefallen.

Als kleiner Junge bin ich oft krank gewesen. Was es so an Kinderkrankheiten gegeben hat, habe ich gehabt. Erinnern kann ich mich noch gut an Masern, Keuchhusten und später Diphtherie.

Bei einem Besuch Arnos, der große Bruder lebte von klein an in Wartenburg bei den Großeltern väterlicherseits, spielten wir auf unserem großen Boden. Hier lagerte Getreide. Da überall Dielen waren, blieb genügend Platz zum Spielen. Hier oben stand unser hochbeiniger Kinderwagen, mit dem ich ausgefahren worden war und später für Rudi genutzt werden sollte. Arno setzte sich oben rein und ich mußte darunter mühsam hineinkriechen und die kleinen Räder drehen. Wenn es Arno zu langsam war, nutzte ich den Fußboden zur Beschleunigung.

Einmal schaukelte Arno so stark, daß der Kinderwagen umkippte und ich mir die Hand schmerzhaft einklemmte. Ich sollte nichts sagen, aber abends war das linke Handgelenk so dick, daß es Mutti auffiel. Morgens schaute sich das ein Arzt an. Die Röntgenaufnahme ergab, daß der Arm am Handgelenk nicht gebrochen, aber angebrochen war. Ich hätte gleich kommen müssen, nun müßte man abwarten. Ich habe viele Jahre hin und wieder Schmerzen im linken Handgelenk gehabt.

In den ersten Schuljahren hatte ich mehrmals im Jahr starke Schmerzen auf der linken Bauchseite. Ich kam manchmal nicht allein nach Hause und mußte mich am Straßenrand zusammengekrümmt hinlegen. Dann waren die Schmerzen erträglich. Wenn Papa mich sah oder jemand ihn informierte, trug er mich auf Händen nach Hause. Die Ärzte konnten sich das nicht erklären. Ich wurde von mindestens zwei untersucht. Der eine Arzt meinte sogar, daß ich den Blinddarm auf der falschen Seite hätte. Mutti machte sich Sorgen, weil ich nichts auf den Rippen hatte. Ich bekam doch Lebertran (Ein widerliches Zeugs!) und genügend zu essen.

Zur Schule mußte ich ein Stullenpaket mitnehmen. Davon brachte ich nichts zurück. Sie konnte ja nicht wissen, daß ich hungrige Abnehmer hatte. Aus dem Armenhaus am Dorfanfang kamen schlecht bekleidete Kinder barfuß und hungrig zur Schule. Sie sagten nicht, daß sie etwas abhaben möchten, das durften sie auch nicht, aber wenn die vor einem standen und jeden Biß verfolgten, dann konnte ich nicht essen. Also gab ich ab. Allmählich war es selbstverständlich, daß meine Stullen von anderen gegessen wurden. Es gab auch andere, die abgaben, denn es waren nicht wenige, die ohne etwas in die Schule kamen. Ich konnte mittags reinhauen, die wahrscheinlich nicht. Mutti jedenfalls war mit mir nicht zufrieden. Sie beobachtete, daß ich morgens fast nichts aß, weil ich früh in die Schule wollte und immer meinte, ich käme zu spät. Eines Morgens ging es anders lang. Ich mußte eine mit Butter dick bestrichene Stulle, ein Ei und ein Glas Milch zu mir nehmen. Sonst käme ich nicht aus dem Haus.

Am Anfang hatte ich damit Schwierigkeiten, aber allmählich ging es ganz gut. Im Sommer wollte ich auch mal barfuß aus dem Haus. Aber da war nichts zu machen. Mutti und Papa hatten ein feines Gehör und bekamen das mit. Dann mußte ich zurück, und wenn dann die Schuhe nicht ordentlich geputzt waren, verging noch mehr Zeit, denn dann wurden sie gründlich geputzt. Ich bin wohl deshalb nie zu spät in die Schule gekommen, aber manchmal auf den letzten Drücker.

Im Winter kam die Dorfjugend zum Rodeln in die Kieskuhle. Zwischen dem Friedhof und dem Heringsbändiger (so wurde der Heringsverkäufer genannt), gleich am Dorfanfang, führte ein Weg leicht ansteigend zur Kieskuhle und zu anderen Gehöften. Auf der einen Seite war eine steile und etwas längere Abfahrt. Mit dem Schwung fuhr man durch die Kuhle und auf der anderen Seite, die nicht so hoch war, halb hoch. Wenn man geschickt war, konnte man da absteigen, ein paar Meter höher klettern und bis zur anderen Seite zurückfahren. Irgendwie gab es eine Ordnung, denn Unfälle passierten so gut wie nie. Wenn einer "Bahn frei!" schrie, dann paßten alle auf.

Beliebt war auch das Anbammeln an Pferdeschlitten, die durchs Dorf fuhren. Ich ließ sie scheinbar gleichgültig an mir vorbeifahren. Kaum waren sie vorbei, dann spritzte ich hinterher und hängte meinen Schlitten irgendwo an. Wenn der Kutscher das mitbekam, schwang er die Peitsche und man mußte loslassen. Manchmal fuhr auch Papa mit unserem Schlitten, dann konnte sich eine ganze Reihe Schlitten hintereinander anhängen. Die Schlitten waren nicht fest verbunden, sondern jeder zog beim Vordermann seinen Strick durch und hielt das Ende fest. Wenn schnell gefahren wurde, stürzte auch mal ein Schlitten um, dann konnte man loslassen und nichts passierte. Die hinter einem mußten dann auch hinterherlaufen.

Anfang März fing der Schnee rasant zu tauen an. Bald waren Straßen und Wege mit Eis bedeckt. Wir banden dann zwei Schlitten zusammen, damit man steuern konnte. Dann fuhren wir am Rande der Kieskuhle auf den Weg Richtung Heringsbändiger, an dem vorbei mit Karacho links die Straße entlang in unsere Richtung. Manchmal kamen wir erst kurz vor unserer Auffahrt zum Stehen. Wenn wir noch weiterhin diesen Spaß haben wollten, mußten wir einige hundert Meter zurück halb gehen, halb schlittern.

Ende 1936 wurde ich gefragt, was mir der Storch bringen sollte, ein Schwesterchen oder ein Brüderchen. Mir war das egal. Dann würden sie dem Storch Bescheid sagen, sollte der entscheiden. Mutti hatte im Winter so einen merkwürdig dicken Bauch. War sie gar krank? Am 6. Februar 1937 mußte ich draußen bleiben, obwohl es sehr kalt war. Wir hatten Besuch, eine sogenannte Hebamme aus Klein Georgenburg war da. Tante Eva durfte ins Haus, ich mußte warten.

Auf einmal kam Tante Eva oder Papa heraus und verkündeten mir, daß ich ein Brüderchen hätte. Vom Storch, glaube ich, wurde nicht gesprochen. Bei Mutti am Bett durfte ich mir das kleine rötliche und schreiende Wesen ansehen. Richtig begeistert war ich nicht. Nach einigen Tagen sah das Baby schon ganz manierlich und putzig aus.

Wie das mit dem Kinderkriegen war, erfuhr ich immer noch nicht. Das mußte ich mir später mühsam erarbeiten. In der Mittelschule wußten andere darüber besser Bescheid. Um nicht ganz doof dazustehen, brachte ich aus einem dicken Wälzer, den ich auf dem Boden gefunden hatte (irgendein Doktorbuch, das man vor mir versteckt hatte), einige Seiten über Geburt und alles mit Großfotos von Mann und Frau mit. Einige hatten solche Fotos noch nicht gesehen, hierin war ich ihnen voraus. So fiel gar nicht auf, daß ich ein unbeschriebenes Blatt gewesen war.

Wenn die Eltern nicht zu Hause waren, mußte ich auf Rudi aufpassen.

Im Frühjahr war das kein Problem. Das Leben spielte sich am Tage im Schlafzimmer ab. Wenn keiner da war, nutzte ich die Chaiselongue als Trampolin. In unserer Liege waren Federn von bester Qualität verarbeitet worden, erzählte Papa. Papa wunderte sich aber bald, daß er vom Mittagsschlaf die Liege durchgelegen haben soll. Er wußte noch nicht, daß ich mich durch Hüpfen von den guten Federn hochschnellen ließ, bis ich mit den Haaren die Zimmerdecke berührte.

Die Chaiselongue mußte repariert werden. Zuletzt war das auch nichts mehr mit dem Hüpfen. Der Sattler muß Papa einen Tipp gegeben haben, denn bald erwischte er mich auf meinem schönen "Sportgerät". Mir wurde diese sportliche Betätigung untersagt, nachdem ich noch einmal eine Vorstellung für Papa und Mutti geben durfte. Ich war so perfekt, daß ich sehr schnell die Decke mit dem Kopf berührte. Nun war jedenfalls Schluß, da wohl zu teuer. Ich habe mich im Allgemeinen daran gehalten, aber manchmal konnte ich der Versuchung nicht widerstehen. Schließlich war es langweilig, auf Rudi aufzupassen. Abwechslung gab es, wenn sein Spielzeug aus dem Bettchen fiel, und ich es ihm zurückgab. Es dauerte gar nicht lange, da fiel sein Spielzeug nicht hinaus, er warf es.

Ostern waren oft Arno und Marga zu Besuch. Mutti hatte Eier gefärbt. Die wurden mit Osterhasen und Schokoladeneiern in Nestern im Garten versteckt. Arno und ich hatten jeder ein Nest gefunden. Ich fand ein weiteres Nest, durfte aber nicht ran, Mutti schickte mich weg. Es war für Marga, die ihr Nest noch nicht gefunden hatte. Da wir nicht heran durften, bekam Marga auch ihr Osternest.

Im Sommer bolzten wir viel auf dem Sportplatz.. Auf der rechten Seite vor dem Heringsbändiger war ein relativ großer Platz. Die großen Jungen spielten Fußball. Manchmal brauchten sie auch einen von uns Kleinen.. So war ich bald öfter dabei. Im Sportunterricht nutzte der Lehrer den Sportplatz. Es gab hier eine Weitsprunggrube. Außerdem konnten wir uns hier im Schlagballweitwurf messen. Für den 60-Meter-Lauf war der Sportplatz zu abschüssig. Laufen mußten wir auf dem Sommerweg. Nur zwei konnten nebeneinander laufen. Es staubte fürchterlich.

Von der dritten Klasse an mußten die fünf mit den besten Gesamtergebnissen nach Georgenburg zum Sportfest. Ich war auch immer dabei. Dort waren die Ergebnisse immer besser als in Georgental, weil dort nur in Turnhemd, Turnhose und Turnschuhen der Wettkampf bestritten werden durfte. Außerdem war in Georgenburg eine vorschriftsmäßige Laufbahn.

Papas Freund, Herr Wohlgemuth, war oft bei uns. Im Herbst und Winter hielten wir uns meist im geheizten Schlafzimmer auf. Dann spielte die Politik in der Diskussion eine große Rolle. Besonders heftig ging es zu, wenn kurz vor dem Krieg die Meinungen aufeinander prallten. Papa vertrat die Auffassung, daß ein Krieg unmittelbar bevorstünde, Herr Wohlgemuth glaubte das nicht. Als dann der Krieg bald tatsächlich ausbrach, habe ich mich sehr gewundert, daß Papa recht gehabt hatte. Er hat die Faschisten richtig eingeschätzt.

Hin und wieder mußte ich zu Wohlgemuths etwas hinbringen oder holen. Sie wohnten mitten im Dorf in einem kleinen Häuschen auf der rechten Seite, höchstens 80 Meter von der Straße entfernt. Durch eine Veranda kam man in die Küche. Dann mußte ich immer noch ein Weilchen bleiben und von diesem und jenem erzählen. Ich bekam ein Stückchen Kuchen oder Bonbons. Ich aß auch sehr gerne Lakritze. Entweder wußte das Herr Wohlgemuth oder ich hatte das erzählt.

Ich weiß nicht, was Herrn Wohlgemuth geritten hat, aber eines Tages, ich war schon ein Weilchen bei ihnen, gibt er mir Lakritze, so glaubte ich, es sah wie Lakritze schwarz aus. Ich machte mich auf den Heimweg .Ahnungslos steckte ich das schwarze Zeugs in den Mund und kaute. Es bildete sich beim Kauen ein scharfer Saft, ich schluckte den hinunter. Wieder bildete sich Saft, wieder schluckte ich. Um der Saftbildung ein Ende zu machen, schluckte ich alles hinunter, anstatt auszuspucken. Nun hatte ich was gemacht! Ich kam gerade noch nach Hause, um mich hinzulegen. Ich hatte eine Nikotinvergiftung. Statt Lakritze hatte ich Kautabak ohne es zu ahnen geschluckt. Herr Wohlgemuth kaute immer Kautabak, beziehungsweise hatte Kautabak in einer Backentasche. Wenn er draußen war, spuckte er im hohen Bogen den Saft in die Gegend. Jedenfalls gab es Ärger. Er kam auch längere Zeit nicht. Als ich ihn mal wiedersah, sagte er entschuldigend, er hätte die Wirkung nicht gewollt und auch nicht geahnt.

Im Herbst und Winter wurden auf der Ostseite des Bodens zwei kleine Zimmer ausgebaut. Ein Zimmer sollte für mich sein, damit Rudi mein Bett im Schlafzimmer bekommen konnte, das andere war als Besuchszimmer gedacht. Die äußeren Wände waren dachschräg. Die Zwischenwand bestand nur aus so genannten Sauerkrautplatten. Die waren nur wenige Zentimeter dick. An einem Holzgestell befestigt, verputzt und tapeziert, sah das gut aus. An die Deckenbalken wurden Bretter genagelt. Auf die Bretter wurden zur Wärmeisolierung Sägespäne geschüttet. Für beide Zimmerchen wurde nur ein Ofen gleich hinter der Tür gesetzt.

Am Schornstein waren unten im Haus Schlafzimmer und die gute Stube angeschlossen, jetzt kam also der Ofen von den beiden kleinen Zimmern dazu. Gleich hinter dem Ofen war die Tür in mein Zimmerchen. Der Ofen wurde vom ersten Zimmer aus geheizt. Die Zimmer waren an der Ostseite ausgebaut worden, so daß die Morgensonne herrlich ins Zimmer schien, wenn sie schien. Aber in Ostpreußen schien die Sonne sehr oft, so habe ich das jedenfalls in Erinnerung. Die Fenster waren beiderseits der Mittelwand. Beide Zimmer hatten eine halb schräge Wand, da stand mein Bett. das Fenster war frei zugänglich. Zwischen Ofen und Tür hatte ich meinen Tisch für die Schularbeiten. Darüber hing die Petroleumlampe, denn wir hatten kein elektrisches Licht.

Eines Abends wollte ich, daß das ganze Zimmer ausgeleuchtet wird. Ich schlug einen Nagel kurz unter der Decke in die Wand und hängte die Lampe an. Kurz bevor ich schlafen gehen wollte, kam Papa herein und schaute sich um. Als er die Lampe so hoch hängen sah, nahm er die ab. Ich sollte mitkommen. Auf dem Boden roch es etwas nach Rauch, das hatte Papa schon unten im Flur gerochen. Er stellte die Leiter an die Wand von meinem Zimmer und kletterte nach oben. Ich sollte ihm folgen.

Ungefähr da, wo ich die Lampe aufgehängt hatte, entfernte er mit einem Gegenstand die Sägespäne. Und siehe da, die schwelten schon. Glut hatte sich gebildet, es roch wie in einer Räucherkammer.

Eines Tages gab es viel Aufregung in der Schule und im Dorf. Von einem Zeppelin war die Rede. Was sollte das sein? An einem Nachmittag sollte der Zeppelin irgendwo auftauchen. Keiner wußte etwas Genaues. Wir standen alle vor unserem Haus im Garten. Vor Georgental hatte sich eine größere Menschentraube gebildet. Dann war auf einmal eine größere Zigarre in Richtung Insterburg auszumachen. Je näher dieses Luftschiff kam, umso größer wurde es. Wir liefen unsere Auffahrt ein Stückchen hinunter zur Straße, denn genau über der Straße, vielleicht auch ein wenig über unserem Acker, flog der Zeppelin in geringer Höhe, so daß man die Leute unten in der Gondel relativ gut sehen konnte. War das ein großes Gebilde! Wie konnte sich das Luftschiff in der Luft halten? Ich war sprachlos.! Ich glaube, ich habe dann vor Begeisterung laut irgendetwas geschrieen. Nun wußte ich, was ein Zeppelin ist. Und war das ein Gewinke auf beiden Seiten! Leider war alles sehr schnell vorbei, wenn auch das Luftschiff relativ langsam flog.

Im Sommer hatten wir fast immer schönes Wetter. Bei der Ernte gab es allerdings hin und wieder Gewitter. Wenn das Getreide schon trocken war, im Westen sich Wolken auftürmten, dann wurde noch schnell ein Fuder vollgeladen und mit Karacho auf die Scheunendiele gefahren. Dann regnete es auch schon. Es war normal, wenn kurz vor einem Gewitter ein starker Wind aufkam. Einmal in den Jahren in Ostpreußen sauste eine Windhose an unserem Gehöft vorbei. Ich sah die schon von weitem herankommen. Alles, was im Wege war, wurde hoch- und mitgerissen.

Diese Windhose kam von Südosten, an Georgental und an unserem Nachbarn Jucknat vorbei, riß unsere Strohmiete hoch und ließ sie ein ganzes Stück weiter völlig zerzaust wieder fallen. Auf unserem Gelände zog die Windhose so günstig vorbei, daß sie keinen weiteren Schaden anrichten konnte. Die Spur der Windhose war auf unserem Acker aber deutlich zu sehen, weil die Erde an der Trichterspitze hochgerissen und wieder fallengelassen worden war.

Wenn die Eltern beide aus dem Haus waren, mußte ich Klein-Rudi beaufsichtigen. Wenn das all zu oft notwendig war, fiel mir das sehr schwer. Meine Freunde waren im Herbst 1937 beim Fußball- oder beim Schlagballspielen, später beim Rodeln, Schorren oder Schlittschuhlaufen. Was tun? Ich wollte wenigstens für eine halbe Stunde aus dem Haus, um beim Spielen mitzumachen. Rudi spielte im Schlafzimmer, es war auch unser Wohnzimmer. Ich ging vorsichtig und leise in die gute Stube. Kaum hatte ich die Tür hinter mir zugemacht, plärrte Rudi und rief nach mir. Ich mußte wohl oder übel zurück. Ich gab ihm weiteres Spielzeug. Er schien alles um sich zu vergessen. Wieder versuchte ich es, durch das Nebenzimmer zu entkommen, ohne Erfolg. Ich sprach vom Nebenzimmer auf Rudi ein und machte schon mal die Tür zum Korridor auf. Rudi akzeptierte, daß ich vom Nebenzimmer mich meldete. Dann machte ich leise die Tür zum Korridor hinter mir zu und verschwand. Rudi konnte ich nicht mehr hören. Ich weiß auch nicht, ob er noch lange nach mir gerufen hat.

Wenn ich bei den Spielkameraden war, merkte ich nicht, wie die Zeit verging. Wenn ich mich dann endlich auf den Heimweg machte, waren über zwei Stunden vergangen und Mutti längst zu Hause. Ich mußte mir einiges anhören. Damit ich nicht wieder ausreiße, wurde die Haustür abgeschlossen. Rudi machte mir es auch wieder schwer, das Zimmer zu verlassen. Ich gab ihm ein Schulbuch zum Bekucken und lenkte ihn ab. Ich gelangte in die Küche, kletterte aus dem Fenster und weg war ich. Natürlich kam ich wieder zu spät nach Hause. Die Gardinenpredigt war nicht von schlechten Eltern. Nun wurden die Fenster zugebunden. Nützte auch nichts. Mutti hatte vergessen, das kleine Oberfenster der Haustür zuzubinden. Es war schwierig, weil ich da auf den Mittelzaun des Vorgartens steigen mußte. Und weg war ich wieder. Natürlich kam ich wieder zu spät. Rudi hatte wohl nicht geweint, als Mutti zurückkam,

und so fand sie sich damit ab, daß ich meine Aufgabe nicht so ernst nahm. Die Fenster wurden nicht mehr zugebunden und die Haustür offen gelassen. Sie war froh, daß ich beim letzten Ausstieg aus dem Türfensterchen nicht verunglückt war.

Unser Schuppen war zu klein. Er wurde abgerissen. Papa baute am Boden fünf große Balkengestelle zusammen. Als er damit fertig war, holte er sich einige Helfer aus dem Dorf heran, die ihm beim Aufrichten der Gestelle halfen. Mit Hau-ruck und viel Kraftaufwand schafften die das gerade so. Mit Stützen wurde das Gestell fixiert. Als das zweite Gestell aufgerichtet war, konnte es mit dem ersten stabil verbunden werden. Einige Bretter wurden schon als Verbindung angenagelt. So ging es weiter, bis alle fünf Gestelle senkrecht standen und miteinander verbunden waren. Ein Kranz kam aufs Dach, und sie feierten Richtfest.

Das Wichtigste war wohl der Schnaps und nicht die Häppchen, die Mutti gemacht hatte. Das Holz für die Balken und die Bretter waren aus Wartenburg von Opa. Ein Sägewerk bei Sprakten hatte die Stämme zu Balken und Bretter gesägt. In den nächsten Wochen hatte Papa mit dem Annageln der Bretter zu tun. Herr Wohlgemuth und Onkel Ferdinand halfen ihm hin und wieder. Auch ich konnte den Hammer schwingen, um für mich ausgelassene Stellen zu nageln. Auf die Bretter des Daches wurden Latten genagelt. Da sollten die Dachpfannen eingehängt werden.

Ich war oft auf dem Dach und half, Dachpfannen einzuhängen. Das war nicht so schlimm, da alles genau paßte. Nur oben am First, da ließ ich die Finger davon. Der Schuppen hatte eine respektable Größe, Er war fast so groß wie die Scheune. Ein Drittel des Schuppens nach Süden hin war abgeteilt, da hatte Onkel Ferdinand seine Werkstatt, seinen Hühnerstall und seinen Holzschuppen.

Wir hatten drei Milchkühe, ein Pferd, sechs Schweine, Gänse, Enten und Hühner. Eine Kuh gab zu wenig Milch, sie wurde auf dem Viehmarkt in Insterburg in der Nähe des Hafens verkauft. Nun mußte eine neue Kuh her. Papa und ich fuhren nach Angerapp zu einer Versteigerung von Pferden und Kühen. Wir saßen auf der Tribüne und verfolgten die Versteigerung von Pferden. Das interessierte Papa wenig. Er studierte lieber die Liste der Kühe, die zur Versteigerung kommen sollten. Dann durften alle, die an der Versteigerung teilnehmen wollten, sich die Kühe anschauen. Papa hatte eine Kuh entdeckt, die er gerne haben wollte. Er sprach auch mit dem Besitzer der Kuh. Dann war es so weit. Papa bot erst mit, als "seine" Kuh vorgeführt wurde. Papa wartete mit seinen Geboten, bis zum ersten Mal gesagt wurde "Zum Ersten". Die Kuh war inzwischen teurer, als Papa bieten wollte, trotzdem hielt er mit. Dann hieß es bei Papas Angebot " zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten", und die Kuh gehörte ihm. Papa war trotz des Preises zufrieden.

Die Kuh hatte ein Rieseneuter. Angeblich sollte die nach dem Kalben über 25 Liter Milch geben, unsere Kühe zu Hause gaben nur knapp 20 Liter. Auch die Jahresmilchleistung sollte sehr hoch sein. Nun mußten wir erst einmal die Kuh nach Hause bringen. Sie wurde hinten angebunden und ab ging es. Vor uns lagen 35 km. Hin hatten wir es in gut 3 Stunden geschafft. Wir kamen erst gegen Mitternacht zu Hause an, denn Pferd und Kuh mußten unterwegs gefüttert werden. Ich habe viel auf Stroh oder Heu im Kastenwagen geschlafen. Zeitweise löste ich Papa auch ab, so daß er auch mal kurz ausruhen konnte. Es war eine so genannte Herdbuchkuh mit entsprechenden Papieren, und natürlich tragend. Bald kalbte die Kuh. Papa war sehr zufrieden mit dem Kauf, denn sie gab wirklich wesentlich mehr Milch als die anderen Kühe. Außerdem hatten wir ein wertvolles Kälbchen, das später auch mehr Milch geben würde.

Die Gänse wurden im Spätherbst, damit sie sehr fett würden, genudelt. Jede Gans bekam so acht bis 10 Keilchen aus Schrot und Wasser in den Hals gesteckt und mußte wohl oder übel schlucken. Geschlachtet sahen sie goldgelb aus. Die meisten wurden verkauft. Mutti erzielte einen guten Preis. Sie war immer recht zufrieden. Ich merkte es am zusätzlichen Taschengeld.

1938 nahmen Papa und Mutti an einer "Kraft durch Freude"- Busreise nach Pillau teil. Dort sollte mit einem Schiff eine kurze Fahrt auf der Ostsee möglich sein. Mutti hatte ein schickes Kostüm, aber ein bißchen zuviel zugenommen. Nun hatte sie ein Korsett für den Oberkörper mit senkrechten Stäben, das die Fettpolster ein wenig verteilen konnte. Dieses Korsett mußte auf dem Rücken geschnürt werden. Das mußte Papa machen. Es war eine schwere Arbeit, denn er stemmte das Knie gegen das Hinterteil, um fester zusammenziehen zu können. Mutti hat viel gestöhnt, aber das Kostüm paßte nachher wie angegossen. Der runde Bauch war weg. Sie sah richtig schick aus. So schön hatte ich sie noch nicht gesehen, denn außerdem hatte sie sich geschminkt. Sie kamen erst nachts zurück. Mutti hat noch lange von dem Ausflug geschwärmt.

Wenn Papa im Herbst größere Flächen pflügen wollte, holten wir auch mal Opas Pferd. Hans, unser junges Pferd aus Opas Zucht, war noch nicht so weit. Einmal fuhr ich mit dem Rad hin und kam im Trab oder Galopp zurück geritten. Mit Opas Sattel ritt sich das ganz anders, als immer auf Lotte ohne Sattel. Allerdings tat der Hintern vom langen Ritt, immerhin 20 Kilometer, abends ganz schön weh. Als die Pflügerei beendet war, brachte ich das Pferd wieder reitend zurück. Reiten konnte ich schon mit vier oder fünf Jahren, wenn man das reiten nennen kann.

Papa hatte eine Arbeit etwa 200 Meter vom Gehöft entfernt beendet. Ich sollte ihn zum Mittagessen holen. Er machte den Schwengel von einer Egge los und setzte mich auf Lotte. Dann gab er Lotte einen Klaps und sie setzte sich sogar in Trab. Dabei schlug der Schwengel hinten gegen die Hufen, und Lotte fing an zu galoppieren. Ich hielt mich krampfhaft an den Sielen fest, rutschte aber hin und her. Dann fing alles nach links zu rutschen an. Als ich langsam seitwärts hinunterrutschte, blieb Lotte zum Glück stehen, so daß ich mich mit den Händen am Boden aufstützen konnte. Ich hatte mich mit einem Fuß im Lederzeug verfangen. Papa kam mit Riesenschritten quer über den Acker gelaufen und befreite mich aus meiner mißlichen Lage. Daß mich ein Pferd jemals abgeworfen hat, daran kann ich mich nicht erinnern. Ich bin im Laufe der Jahre viel geritten. Da ich wußte, daß Lotte bei Gefahr stehen- bleibt, ritt ich bald danach in der Koppel hin und her.

Später, ich war um zehn Jahre alt, konnte ich unser junges Pferd Hans einreiten. Anfangs mußte Papa das Pferd noch zusätzlich halten, denn es wäre sonst mit mir durchgegangen. Allmählich gewöhnte sich Hans an mich. Im Winter und Frühjahr blieben die Pferde viel im Stall, außer Besuchsfahrten nach Tammau oder Wartenburg. Dann waren sie am Anfang nur schwer zu halten, sie wollten durchgehen, bis sie sich ausgetobt hatten.

Im Frühjahr, wenn die Pferde zum ersten Mal richtig gebraucht wurden, spickte sie der Hafer. Erst holten wir Lotte aus dem Stall und ließen sie an der Leine im Kreis sich ein bißchen austoben. Nach dem Abreiben mit Stroh stieg ich auf und galoppierte los. Erst wenn ich merkte, daß das Pferd ruhiger wurde, kam es in den Stall. Dann kam Hans ran. Ich erinnere mich an ein Jahr, da sprang ich gleich auf seinen Rücken, sobald Hans und ich den Stall verlassen hatten. Papa paßte zur Sicherheit auf. Ich drückte meine Beine fest an den Pferdekörper und los ging es. Hinten hoch und ausgeschlagen, vorne hoch, hinten hoch, dann hingeworfen und gewälzt. Ich konnte vorher gerade noch abspringen. Als Hans aufspringen wollte, war ich schon auf seinem Rücken. Er versuchte weiterhin, mich abzuwerfen. Es machte Riesenspaß, ihn kämpfen zu fühlen. Dann fing er an zu galoppieren. Ich ritt über die Felder, bis er von selbst in Schritt fiel. Da er schwitzig war, wurde er mit Stroh abgerieben, besonders in den Flanken, damit er nicht Koliken bekäme.

Leider mußten wir nach Kriegsbeginn Lotte verkaufen, so daß wir wieder nur ein Pferd hatten. Für die Artillerie und Kavallerie wurden Pferde gebraucht. Es war bekannt, daß Pferde beschlagnahmt werden sollten. Also verkaufte Papa Lotte und konnte davon ausgehen, daß er das junge Pferd behalten kann. Wir hatten Hans solange, bis die Russen ihn uns im Januar 1945 wegnahmen.

Als Rudi so zwei Jahre alt war, nahm Mutti ihn auf dem Trampelmotorrad mit zur Markthalle nach Insterburg. Dazu hatte Papa einen Sitz vorne am Lenker befestigt. Für die Füße waren rechts und links Halterungen, so daß Rudi nicht in die Speichen kommen konnte. Außerdem saß er mit dem Rücken zur Fahrtrichtung. Ob er in der Markthalle auch schön artig war, wenn Mutti Butter und Eier verkaufte, habe ich nicht in Erinnerung.

Jedenfalls war niemand zu Hause. Ich legte an unser Hausdach die lange Leiter vom Vorgarten aus an. Ich wollte mal wieder Ausschau halten. Sonst war ich auf das Schuppendach oder Stalldach geklettert. Jetzt war das Hausdach dran. Das war wesentlich höher. Wenn der Schornsteinfeger hochkletterte, schob er Dachpfannen ein wenig hoch und konnte so auf die Latten treten wie auf eine Leiter. Auf den anderen Dächern war ich ohne diese Methode ausgekommen, also versuchte ich es auch hier. Barfuß auf den umgebogenen Zehen war ich ruck, zuck oben.

War das eine herrliche Aussicht! Ich nahm auf dem Schornstein Platz. Wie von einem Aussichtsturm konnte ich in die Runde schauen. Da wir höher wohnten als die im Dorf, konnte ich über Georgental hinweg bis Zwion schauen. In Richtung Insterburg konnte ich die Straße nur bis zum Ende unseres Grundstücks einsehen, weil dort das Gelände stark anstieg und mir die Sicht versperrte. Ich konnte also nicht sehen, ob Mutti schon zurückkam und trat den Rückzug an. Erst jetzt merkte ich, daß das Dach wesentlich steiler war. Ich bekam nun auch noch Angst. Aber runter mußte ich. Von oben konnte ich die Dachpfannen nicht einschieben. Eigentlich hätte ich auf Papa warten müssen, daß er mir die "Leiter" zurecht schiebt. Darauf kam ich nicht. Ich legte mich flach aufs Dach und versuchte, rückwärts nach unten zu klettern. Ich kam ins Rutschen. Verzweifelt versuchte ich, mit den Zehen und Fingernägeln das Rutschen abzubremsen. Ich hatte den Eindruck, daß ich allmählich etwas langsamer rutschte. Plötzlich spürte ich die Dachrinne unter meinen Füßen. Die Dachrinne bremste mein Rutschen, ich kam fast zum Stehen.

Ich fiel dann nach vorne und stellte erleichtert fest, daß ich großes Glück gehabt hatte. Genau so gut hätte ich 6 Meter unkontrolliert abstürzen können. Bestimmt haben mir die Zehen- und Fingernägel das Leben gerettet.

Sonntags trafen sich ältere Jungen in der Kieskuhle. In der großen Grube waren nur noch Reste an Kies. Von dieser Kiesgrube aus führte eine bewaldete Schlucht über einen Kilometer weiter von der Straße weg. Einige Hundert Meter von der Grube entfernt wurde nun Kies abgebaut. Dorthin konnte kein Lkw fahren. Nun hatten die Kiesabbauer Schienen verlegt und transportierten so den Kies mit Loren bis zur großen Grube, wo er auf Lkws gekippt wurde. Am Sonntag war kein Mensch da.

Die größeren Jungen schoben die Loren die leichte Steigung hoch bis zur Abbaustelle und drehten die Bremsen fest. Dann stiegen alle auf, nur Walter und ich und einige Jungen in unserem Alter ließen sie nicht mitfahren. Einer stand an der Bremse und löste sie langsam. Die Loren setzten sich in Bewegung und die vier oder fünf Loren wurden immer schneller, wir liefen nebenher. Der Bremser fing plötzlich wie wild zu drehen an, so daß der Konvoi rechtzeitig zum Stehen kam. Wir halfen beim Schieben in die Ausgangsposition, dafür durften wir dann doch mitfahren. Es war ein Gefühl wie beim Schlittenfahren, wenn wir mehrere Schlitten zusammengebunden hatten. Für den folgenden Sonntag verabredeten wir uns wieder. Keiner sollte aber zu Hause auch nur ein Sterbenswörtchen sagen.

Am darauf folgenden Sonntagnachmittag waren alle wieder da. Wir Kleineren durften mitfahren. Ein paar mal ging alles gut. Die Bremser versuchten abwechselnd, erst im letzten Augenblick vor der Kuhle abzubremsen. Jeder wollte der Beste sein. Auf der für uns letzten Fahrt fing der Bremser viel zu spät an, abzubremsen. Er schrie noch, wir sollten abspringen (Abspringen!!!), und tatsächlich schafften es alle abzuspringen. Die Loren aber stürzten alle in die Kieskuhle. Vorbei war es mit dem schönen Sonntagsvergnügen. Krampfhaft versuchten die Betreiber des Kiesabbaus mit Hilfe der Polizei herauszubekommen, wer die Loren zum Absturz gebracht hatte. In der Schule wurde ermittelt, ohne Erfolg, keiner sagte etwas, keiner wußte, wer dabei gewesen war. Überall wurde nachgefragt, keiner hatte was gesehen oder gehört. Die ganze Sache verlief im Sande. Der Kiesabbau wurde eingestellt.

Im Juni bot das Gestüt Zwion, ein Ableger vom Gut Georgenburg, an, auf den Pregelwiesen Heu zu machen. Maschinen und Reuter wurden gestellt. Jeder Interessent bekam ein Stück Wiese zugeteilt. Die Hälfte des Heus sollte der Lohn sein. Papa hat das jahrelang genutzt, zusätzlich zu Heu zu kommen. Der Reihe nach konnte die Mähmaschine genutzt werden. Das dauerte nicht lange. Am nächsten Tag wurde, trockenes Wetter vorausgesetzt, das gemähte Gras gewendet. War das Wetter gut, Papa hatte da eigentlich immer Glück mit dem Wetter, soweit ich mich erinnern kann, wurde mit der Hungerharke das Heu zu Reihen zusammengeharkt. Anschließend wurde das Heu gereutert. Genau die Hälfte der Reuter wurde oben ein wenig höher gepackt, die anderen wurden unten fast voll gepackt.

Dann begann das Warten. Das Gestüt fuhr immer erst die Hälfte der Reuter ab, dann erst durften wir. Das Heu auf den Reutern mußte noch tagelang trocknen. Als wir dann nach ungefähr acht Tagen mit dem Leiterwagen die Pregelwiesen weit hinter Zwion erreichten, waren tatsächlich die hoch gepackten Reuter weg. Papa machte das Staken des Heus Riesenspaß, waren doch die vom Gut auf die Täuschung hereingefallen. Sie hätten nur die kleineren Reuter zu nehmen brauchen, dann wäre Papa der Gelackmeierte gewesen. So fuhren wir eine ansehnliche Menge Heu nach Hause.

Unsere Viehkoppeln lagen hintereinander von der Scheune an. Zuerst wurde diese erste Koppel abgeweidet. Es war die kleinste und stieg wie das gesamte Gelände immer noch ein wenig an. Die zweite Koppel dahinter war wesentlich größer und stieg bis zur höchsten Stelle des Geländes an, bis das Gelände nach ungefähr 30 Metern wieder abfiel. Hier weideten die Kühe und Pferde, wenn in der ersten Koppel nichts mehr zu fressen war. Nach wenigen Metern kam die dritte Koppel, die noch etwas größer war. Hier fiel das Gelände bis zum tiefsten Punkt ab, um dann bis zum Grenzpfahl wieder anzusteigen. Diese dritte Koppel wurde erst als Weide genutzt, wenn im Juni der erste Schnitt Heu geerntet worden war. Dann kam auch Herr Wohlgemuth, und beide mähten hintereinander. In der Mittagspause klopfte Papa beide Sensen, denn sie mußten scharf sein. Am zweiten Tag waren sie dann fertig und das Gras konnte trocknen. Wenn das Wetter trocken blieb, wurden nach dem Wenden Haufen gemacht. Drohte Regen, bevor das Heu trocken war, wurde gereutert. Die Reuter wurden luftig gepackt und konnten, wenn keine Zeit zum Einfahren war, lange stehen bleiben.

Wenn Gras nachgewachsen war, konnten die Kühe und Pferde in die dritte Koppel. Hier wuchs das Gras am besten, denn durch die tiefe Lage war die Wiese feucht. Hier stand im Frühjahr bei Tauwetter der Grund 15 bis 20 Meter breit unter Wasser. Wenn dann um den 10. März herum Frostwetter einsetzte, hatten wir auf unserem Gelände eine herrliche Eisfläche.

Schlittschuh konnten wir selten laufen, aber mit dem Schlitten quer rüber fahren ging allemal. Wenn Walter und ich den Schlitten am Rand der Eisfläche geschickt aufsetzten, kamen wir meist bis auf die andere Seite. Das Eis knackte unter uns, und wenn der Schwung nicht ausreichte, blieb der Schlitten stehen und brach ein. Wenn es dicht genug zum Rand war, ragte der Schlitten noch aus dem Wasser. Dann konnte der andere seinen Schlitten da hinschieben, so daß man trockenen Fußes an Land kam.

Hatte man Pech, und der Schlitten brach in der Mitte der Eisfläche ein, dann stand man bis zum Bauch im Wasser. Dann mußte man so schnell wie möglich nach Hause und sich umziehen. An dem Tag hatte derjenige, der eingebrochen war, die Nase voll und machte Schluß. Am nächsten Tag ging es aber wieder weiter. Manchmal kamen auch andere mit ihren Schlitten dazu. Dann gab es regelrechte Wettkämpfe. Leider waren das nur wenige Tage, denn dann setzte endgültig Tauwetter ein.

Ich hatte vorne spitze und runde Schlittschuhe. Wenn im März durch das Tauwetter unsere Auffahrt völlig vereist war, baute ich mir aus drei Schlittschuhen einen lenkbaren Schlitten. An schmalen Brettchen wurden die Schlittschuhe festgedreht. Auf die zwei Brettchen mit den spitzen Schlittschuhen wurde ein Sitz aus Brettern genagelt. Eine Stange nach vorne mit einem Bohrloch kam dazu. Auf den abgerundeten Schlittschuh wurde ein Kreuz für die Füße montiert. In der Senkrechten kam ein Bohrloch dazu, so daß mit einem Bolzen beide Teile beweglich verbunden werden konnten.

Nun konnte es losgehen. Dieses Gefährt entwickelte auf unserer Auffahrt bei der Abfahrt ein Affentempo, so daß ich das Gefährt irgendwie lieber zum Stehen gebracht habe. Eine Bremse mußte her. Mit einem spitzen Eisenstab zwischen den Beinen vor dem Schlitten konnte man durch Hebelwirkung die Geschwindigkeit beliebig verringern und jederzeit anhalten. Jetzt konnte ich die Abfahrt mit großer Geschwindigkeit hinunterfahren. Es holperte zwar, aber ich kann mich nicht an einen Sturz erinnern.

Anders war es mit dem Fahrrad. Wenn ich sehr schnell, natürlich in der eisfreien Zeit, den Weg hinunterfuhr und die Rechtskurve nahm, rutschte das Fahrrad weg und ich lag auf der Straße. Wenn ich dann nach Wartenburg fuhr, legte ich mir Wegerich auf das verletzte rechte Knie, und nach ein paar Tagen war fast nichts mehr zu sehen. Nahm ich aber die Linkskurve in Richtung Insterburg, dann passierte nichts, so schnell ich auch fuhr, und wie schräge ich auch beim Abbiegen in der Kurve lag. Da hatte ich Routine.

Ich wollte und sollte in die Mittelschule. Im Frühjahr 1940 wurden die Jungen und Mädchen, die dafür vorgesehen waren, geprüft. Das Zeugnis reichte denen in Insterburg nicht. Lesen, Schreiben, Rechnen und Erzählen waren Prüfungsstoff. Zwei Jungen und drei oder vier Mädchen wurden ausgewählt. Die Mädchen für die Frieda-Jung-Mittelschule und die Jungen für die Knabenmittelschule. Nach Ostern mußte ich täglich nach Insterburg. Meist fuhr ich mit dem Rad. In Nettienen war eine kleine Fähre, die an einem Stahlseil mit einem Hebel bewegt über den Pregel gezogen wurde. Dadurch verkürzte sich der Schulweg von 7 auf 4 Kilometer. Auf der anderen Seite war ein Damm bis Insterburg, der vor Überschwemmung durch Pregel und Angerapp schützen sollte. Darauf ließ es sich gut fahren. Noch lieber fuhr ich den Damm hinunter und am Pregelufer im Zickzack durch die Weidenbüsche.

Manchmal, besonders bei schlechtem Wetter, fuhr ich mit dem Bus, der von Popelken kam und nach Insterburg fuhr. Die Haltestelle war am anderen Ende des lang gezogenen Straßendorfes. Der Busfahrer hatte ein Einsehen, vielleicht hat Papa auch was unternommen, und versprach mir, bei uns unten zusätzlich zu halten. Der Bus war oft sehr voll, so daß er an der Haltestelle manchmal gar nicht hielt, bei uns aber immer. Manchmal ging die Tür gar nicht mehr auf. Ich mußte dann auf der Fahrerseite einsteigen und mich hinter dem Fahrer noch dazwischenklemmen. Einfach unvorstellbar und leichtsinnig vom Busfahrer, aber es ist nie etwas passiert.

Nun war ich täglich in der Stadt. Wenn ich mit dem Fahrrad in die Schule fuhr, war ich einer der ersten. Man konnte dann noch auf dem Schulhof ein bißchen Bolzen oder Greif spielen. Die Schule war in der Elisabethstraße. Zwei aus unserer Klasse wohnten ganz in der Nähe, aber die kamen auf den letzten Drücker. Tante Meta und Onkel Fritz wohnten in Insterburg in der Vorstadt in der Nähe des Rummelplatzes. Manchmal fuhr ich ran und bekam auch etwas zu essen. Wenn Tante Meta gut gelaunt war, bekam ich auch ein paar Dittchen und konnte Karussell fahren.

Wenn ich Mutti nicht Bescheid gesagt hatte, daß ich später komme, mußte ich mir was anhören. Sie wollte einfach wissen, wann ich nach Hause komme. Dann mußte ich Schularbeiten machen. Kam ich rechtzeitig nach Hause, konnte ich wählen: Gleich Schularbeiten machen oder erst zwei Stunden zum Fußballspielen oder einfach ins Dorf gehen. Zuerst erledigte ich immer die Schularbeiten, die ich für problemlos hielt. Das waren die Mathe- und Schreibaufgaben. Erst danach die Aufgaben in anderen Fächern. Am Abend schaute sich Papa die Schularbeiten an. Manchmal mußte ich sie noch- einmal machen, wenn die Schrift nicht ordentlich war.

Dann ritt er sein Steckenpferd, das Einmaleins. Schon vor der Schulzeit ging das mit einfachen Aufgaben los. Jetzt war auch schon das große Einmaleins dran. Vor allem lernte ich auch Rechenvorteile kennen.

Mein Lieblingsfach war Mathematik. Wenn ich Hausaufgaben nicht gleich lösen konnte, rechnete ich die Aufgaben aus der Stunde noch einmal durch. Dann fand ich den Lösungsweg leichter. Wenn ich anderen vor oder nach dem Unterricht helfen konnte, war ich besonders motiviert, zusätzlich Aufgaben zu lösen. Ich las jetzt auch sehr viel. In der Stadtbibliothek konnte man sich kostenlos Bücher ausleihen, man mußte sie nur rechtzeitig wieder abgeben. Besonders gern las ich Abenteuer- und Indianergeschichten. Bei Billy-Jenkins-Indianergeschichten kamen die Indianer nicht so gut weg. Anders die von Cooper, z.B. "Der Wildtöter", oder auch "Der letzte der Mohikaner". Abends las ich noch im Bett. Den Tisch hatte ich mir ans Bett gezogen und die Petroleumlampe darauf gestellt. Das ging ganz gut. Wenn nicht die Kontrolle gewesen wäre! Um 10 Uhr sollte ich Licht ausmachen. Gegen 10 Uhr machte ich das Licht aus, nahm die Taschenlampe und las unter der Decke. Wenn Mutti oder Papa leise die Tür aufgemacht hatten und wieder gegangen waren, konnte ich die Lampe anzünden, denn die Taschenlampe hielt nicht lange. So um Mitternacht machte ich manchmal erst das Licht aus.

An einem wahrscheinlich Sonntagmorgen war ich nach dem Frühstück wieder auf mein Zimmer gegangen, um zu lesen. Als ich das, was ich lesen wollte, beendet hatte, schaute ich aus meinem Fenster nach Osten. Da kam mir der Gedanke, einmal aus dem Fenster zu springen. Es war eigentlich ein bißchen hoch, so um die 5 Meter. Ich dachte mir, wenn ich die Beine baumeln lasse und dann abspringe, müßte es zu machen sein. Gedacht, getan, und schon war ich unten. Ich hatte die Beine ein wenig angewinkelt, dadurch schlug ich mit dem Hintern auf dem harten Boden auf. Nach kurzer Zeit vergingen die Schmerzen. Bei Gefahr war das durchaus ein Fluchtweg.

Nach dem Mittagessen wollte ich auf mein Zimmer, aber die Tür war abgeschlossen. Ich fragte Mutti, warum sie abgeschlossen hätte, aber sie wußte von nichts. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich hatte bestimmt von innen abgeschlossen! Ich schaute durchs Schlüsselloch und mußte feststellen, daß der Schlüssel von innen steckte. Ich holte mir die Leiter vom Stall, aber die reichte nicht ganz an mein Fenster. Ich kletterte hoch, konnte an das Fensterbrett fassen und mich hochziehen. Möglichst leise ging ich nach draußen. Unbemerkt trug ich die Leiter weg und sah dann, daß doch Kratzspuren an der Wand vom Klettern zu sehen waren. Weder Papa noch Mutti haben die je bemerkt.

So gegen 14 Uhr kam ich normalerweise aus der Schule. Wenn Mutti zu der Zeit nicht zu Hause sein konnte, hatte sie eine Suppe gekocht, die ich nur warm zu machen brauchte. Am liebsten aß ich Klunkersuppe aus Pflaumen und Mehlklößen. Unser größter Kochtopf war voll, wenn ich anfing, halbvoll wenn ich aufhörte. Dann war der Bauch kugelrund und ich mußte mich erst einmal hinlegen. Wenn das vorbereitete Mittagessen mir nicht so zusagte, machte ich mir Kartoffelflinsen. Ich schälte eine große Kartoffel und rieb sie. Die Masse verrührte ich mit einem Ei und einer Prise Salz. Das wurden dann zwei Flinsen. Jetzt war ich aber erst einmal hungrig geworden. Mindestens noch zwei Kartoffeln und zwei Eier habe ich verarbeitet und gegessen.

Für mein Leben gern aß ich die einfache Backmargarine, die so richtig nach Margarine schmeckte, eben ganz anders als Butter. Wenn Mutti backen wollte, suchte sie die Margarine und fand keine. Sie mußte Butter nehmen. Margarine wäre billiger gewesen. Ich mußte zugeben, daß ich die Margarine aufgegessen hatte. Fingerdick aufgestrichen, schmeckte mir die Margarine besser als Butter. Ich brauchte auch keinen Belag. Apropos Belag. Wenn eine Schnitte voll mit Wurstscheiben belegt war, legte ich die übereinander auf das Ende der Schnitte. Vom Geruch hatte ich die Illusion, Wurst zu essen. Aber dann! Ein Genuß!

Mutti versteckte nun die Margarine. Nutzte nuscht nich. Ich fand die Margarine in der Kammer, im Küchenschrank hinter den Tassen, zuletzt oben auf dem Küchenschrank. Der war zweigeteilt. Auf dem etwas breiteren Unterschrank war ein Aufsatz mit Glastüren für das Geschirr. Irgendwie verlor ich das Gleichgewicht, sprang runter und riß den Oberschrank mit. Zum Glück kam ich zum Stehen und konnte den oberen Teil des Schrankes mit ausgestreckten Armen abfangen. Aber, oh Schreck, die Türen gingen auf, und rechts und links von mir rutschte das ganze Geschirr an mir vorbei und schepperte auf den Fußboden. Daß ich von Tellern und Tassen auch getroffen wurde, merkte ich nicht. Erst an den Verletzungen im Gesicht sah und merkte ich das, als alles vorbei war.

Mutti und Papa hatten das draußen gehört. Es war nicht zu überhören, wenn Teller und Tassen auf den harten Fußboden der Küche aufschlagen. Sie kamen hereingestürzt und sahen die Bescherung. Der Schrank wurde wieder aufgerichtet. Sie fragten mich, wie das passieren konnte. Ich mußte beichten, daß ich die Margarine gesucht und gefunden hatte. Eine teure Margarine! Nur wenige beschädigte Tassen und Teller waren vom Küchengeschirr und leider auch vom guten Geschirr übrig geblieben. Das schlimme war, daß es fast nichts an Geschirr zu kaufen gab, seit 1939 war ja Krieg. Alles gab es nur auf Marken und Bezugsscheinen. Davon war jetzt nicht die Rede. Beide, Mutti und Papa, durchwühlten die Scherben, ich sollte nach draußen gehen und spielen. Wie konnte ich jetzt spielen! Ich rannte ziemlich kopflos vom Hof zu den Tieren und klagte Hans mein Leid. Warum hatte ich keine Prügel bekommen? Ich wußte doch, daß ich einen großen Schaden angerichtet hatte. Ich wollte doch bestraft werden, damit ich mein Schuldgefühl loswerde! Es sollte doch der Hintern richtig wehtun, damit die Gedanken eine andere Richtung bekommen. Ich ging zurück in die Küche, aber nichts geschah. Inzwischen war alles weggeräumt und ich wurde, als wenn nichts geschehen wäre, gefragt, wie es mir ginge. Das hält doch kein Pferd aus! Ich habe wie ein Schloßhund geheult und konnte mich gar nicht beruhigen.

Papa erklärte mir dann, wie froh sie wären, daß mir nichts passiert wäre. Ich hätte auch vom Schrank erschlagen werden können. Und Geschirr, wenn auch beschädigt, wäre noch genug da. Alles ließe sich regeln. Mich konnte das wenig trösten. Aber es war nichts zu ändern. Die Margarine jedenfalls schmeckte mir nicht mehr. Die konnte jetzt frei liegen.

Allmählich hatten wir dann wieder mehr Geschirr. Wer von meiner Missetat erfuhr, schenkte den Eltern das eine oder andere. Vergessen habe ich das Unglück bis heute nicht. Beim Schreiben kamen mir die Tränen.

Einmal in der Woche mußte ich zum Dienst bei den Pimpfen. Die Georgentaler Jungen trafen sich im großen Klassenraum der Dorfschule. Meist war es der junge Lehrer, der uns sagte, wo es langgeht. Auf dem Schulhof wurde exerziert. Wir mußten im Gleichschritt marschieren, Wendungen, wie rechts-um, links-um, ganze-Abteilung-kehrt usw. üben. Wenn es nicht klappte, wenn einer nicht wußte, wo rechts und links ist, hieß es Hinlegen! Auf ! Hinlegen! Robben! Auf! Antreten! wie beim Militär.

Eines Tages hatte der Lehrer zwei Paar Boxhandschuhe in der Hand. Was er mit den Dingern will? Wir beide von der Mittelschule bekamen die Handschuhe und mußten sie anziehen. Die übrigen Jungen bildeten einen Kreis. Wir sollten boxen. Jeder versetzte dem anderen einen Schlag ins Gesicht. Die Schläge wurden härter und schneller ausgeführt. Es tat weh, und ich wurde wütend. Mein Gegenüber wohl auch. Jetzt prügelten wir mit beiden Fäusten aufeinander ein, völlig unkontrolliert, bis ich nicht mehr konnte. Wir bluteten wie die Schweine. Alles war rot, Gesicht, Kleidung, Handschuhe. Kommentar des Übungsleiters zu den anderen: Ihr habt gesehen, wie nicht geboxt wird.

Als ich mich beruhigt hatte, meldete ich mich zum Boxkurs an. Ich lernte, mich zu verteidigen, Scheinangriffe zu führen und richtig zuzuschlagen.

Das war ganz interessant. Mir machte das Boxen viel Spaß. Wenn man richtig boxte, tat kaum etwas weh. Bald konnte ich in Georgenburg an Bereichskämpfen teilnehmen. Ich gab mir richtig Mühe, meine Gegner mit der linken Hand zu täuschen und mit der rechten hart zuzuschlagen. Soweit ich mich erinnern kann, habe ich die meisten Kämpfe gewonnen. Einmal wurde ich auch nach Insterburg zu irgendeiner Meisterschaft geschickt, da ging es für mich nicht gut aus. Siegen in Georgenburg war mir lieber.

Im Spätherbst 1941 war ein sehr starker Sturm. Morgens zur Schule brauchte ich fast nicht treten. Auf dem Damm vor Insterburg machte ich die Jacke auf und hielt sie als Segel in den Wind. Nach der Schule war der Sturm aus Richtung Westen noch stärker geworden, hatte ich jedenfalls den Eindruck. Ich fuhr erst einmal in die Vorstadt zu Tante Meta und wartete, ob der Sturm nachläßt. Aber ewig wollte ich nicht warten und fuhr los, obwohl Tante Meta angeboten hatte, bei ihr zu übernachten.

Ich wollte nach Hause in mein Zimmerchen.

Bis Georgenburg hatte ich den Wind schräge von hinten. Nach Nettienen zur Fähre hätte ich ihn gleich von vorne gehabt. Da waren es 4 km, sagte ich mir, und von Georgenburg nach Hause waren es 4 Kilometer. Hier hatte ich aber die Chance, mit einem Pferdewagen mitgenommen zu werden. Es kam aber kein Pferdewagen. Von Georgenburg ging es nun nach Westen. Bis Kleingeorgenburg schützte ein wenig der Wald vor dem Sturm, er hatte sich ein wenig nach Nordwesten gedreht. Fahren konnte ich nicht, denn der Sturm war zu stark, außerdem peitschte ein Eisregen einem ins Gesicht. Ich suchte hinter Straßenbäumen Schutz und kämpfte mich von Baum zu Baum vor. Die kurze Strecke zum nächsten Baum konnte ich nur rückwärts zurücklegen. Mit hochgeschlagenem Kragen ging das. Ich fror aber sehr, denn die Jacke war zu dünn.

In Kleingeorgenburg kam der Bus nach Popelken. Anstatt das Rad an einem Gehöft liegen zu lassen und mit dem Bus mitzufahren, bammelte ich mich hinten an. Erstens wurde es zu schnell, und zweitens traf mich jetzt der Eisregen so stark, daß ich loslassen mußte. Irgendwie kam ich noch vor dem Dunkelwerden zu Hause an. Völlig erschöpft. Daß ich das geschafft hatte! Papa war aber nicht zu Hause. Er hatte sich Sorgen gemacht und war mir entgegen gekommen. Er hatte geglaubt, daß ich wie immer über den Damm und die Fähre kommen würde. Bei Tante Meta erfuhr er dann, daß ich über Georgenburg gefahren wäre. Nun fuhr er über Georgenburg und ging auch so wie ich und kam im Dunkeln zu Hause an, auch völlig erschöpft und wunderte sich, daß ich das geschafft hatte. Wie der Zufall es will, ich hatte den falschen Weg gewählt.

Im Juni 1941 hatten wir Einquartierung. Ganz Georgental war voller Militär. Bei uns waren 10 Mann mit schwerem Gerät untergebracht, darunter Zugmaschinen. Die beiden kleinen Bodenzimmer waren beschlagnahmt worden. Der Krieg mit Rußland stand unmittelbar bevor, daher der Aufmarsch. Angeblich Manöver. Auf unserem Hof stand auch eine Beiwagenmaschine. Wenn keiner da war, setzte ich mich rauf und machte so, als wenn ich fahre. Als der Fahrer mich dabei erwischte, schimpfte er nicht, sondern drehte mit mir ein paar Runden auf dem Hof und hinter der Scheune. An einem der folgenden Tage wiederholte sich das. Ich sollte auch einmal versuchen, richtig zu fahren. Er ließ den Motor durch Treten des Starters an, ich setzte mich auf den Sitz. Ich hatte Mühe, an die Pedalen zu kommen. Ich zog die Kupplung, er legte den 1. Gang ein. Nun sollte ich die Kupplung langsam kommen lassen. Er saß neben mir rückwärts auf dem Beifahrerwagen.

Ich ließ die Kupplung langsam kommen und das Motorrad hüpfte wie ein Ziegenbock los. Der Motor war ausgegangen, ich hatte zu wenig Gas gegeben. Ich durfte noch einmal versuchen zu fahren. Nun ging es besser, und ich fuhr hinter die Scheune. Er paßte auf, daß nichts passieren konnte. Als ich wieder einmal fahren durfte, hat er sich mit einem anderen Soldaten unterhalten. Dadurch war er abgelenkt und paßte nicht richtig auf. Wir kamen auf den Hof, und ich fuhr auf die Pumpe zu und bremste plötzlich. Er machte einen Salto rückwärts und kam zum Glück zum Stehen. Sein Kumpel lachte schallend, weil er dachte, ich hätte das mit Absicht gemacht. Ob ich mit Absicht stark gebremst hatte, wußte ich nicht, vielleicht. Jedenfalls war es mit der Fahrerei vorbei. Wenige Tage später zogen die Soldaten bei Nacht und Nebel weiter nach Osten, wo es am nächsten Tag morgens um drei Uhr zu ballern anfing. Mutti hatte mich geweckt.

Ich hatte endlich mein schönes Zimmer wieder. Ich war inzwischen in der 2. Klasse der Mittelschule, d.h. im 6.Schuljahr. Es waren ungefähr 30 Schüler, darunter ein Katholik. Der hatte nichts zu lachen. Laufend wurde er von einigen gehänselt und provoziert. Zwei Schüler in unserer Klasse waren besonders aggressiv, auch gegen andere. Schon von der 5. Klasse an stießen sie einen an, um eine Prügelei vom Zaun zu brechen. Da sie stärker waren als ich, ich hatte zu wenig auf den Rippen, war ich der Unterlegene. Ich versuchte, ihnen aus dem Weg zu gehen. Das gelang, weil sie genügend Opfer fanden.

Nun hatte ich boxen gelernt. Da kreuzte ich bewußt ihre Wege. Es war uns aber gesagt worden, daß wir in einer Prügelei dem Gegner sagen mußten, daß man Boxen kann. Als ich von dem einen angegriffen wurde, er mich stieß, sagt ich ihm, er solle es lassen, ich könnte boxen. Er lachte mich aus. Es hatte sich ein Kreis gebildet, wir mittendrin. Alle waren wohl gespannt, wie das ausgeht. Besonders die, die von ihm oft Prügel bezogen hatten. Ich wurde richtig wütend. (Auch jetzt beim Schreiben bin ich noch oder wieder wütend, wenn ich daran denke.) Als er mir einen Schlag versetzte, täuschte ich links an und versetzte ihm mit rechts mit voller Wucht einen Schlag ins Gesicht. Er taumelte, fing sich aber, und griff mich an. Ich versetzte ihm nun rechts und links mit den Fäusten Schläge, daß er nur noch dazu kam, die Hände und Arme zum Schutz vor sein Gesicht zu halten. Er war so verdattert, daß er versprach, mich in Ruhe zu lassen. Die Klasse johlte. Wir waren nämlich in einer längeren Pause im Klassenraum geblieben. Nun nahm ich ihn am Schlafittchen, schüttelte ihn und forderte von ihm, alle in Ruhe zu lassen, sonst könnte er was erleben. Er versprachs. Von da an gab es keine Prügeleien mehr so zum Spaß. Wenn sich welche prügelten, hatte das einen Grund. Wir mußten wegen der Sache zum Herrn Direktor. Als er sich alles angehört hatte, ließ er es auf sich beruhen. Ich glaube, er schmunzelte sogar. War doch die Devise in der Erziehung: Schnell, wie die Windhunde. Hart , wie Kruppstahl. Stark wie die Bären.

Die Mathematikstunden begannen mit Kopfrechnen. Alle mußten nach der Begrüßung stehen bleiben. Wer eine richtige Lösung in Richtung Lehrer brüllte, konnte sich setzen. Durch Papas Schulung war das für mich kein Problem. Ich konnte schon von Anfang an in Ruhe abwarten, was da kommt. Ein Schüler zwei Bänke hinter mir war immer der letzte. Er war einfach zu langsam. Eines Tages trug der Lehrer, ein älterer Herr, diesem Schüler eine 7 als Zensur ein. Die Zensurenskala ging zwar nur bis 6, aber die 7 sollte wohl ausdrücken, daß das ein hoffnungsloser Fall ist. Der Schüler wurde wütend und fragte, ob er ihm nicht auch eine 8 oder 9 eintragen wolle. Der Lehrer war sprachlos. Er ließ die erste Bank räumen, holte seinen Rohrstock und forderte den Schüler auf, nach vorne zu kommen. Er mußte sich in die Bank stellen, nach vorne beugen und der Lehrer nahm den Kopf zwischen die Beine. Dann holte er aus und schlug richtig eine Weile zu. Der Lehrer hatte Glück, daß er nicht gebissen wurde.

Der Schüler weinte nicht, sondern wimmerte nur. Diese Stunde war gelaufen. Mit hochrotem Kopf verließ der Mathelehrer den Raum. Der Direktor kam, las uns die Leviten, nahm den Schüler mit und ging wieder. Dieser Schüler mußte in die Volksschule zurück.

Nach dem Überfall auf die Sowjetunion wurde auch Papa eingezogen. Die Grundausbildung war in Modlin bei Warschau. Nach Insterburg hatte man polnische Frauen und Männer gebracht, die zur Hilfe in der Landwirtschaft angefordert werden konnten. Mutti hatte sich für eine Frau entschieden, so kam Natascha aus Bialystok zu uns. Sie versorgte die Tiere und half bei der Gartenarbeit. Sie verrichtete auch einige Arbeiten im Haus, wie Aufwischen und Wäsche waschen. Essen zubereiten, also auch kochen, durfte sie nicht. Sie durfte auch nicht an unserem Tisch sitzen. Mutti stellte einen kleinen Tisch neben unseren großen Eßtisch, so daß sie über einen kleinen Spalt hinweg von unserem Tisch, was sie essen wollte, nehmen konnte. Der Dorfpolizist, der hin und wieder überraschend auftauchte, sah den zweiten Tisch nur weiter weg stehen, so daß er nichts sagen konnte.

Natascha schlief im ersten oberen kleinen Zimmer. Ich mußte durch ihr Zimmer, wenn ich in mein Zimmer wollte. Sie hatte vor ihrem Bett ein Gestell mit einem Vorhang stehen, so daß ich sie nicht sehen konnte.

An einigen Wochenenden konnte Mutti Papa besuchen. Sie fuhr dann am Freitag nach Modlin und kam am Montag wieder zurück. Dann mußte ich Mittagessen kochen. Dann gab es fast immer nur dasselbe: Salzkartoffeln, Spirgel und Milchsoße, mit Sahne verfeinert, dazu Senfgurken. Fetter Speck wurde in der Pfanne ausgebraten. Im Fett briet ich grob geschnittene Zwiebel. Alles raus aus der Pfanne und auf meinen Teller. Fett in die Pfanne, ein Löffel Mehl dazu, braun werden lassen, mit Milch aufgießen und rühren, bis die Soße, das sollte es werden, ein bißchen dick war. Salz und Pfeffer dazu, fertig. Natascha hat`s geschmeckt, Rudi nicht so sehr. Der wollte lieber Flinsen. Die gab es eventuell am Sonntag.

Von Modlin kam Papa über eine Zwischenstation, ich weiß nicht, wo er da war, nach Königsberg. Er war Wachmann in einem Kriegsgefangenenlager. Als er von da auf Urlaub kam, berichtete er von katastrophalen Zuständen im Lager, vor allem, daß da viele verhungern mußten. Es war für ihn unerträglich, nichts für die Menschen tun zu können, als hier und da mal heimlich ein Stück Brot liegen zu lassen. Von Königsberg kam er nach Norwegen bis hoch in den Norden, bis Narwik.

Einmal kam ein Brief, den hatte er um Mitternacht auf Wache geschrieben. Da war es noch heller, schrieb er, als zu Hause bei Mondschein. Als Papa von Norwegen auf Urlaub kam, hat er Mutti ein Schachspiel mitgebracht und gezeigt, wie das geht. Von da an haben Mutti und ich Schach gespielt, wenn sie am Abend nichts zu tun hatte.

In der dritten Klasse der Mittelschule, also im 7. Schuljahr, hatten wir in Mathe Dreieckskonstruktionen. Ich weiß nicht warum, aber die hatte ich gleich begriffen Ich habe alle Aufgaben, ob sie verlangt wurden oder nicht, sofort gelöst. Mitschüler hatten damit Schwierigkeiten. Bei vielen konnte ich Pluspunkte sammeln. In Erdkunde behandelten wir die Sahara. Ich sollte über die Wüste sprechen. Breit und langsam kam statt Wüste "die Wieste" heraus. Der Lehrer berichtigte mich, da merkten die Mitschüler meinen Aussprachefehler. Von da an hieß ich "Wieste". Fortan hieß es "Wieste" hier und "Wieste" da. So kann man zum Spitznamen kommen.

In unsere Klasse wurde ein Schüler vom Gymnasium strafversetzt. Er war dort nicht zu bändigen gewesen. Mit dem hatten wir viel Spaß. Unser Englischlehrer, ab der 7. Klasse mußten wir die Sprache lernen, war ein Träumer. Wenn er in die Klasse kam, ging er erst einmal ans offene Fenster. Davor stand auf dem Schulhof eine riesige Kastanie. In dem Baum zwitscherten viele Vögel. Dem Gezwitscher konnte er minutenlang zuhören. Die Klasse war mäuschenstill, man hätte keine Stecknadel zu Boden fallen hören. Aber dann besann er sich doch, daß hinter ihm eine Klasse saß, die er unterrichten mußte. Er ging also langsam, mit den Händen auf dem Rücken, zum Podium, stieg hinauf und setzte sich an sein Pult.

Jetzt kam die Stunde des verkrachten Gymnasiasten. Herr Nötzel, sagte er zum Englischlehrer, haben sie schon die neueste "Berliner Illustrierte" gelesen? Und schon ging er, eifrig auf den Lehrer einredend, nach vorne und übergab ihm die Illustrierte. Wieder herrschte atemlose Stille. Wie lange würde der Englischlehrer sich ablenken lassen? Heute sollte eine Arbeit geschrieben werden! 25 Minuten waren schon vergangen. Der Junge war ein Meister seines Fachs. Sobald der Lehrer mit einem Artikel fertig war und die Zeitschrift zurückgeben wollte, wies unser ehemaliger Gymnasiast auf einen noch interessanteren Artikel hin. Den müssen sie unbedingt gelesen haben, hieß es da vorne. Der Lehrer las. Nach 35 Minuten war nichts mehr zu machen. Jetzt fiel ihm auch ein, daß er eine Klassenarbeit angekündigt hatte. Er holte die Unterlagen heraus. Laute Proteste. Er wurde böse. Wieder waren 2 oder 3 Minuten vergangen. Nach einem weiteren Blick auf die Uhr war die Arbeit vom Tisch. Sie wurde für den nächsten Tag angekündigt. Da wurde sie dann auch sofort geschrieben, ohne Blick aus dem Fenster. Einmal in der Woche kam die "Berliner Illustrierte", und einmal in der Woche versuchte unser Spezi, den Lehrer abzulenken. Meist gelang ihm das auch. Ob es daran lag, daß er aus gutem Hause kam?

Unser Polenmädchen Natascha hatte eine sehr kranke Mutter. Natascha wollte unbedingt nach Hause. Nun gab es dort in Polen ein Austauschprogramm. So kamen wir zu einer neuen Polin, der Lydia. Sie konnte Deutsch, hatte Germanistik studiert.

Im Winter 42/43 erfuhr ich eines Tages durch Zufall, daß in einem Lager am Stadtrand Skier ausgegeben werden sollten. Ich nichts wie hin. Ältere Jungen aus Georgental fuhren oft in der Nähe der Kieskuhle mit Skiern und hatten mir die schon mal für eine Abfahrt gegeben. Was war eine Abfahrt? Außerdem war ich, um zu bremsen, im tiefen Schnee gelandet.

Tatsächlich waren dort Skier, die das Militär nicht gebrauchen konnte, weil sie zu kurz waren, nur 1,80 Meter lang. Das Militär brauchte aber mindestens 2,10 Meter lange Skier. Diese Skier waren für das Militär beschlagnahmt worden, jetzt bekamen wir sie. Jetzt fuhr ich nicht mehr mit dem Schlitten, sondern in jeder freien Minute im Winter

mit Skiern. Am besten war es hinter der Kieskuhle vor Nettienen. Die Flußlandschaft von Inster, Angerapp und dann nach der Vereinigung kurz vor Nettienen zum Pregel war ein Urstromtal. Bei uns stieg das Gelände schon leicht an, aber vom Kiesweg am Rande unseres Grundstücks an bis Georgenburg war der Rand des Urstromtales steiler. Dort konnte man herrlich Ski fahren. Als ich ein bißchen Skifahren konnte, fuhr ich mit Skiern zur Schule.

Ostern 1943 war ich zu Margas Einsegnung in Gutfließ, dem früheren Escherninken. Gutti, wie ich sie bis dahin genannt habe, hatte auch Torten selbst gebacken. Ich kann mich an eine köstliche Mohntorte erinnern, von der ich am meisten von allen gegessen habe. Sonst kannte ich nur Mohnstrietzel, da war mir immer zu wenig Mohn enthalten. Aber hier war nur ein dünner Mürbeteigboden, darauf eine dicke Schicht Mohn. Zur Zierde noch schmale Teigsteifen, die sich mehrfach kreuzten.

Ansonsten war im großen Zimmer, meines Wissens auf der Westseite, ein langer Tisch voll besetzt mit Gästen. Ich weiß nur, daß ich am Ende des Tisches gesessen habe, links war ein Fenster. Wer von Cousinen und Cousins väterlicherseits da waren, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, daß Marga und ich am Nachmittag auf einen großen Bauernhof gingen, um etwas zu holen. Ob das bei Friedas und Reinhildes Eltern gewesen ist, frage ich mich heute.

Trotz des Krieges war jedes Jahr ein großer Zirkus in Insterburg. Sehr gut kann ich mich an den Liliputanerzirkus erinnern, der seine Zelte auf dem Neuen Markt aufgeschlagen hatte. Nach dem Unterricht wollte ich mit einigen Schulkameraden zur Tierschau. Da die noch nicht geöffnet hatte, gingen wir an den Wohnwagen vorbei und beglotzten die kleinen Menschen. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus. Ich muß mich irgendwie negativ über die Liliputaner geäußert haben, ohne sie beleidigen zu wollen, denn ich mochte die vom ersten Augenblick an. Jedenfalls kam ein Liliputaner, er reichte nicht einmal bis an meine Brust, wutentbrannt auf mich zu und beschimpfte mich in unflätiger Weise, bedrohte mich mit einem Knüppel, so daß ich mich wohl oder übel zurückziehen mußte. Von weitem habe ich mich dann entschuldigt und ihm gesagt, daß er mich nicht richtig verstanden hätte. Er winkte ab und verschwand zum Glück.

So konnte ich mich den Wohnwagen wieder nähern. Am meisten interessierten mich die Kinderchen in den Kinderwagen. Waren die Babys klein! Nicht zu glauben. Wie kleine Kätzchen! Wir kamen aus dem Staunen nicht heraus. Kinder in unserem Alter hatten die Größe von herumkrabbelnden Babys. Die liefen und spielten wie wir. Ich hatte den Eindruck, daß sie dabei durchaus beobachtet werden wollten. Die Tierschau war nicht so interessant. Ponys, Ziegen, Affen, Hunde, andere Tiere weiß ich nicht mehr. Die Darbietungen der kleinen Artisten waren so gut, daß ich heute noch davon eine Vorstellung habe. Männer, Frauen und Kinder haben uns ca. zwei Stunden einzigartig unterhalten. Sie waren übrigens auf dem Wege an die Ostfront, um die Soldaten für den Endsieg zu motivieren. Später wurde erzählt, daß der Liliputanerzirkus auf dem Wege nach Amerika mit dem Schiff untergegangen wäre. Im Jahr 2000 habe ich einen Bericht über das Leben von Liliputanern in der BRD

gesehen, in dem Liliputanerinnen zu Wort kamen, die im Zirkus während des Krieges und danach gearbeitet haben, bzw. in Varietes. Sie könnten zu dem Liliputanerzirkus gehört haben. Insterburg allerdings erwähnten sie nicht.

Während des Krieges habe ich sehr viele Filme gesehen. Meist besuchte ich die Nachmittagsvorstellung in der Alhambra. "Reitet für Deutschland" mit Willi Birgel. "Pat und Patachon". "Quax, der Bruchpilot" mit Heinz Rühmann. "Die Feuerzangenbowle" mit Heinz Rühmann. Filme über den Siebenjährigen Krieg. " Wenn der weiße Flieder wieder blüht". Andere Filme mit Marika Röck, Ilse Werner, Hans Moser, Theo Lingen. Manche Filme waren für Jugendliche unter 14 Jahren nicht zugelassen. Ich ließ mir, als ich noch 13 Jahre alt war, von älteren Jugendlichen die Karte kaufen. Wenn ich frech durchging, gab es keine Probleme. Ich war zumindest groß genug. Manchmal schaffte ich es erst im zweiten Anlauf am zweiten Einlaß, um in den Zuschauerraum zu kommen. Was Besonderes war bei den Filmen auch nicht zu sehen. Vielleicht wurde ein bißchen mehr geknutscht, das war auch alles.

Manchmal war ich auf dem Wege zur Schule auch schon vor 7 Uhr in Insterburg. Besonders am Montag sah ich manchmal Besoffene im Rinnsteig liegen. Die kamen einfach nicht mehr hoch. Dann dauerte es aber gar nicht lange, dann kam ein Schupo mit dem Fahrrad wie zufällig vorbei. Der schaute sich die Sache an und fuhr wieder los. Kurze Zeit später wurde der Betrunkene mit einer Grünen Minna abgeholt, wohl zur Ausnüchterung. Inzwischen hatten sich manchmal allerhand Leute eingefunden, die neugierig zuschauten, was da nun geschehen würde.

Ich kam aber immer noch relativ zeitig zur Schule.

Ab dem 7. Schuljahr unternahm der Biologielehrer auch Exkursionen mit uns in die weitere Umgebung von Insterburg. Mit dem Fahrrad fuhren wir z.B. in südlicher Richtung, bis wir in ein Moorgebiet kamen. Auf einem Holzpfad durchquerten wir, unsere Fahrräder schiebend, ein Flachmoor. Rechts und links war unter dem Kraut Wasser zu sehen. Wir sollten ja nicht den Weg verlassen, es bestünde Lebensgefahr. Alle hielten sich daran. Keiner wollte im Moor versinken.

Danach kamen wir zu einem Hochmoor. Hier konnte man kreuz und quer sich durch das Moor bewegen. Das Besondere war die für uns eigenartige Pflanzenwelt. Auf der Rückfahrt trennten wir uns in Waldhausen, so daß ich die entfernt Verwandten Bergmanns und Adomeits besuchen konnte. Heinrich Bergmann hatte in der Mitte des Dorfes seine Bäckerei. Es muß schon am Nachmittag gewesen sein, denn ich kann mich nur an Kuchen mit Muckefuck erinnern. Natürlich bekam ich auch einiges für Mutti, Papa und Rudi mit.

Einmal im Jahr war auf dem Sportplatz vor dem Dorf Rummel:

Ein Karussell, eine Schaukel mit 4 Schiffchen, eine Schießbude und eine Losbude. Am interessantesten war die Schaukel. Die 4 Schiffchen waren mit jeweils zwei Eisenstangen mit einer ca. 8 Meter hohen dicken Querstange verbunden, die auf einem stabilen Gestell ruhte. Unter den Schiffchen war ein Holzgestell mit einer Bremsvorrichtung für dieselben.

Erst einmal ging es darum, wer stehend am höchsten schaukelt. Dann konnte man sich auch hinsetzen und ausschaukeln lassen, bis der Besitzer der Schaukel die Bremse betätigte. Ältere Jugendliche und einige Erwachsene versuchten so lange Schwung zu nehmen, bis die Schaukel fast senkrecht stand und dann beim nächsten Mal zum Drehen kam. Das war ein faszinierendes Schauspiel. Dann liefen alle Anwesenden zusammen und klatschten laut Beifall. Viele waren es nicht, die das schafften.

Ich habe es auch versucht, aber immer rechtzeitig abgebrochen, weil die Kraft nicht reichte. Es gab ja keine Sicherung. Man stand in dem Schiffchen und hielt sich an den Stangen fest, presste sich gegen den Boden. Wenn die Arme ermüdet wären, wäre man abgestürzt. Wenn der Besitzer sah, daß einer vielleicht nicht die Kraft hat, sich senkrecht zu halten, wurde von ihm die Bremse betätigt. Es ist in Georgental nie etwas passiert beim Schaukeln, aber gefährlich war es ganz bestimmt.

So ab 13 Jahre durfte ich auch abends zu Veranstaltungen. Ich erinnere mich an ein Schattenspiel in Zwion. Der große Kultursaal des Gestüts

war voll von Zuschauern. Auf der Bühne war eine große weiße Leinwand gespannt. Hinter der Leinwand saßen die Darsteller eines Märchenspiels. Von hinten an der Wand angeleuchtet, waren nur die Umrisse der agierenden Personen zu erkennen, eben Schattenbilder. Dann kann ich mich erinnern, daß mit den in einander gehakten Fingern zum Beispiel ein Häschen zu sehen war. Überhaupt wurden hinterher viele Tricks gezeigt, was man alles im Schattenspiel machen kann. Interessant war der Nachhauseweg im Dunkeln von Zwion nach Georgental. Wir sangen laut in die Nacht hinein Volkslieder. Die älteren Jungen und Mädchen gingen eng umschlungen nach Hause. Viel konnte ich an diesem Abend nicht sehen, es war einfach zu dunkel. Einige haben geraucht. Als wir die Mitte Georgentals erreichten, waren einige in Sorge, daß der Dorfpolizist Dorka auf der Lauer liegen könnte, um Kinder beim Rauchen zu erwischen. Jungen in meinem Alter sah ich trotz der Dunkelheit rauchen, aber zu der Zeit rauchte ich noch nicht.

Hin und wieder ging ich auch angeln. Angelschnur und Angelhaken hatte ich mir in Insterburg gekauft. An einer langen Weidenrute hatte ich die Schnur mit Pose und Haken befestigt. Würmer gab es genug an unserem Misthaufen. Die Fische, die an meinem Haken hingen, waren immer nur sehr klein, so daß ich die Angelei bald aufgab.

Den größten Teil unseres Ackers mußte ich, als Papa Soldat geworden war, pflügen und eggen. Zur Herbst- und Frühjahrsbestellung bekamen wir Hilfe. Eine Militäreinheit war im Dorf stationiert, die mit Maschinen und Pferden auf den Höfen, wo die Männer eingezogen waren, die notwendigen Arbeiten verrichteten. Der Ortsbauernführer entschied, wer wann und wo eingesetzt werden sollte. Im Sommer zur Getreideernte wurden Soldaten mit Mähbindern geschickt. Sie zeigten mir, wie Bindegarn eingelegt wird. Wenn ich da war, durfte ich die Rolle einlegen. Einmal kamen wir zu einem Hasenbraten, weil dem die Beine von der Maschine abgeschnitten worden waren.

Im Herbst wurde von den Soldaten das Getreide gedroschen. Dazu hatten sie einen Lanz-Traktor mit Riemenscheibe als Antrieb für die große Dreschmaschine mitgebracht. Neben dem Traktor stand ein Pferdewagen, angespannt mit zwei kräftigen Pferden, so genannten Belgiern mit Stummelschwanz. Mit dem Wagen wurde Getreide zur Ablieferung gefahren. Unvorsichtigerweise ging ich vorne an den Pferden vorbei, als plötzlich das linke Pferd vorsprang und mich an der Brust beißen wollte. Das zweite Pferd zog auch an, so daß wohl das erste zurückgezogen wurde. Es tat an der Brust sehr weh und brannte. Als ich das Hemd aufmachte, war die Haut von den Zähnen streifenweise abgeledert worden. Von da an war ich bei fremden Pferden vorsichtiger.

Im Herbst und Winter mußte ich Holz und Kohlen für den Herd und die Öfen hereinholen. Eines Abends, wir hatten Besuch und saßen wie üblich am Abend in der warmen Küche. Das Holz war in der Küche ausgegangen. Ich sollte Holz holen. Na gut, ich ging. Vor dem Schuppeneingang stand unsere Dezimalwaage mir im Wege. Herumgehen, das kam nicht in Frage. Ich sprang, wie üblich, über die Waage.

Als ich mit einem Arm voll Holz zurückkam, sprang ich wieder über die Waage, blieb aber mit dem rechten Bein an irgendetwas hängen. Erstens war der Anlauf zu kurz gewesen, und zweitens kam beim Springen Holz ins Rutschen, das mich ablenkte. Na, nichts zu machen. Ich ging ins Haus und warf das Holz am Herd in den Kasten. Als ich mich, als wenn nichts gewesen wäre, an den Tisch setzte, fiel Mutti auf, daß ich ganz blass war. Auf ihre Frage mußte ich zugeben, über die Waage gesprungen zu sein, dabei hätte ich mich ein bißchen am Griff der Waage verletzt. Der Holzgriff war ab, das hatte ich nicht bedacht.

Sie sah sich nun das rechte Knie an. An der Innenseite des Knies war ein tiefes Loch. Ich staunte selber, hatte ich doch noch nicht hingesehen. Erstaunlicherweise blutete das nicht, war wohl vom Schreck, oder? Mutti holte aus der Hausapotheke Wasserstoff. Es schäumte sehr, aber sollte desinfizieren. Salbe kam hinein, ein Verband wurde angelegt, und dann nichts wie ins Bett. Erst am nächsten Morgen ging ich in Insterburg zum Arzt. Er sagte, daß hätte genäht werden müssen, jetzt wäre nichts mehr zu machen. Salbe, Verband, mehr machte er auch nicht. Nicht einmal für einen Tag bekam ich eine Befreiung von der Schule. Eine Stunde allerdings kam ich zu spät. Zu Hause sah ich, daß der Holzgriff vom Stellhebel fehlte. Daran hingen noch kleine Fleischfetzen. Die Wunde verheilte schnell. die große Narbe ist heute noch zu sehen.

Mit der Zeit verschwanden die jungen Lehrer. Sie waren Soldat geworden. Nun kamen immer mehr Lehrer und Lehrerinnen, die in Pension geschickt worden waren. Es waren nicht die schlechtesten. Zum Beispiel Frau Busalla, die Deutschlehrerin, gab einen interessanten und spannenden Deutschunterricht. Ich glaube, sie hielt sich auch nicht an das offizielle Programm. Bei ihr blieben wir sehr lange bei ein und demselben Stoff. Wir konnten viel fragen, sie antwortete lang und breit. Der Biologielehrer, nicht allzu groß, konnte uns Tiere wunderbar nahe bringen. Als er zum Beispiel über Affen sprach, glaubte ich, da wäre ein Affe, ein Orang-Utan.

Sehr gerne spielte ich Fußball. Wenn wir nur wenige Jungen waren, wurden trotzdem zwei Mannschaften gebildet. Einige Male im Jahr spielten wir gegen Zwion. Dann mußten nach Möglichkeit 11 Mann zusammengetrommelt werden. Als richtige Mannschaft hatten wir in Georgental nicht trainieren können, das mußte im Spiel gemacht werden.

Am Anfang ging ich ins Tor, um Tore zu verhindern. Wenn ich meine Vorderleute richtig dirigieren konnte, gelang das meistens. In der zweiten Halbzeit spielte ich im Sturm. Im Tor richtig ausgeruht, fummelte ich mich nach vorne und schoss ein Tor. Dann dauerte es gar nicht lange, dann fiel wieder ein Tor, aber von einem anderen geschossen, weil mich mehrere gedeckt hatten, um zu verhindern, daß ich noch ein Tor schieße. So gewannen wir recht oft. Hierher kamen auch Mannschaften aus anderen Dörfern, weil hier im Gestütsdorf ein richtiger Fußballplatz mit großen Toren war.

An einem Sonntag, wir waren mitten im Spiel, beobachteten einige Jungen einen Auflauf Richtung Georgental. Das Spiel wurde unterbrochen. Zwischen Spielfeld und Feld Richtung Georgental war ein lichtes Wäldchen. So konnten wir unbemerkt im Schutz der Bäume auf etwa 150 Meter an die Menschenansammlung heran. Polizei, ein Gefangener und etwa 100 Menschen waren dort versammelt. Dann wurde ein Galgen aufgerichtet und der Gefangene aufgehängt. Dann löste die Ansammlung sich auf. Wir konnten uns das nicht erklären. Wir nahmen unser Spiel wieder auf. Ich war mit meinen Gedanken bei dem Gesehenen. Es kam auch nichts rechtes mehr zustande, und wir hörten auf. Schon im Dorf erfuhr ich, daß man einen Polen aufgehängt hatte, der mit einer deutschen Frau ein Verhältnis gehabt haben soll. Die Frau war ins KZ gebracht worden. Später erzählte jemand, daß das gar nicht gestimmt haben soll.

Bei den Pimpfen lernten wir Waffen näher kennen. Unser Georgentaler Lehrer war eingezogen worden. Aus Insterburg kam nun unser Fähnleinführer persönlich zu uns. Er glaubte wohl, sich mit Waffen interessant zu machen. Ich war Feuer und Flamme. Mal so richtig eine Pistole, dazu noch eine 08, auseinander nehmen zu können, machte mir Spaß. Wenn man genau aufpasste beim Auseinandernehmen, bekam man es wieder hin, die Waffe zusammenzusetzen. Dasselbe machten wir mit dem Schloß vom Karabiner. Ich selber hatte nur ein Kleinkalibergewehr mit Munition und einen Trommelrevolver ohne Munition. In der Schule hatte ich hin und wieder meine Pistole Freunden heimlich gezeigt.

Mitbringen durften wir keine Waffen.

Da machte doch mir ein Schulkamerad das Angebot, die 08 seines Vaters mit meinem Trommelrevolver zu tauschen. Der Vater wäre auf Urlaub und müßte in einigen Tagen wieder an die Front. Er hätte einen Stein in das Futteral getan, sein Vater würde das bestimmt nicht merken. Etwas unsicher, mit einem komischen Gefühl im Bauch, tauschte ich am nächsten Tag meinen Trommelrevolver gegen eine 08 mit einem vollen Magazin. Zu Hause schloß ich mich in meinem Zimmer ein. Ich nahm das Magazin heraus und die Waffe auseinander, wie wir das vom Fähnleinführer gelernt hatten. Ich war gespannt, wie das ausgehen würde, ob ich die Waffe wirklich behalten könnte. Am nächsten Tag wurde ich vom Schulkameraden sehnsüchtig erwartet. Der Vater hatte ihn so lange durchgewalkt, bis er zugegeben hatte, daß er die Waffe entnommen hätte. Meinen Namen hätte er nicht verraten, aber er müßte noch am selben Tag die Waffe dem Vater geben.

Er gab mir meinen Trommelrevolver zurück. Nach dem Unterricht holte ich die 08 von zu Hause und übergab sie am vereinbarten Treffpunkt.

Der Vater war beim Militär ein hohes Tier, vielleicht wäre ihm gar nichts passiert, wenn er ohne Waffe an die Front gekommen wäre. Wie dem auch sei. Ich hatte für einen Tag eine scharfe Waffe zu Hause gehabt. Es ist noch einmal gut gegangen für uns beide. Mutti hat davon nichts erfahren. Rudi habe ich auch nichts gesagt, oder ihm gar die Waffe gezeigt.

Manchmal kamen Oma und Opa aus Tammau zu Besuch. Muttis jüngster Bruder Kurt war mit. Wir spielten auf dem Hof und ich sprach ihn mit Kurt an, wie ich es immer getan hatte. Er war inzwischen über 14 Jahre und verlangte, daß ich ihn Onkel Kurt nenne. Wo gibt es denn sowas, dachte ich. Aber Mutti bestätigte, daß das seine Richtigkeit hätte. Also umging ich die Anrede. Sprach ihn nicht mit Namen an. Er ist später zur SS einberufen worden, danach haben wir nie wieder etwas von ihm gehört.

In der freien Zeit, vor allem, wenn ich allein sein wollte, hielt ich mich viel in der Schlucht in der Nähe der Kieskuhle auf. Auf der Ostseite der Schlucht war es relativ steil. Im unteren Drittel führte ein Weg von der Kieskuhle weiter zum Wald. Oberhalb des Weges begann ich, eine rechteckige Grube von ungefähr zwei Quadratmetern auszuheben. Ich stieß auf Lehmboden. Mit dem Spaten war nichts mehr zu machen. Ich nahm die Axt und löste den Lehm. Die Erde brachte ich auf den Grund der Schlucht, damit Spaziergänger meine Graberei nicht entdeckten.

Den Rand der Grube entfernte ich vorsichtig. Über die Grube legte ich dicke Äste und mitgebrachte Bretter. Darauf legte ich die Grasstücke, die ich vorher entfernt hatte. So getarnt, war nichts von meiner Arbeit zu sehen.

Wenn ich Zeit hatte, ging ich hin und machte weiter. Nach Wochen hatte ich mir einen unterirdischen Raum geschaffen, der bestimmt bombensicher im wahrsten Sinne des Wortes war. Vorne war die Grube fast 2 Meter tief. Dann führte ein kleiner Raum geradeaus in den Hang hinein, dann ein kleiner Raum nach links. Alles Lehm, was ich da entfernt hatte. Ich brauchte nichts abzustützen. Licht hatte ich von so genannten Hindenburgkerzen. Aus der Wand hatte ich Vertiefungen zum Ablegen von Gegenständen herausgearbeitet. In zwei viereckigen Löchern standen die Kerzen, in einer lagen kleine 5 cm lange blanke Stifte, die ich an unserer Auffahrt gefunden hatte. Ihren Inhalt hatte ich noch nicht untersucht. Hier lag inzwischen auch mein Trommelrevolver. Von zu Hause hatte ich einen alten Stuhl und einen selbst gebastelten Tisch mitgebracht. Luft kam nur durch undichte Stellen herein. Aber komischerweise drang bei Regen fast kein Wasser in den Innenraum. Es hätte durch den Lehm nicht versickern können. Ich hatte auch nur ein kleines Einstiegsloch, die übrige Abdeckung war inzwischen verwachsen.

Mutti hat mich manchmal gefragt, wo ich mich rumgetrieben hätte. Ich sagte ihr, ich wäre in der Schlucht gewesen, dann gab sie sich damit zufrieden.

In Georgenburg ging ich zum Konfirmandenunterricht. Sonntags sollten wir auch in die Georgenburger Kirche gehen. Zur Kontrolle hatten wir ein Heftchen, in das bei Anwesenheit der Pastor oder Küster uns einen Stempel gaben. Gleich beim ersten Mal brauchte der Küster zwei Jungen, die oben im Turm einen Balg treten sollten, damit die Orgel Luft bekommt. Ich war sofort dabei. Zu zweit wir hoch. Wir bekamen ein Zeichen, und mußten so lange treten, so lange die Orgel zu hören war. Dann sollten wir in die Kirche gehen. Nach der Predigt aber wieder hochflitzen, um der Orgel wieder Luft zu verschaffen. Statt uns die Predigt anzuhören, stiegen wir in den Glockenturm. Dort hatten wir einen herrlichen Rundblick. Die Kirche stand am Rande des Urstromtales auf einer Anhöhe. Insterburg lag tiefer, nur zwei Kilometer Luftlinie entfernt, war gut zu sehen. Auch Georgental war in der Ferne zu erkennen. Nach der Predigt waren wir pünktlich am Blasebalg. Als alles vorbei war, gingen wir vor die Kirche und bekamen unseren Stempel wie alle anderen.

Im Spätsommer sollten wir zum Schwimmunterricht, schwimmen lernen.

Ich konnte noch nicht schwimmen. Wir hatten in Georgental eine Badestelle, allein sollte ich da nicht hin. Mutti hatte Angst, daß ich ertrinke. Nun hatte ich die Möglichkeit, in der Insterburger Badeanstalt hinter dem Sportplatz das Schwimmen zu erlernen. Vom Buschfunk erfuhr ich, daß die Nichtschwimmer ins Wasser geworfen wurden, und so lernen sollten, sich über Wasser zu halten. Nicht mit mir! Als nach dem Unterricht sich die Klasse in Richtung Badeanstalt bewegte, nutzte ich eine günstige Gelegenheit und blieb zurück. Dann ging es ab nach Hause. Am nächsten Tag hatte ich Ärger, bekam eine Sechs. Da sonst alle Sportzensuren in Ordnung waren, konnte ich mir die leisten.

Der Sportunterricht war im Winter in der Halle. Am Reck beherrschte ich den Knieaufschwung, um die geforderten Übungen zu absolvieren. Am Barren gab es auch keine Probleme für mich. Viele Übungen turnte ich in der Klasse zwischen den Bänken. Auch einige andere übten z.B. den Handstand. Über das lange Pferd gab es unterschiedliche Techniken. Nach dem Anlauf schwang ich mich hoch und lief auf Händen nach vorne und sprang ab. War ungewöhnlich, wurde aber vom Sportlehrer anerkannt, da ja sowieso nur wenige unserer Klasse den Pferdsprung schafften. Klettern mußten wir an Kletterseilen oder Kletterstangen an der Stirnseite der Halle. Lieber kletterte ich an den Seilen hoch. Beim Klettern an der Stange wurde gleich mein Pimmel steif, wie wir damals sagten. Wenn ich fast oben war, ging ein Rausch durch den Körper. Ich mußte verharren und merkte, daß die Hose feucht geworden war. Erst später begriff ich, daß das ein Orgasmus gewesen sein muß. Papa und Mutti haben mich über solche Dinge nicht aufgeklärt. Ich habe auch nie danach gefragt. Ich schämte mich.

Mit 14 Jahren wurden wir im Offizierskasino gemustert. Im Adamskostüm mußten wir vor eine Kommission. Da wurden schon die Waffengattungen genannt. Ich sollte zur motorisierten Waffen-SS. Ich machte mir darüber damals keinen Kopf. Ein paar Monate später mußten wir vor einer Untersuchungskommission der Waffen-SS erscheinen. Es blieb dabei.

Bei den Pimpfen machten wir in der warmen Jahreszeit oft Geländespiele. Eine Gruppe mußte eine Stellung besetzen, die andere anschleichen und die Stellung erobern. Am interessantesten war das Anschleichen. Manchmal legten wir weite Strecken zurück, um von hinten plötzlich zu erscheinen. Im Winter wurden große Schneeballschlachten organisiert. In Vorbereitung auf eine solche Schneeballschlacht, wenn wir die Verteidiger waren, hatten manchmal Walter, ich und noch einige Freunde bei uns zu Hause zwischen Garten und Straße eine Schneeburg gebaut. Dazu mußte der Schnee allerdings auch geeignet sein. Wenn der Schnee backte, rollten wir wie für den Schneemann Rollen auf, und setzten sie in ein Viereck. Die Burg wurde mindestens brusthoch gebaut. Bei solchen Schneeballschlachten war immer ein Schiedsrichter da, der verhinderte, daß der Kampf ausartete. Eine Mannschaft wurde zum Sieger erklärt, dann war Schluß.

Schon im Herbst 1943 gab es auf Insterburg Luftangriffe. Wichtige Objekte wurden nicht getroffen, wie Flugplatz und Bahnhof, auch nicht die Kasernen, aber am Stadtrand sollen Häuser getroffen worden sein. Jetzt gab es oft Fliegeralarm. Voralarm, ungefähr drei Minuten später Hauptalarm. Dann mußten wir in den Luftschutzkeller. Bei Voralarm versuchte ich, wenn es kurz vor Schulschluß war, die Stadt zu verlassen. Am Stadtrand war keine Polizei, die einen noch hätte zwingen können, einen Luftschutzkeller aufzusuchen.

Wenn feindliche Flieger in den Bereich der Flak auf dem Bismarckturm zwischen Kleingeorgenburg und Nettienen kamen, ballerten die los. Einmal befand ich mich auf dem Pregeldamm, als mir Flaksplitter um die Ohren flogen. Ich warf mich auf die abgewandte Seite vom Turm hinter den Damm. Plötzlich lag ein Flaksplitter im Gras neben mir. Nach dem Anfassen hatte ich Brandwunden. Von da an versuchte ich nicht unbedingt, bei Voralarm nach Hause zu fahren. Ich hatte in dieser Zeit auch Gelegenheit, eine Me 111 zu besichtigen. Dieses Flugzeug war bei einem Luftkampf mit einem wahrscheinlich englischen Jäger über Insterburg getroffen worden. Auf dem Feld vor Nettienen mußte der deutsche Jäger notlanden. Das war noch vor" meiner" Schlucht. Der Pilot hatte das Flugzeug zu Fuß verlassen, diese Zeit nutzte ich, um mich ins Flugzeug zu setzen. Es war relativ eng und nichts funktionierte. Kurz darauf wurde das Flugzeug abtransportiert.

Ostern 1944 war meine Einsegnung. Ich konnte alle, die bei den Soldaten waren, einladen. Natürlich war Papa aus Norwegen gekommen, Onkel Ferdinand aus Russland und Onkel Bruno. Zum Kaffee gab es Torten. Onkel Ferdinand wurde aufgefordert, zuzugreifen. Ich weiß noch, daß er sich nicht recht traute, weil er an fettes Essen nicht gewöhnt war. Nach dem Abendbrot mußte er ins Krankenhaus, weil er Magenschmerzen bekommen hatte. Es war, so weit ich mich erinnere, Darmverschlingung. Dadurch hatte er 14 Tage krankheitsbedingten Zusatzurlaub. Nachmittags spielte auch das Grammophon. Marga hatte in Onkel Bruno einen flotten Tänzer gefunden. Für mich waren die Geschenke wichtig. Was wurde in dieser Zeit des Krieges geschenkt? Natürlich Geld. Ich bekam 330 Reichsmark zusammen. Was kaufte ich mir für das Geld? Nichts. Es wanderte alles auf ein Sparbuch. Und das 1944! In den fünfziger Jahren wurde das Geld erfaßt und Jahre später im Verhältnis 10 : 1 ausgezahlt. Plus geringer Zinsen.

Mutti, Rudi und ich waren wieder einmal in Tammau zu Besuch gewesen. Als wir die Auffahrt hochkamen, drang aus Lydias Zimmer Lärm. Lydia hatte einige polnische Freunde zu Besuch. War eigentlich nicht schlimm, konnte sie ja machen. Aber ohne zu fragen, hatte sie unsere Speisekammer geplündert. Es war Lydia unangenehm, daß wir sie erwischt hatten. Sie hätte ja längst Schluß machen wollen, aber ihre Gäste wären nicht gegangen. Es wäre auch so schön gewesen. Außerdem wollten wir doch viel später kommen, dann hätte sie alle Spuren beseitigt gehabt. Mutti war zunächst ein bißchen ärgerlich, aber dann sagte sie Lydia, es wäre alles halb so schlimm, es hätte ja keiner gesehen.

Als ich eines Tages, aus der Schule kommend, gerade die Fähre in Nettienen verlassen hatte und auf mein Rad gestiegen war, sah ich vorne einen Lkw unter einem Baum halten. An einem dicken Ast, der über die Straße ragte, wurden zwei Männer mit einem Strick angebunden. Dann fuhr der Lkw weiter und die Männer hingen über dem Sommerweg. Warum und wieso, habe ich nicht erfahren. Fast ohne Zeugen war das geschehen. Nach Zwion war es das zweite Mal, daß ich sowas sah. War mir gar nicht recht, daß ich das sehen mußte. Am nächsten Tag waren die Spuren beseitigt. Abends waren über Tilsit oder Königsberg sogenannte Weihnachtsbäume zu sehen. Dann wußten wir von Insterburg her, daß dort Luftangriffe von den Engländern und Amerikanern geflogen wurden.

Die Angst vor Luftangriffen auch bei uns wurde immer größer. So mußte ich unten im Garten einen Schützengraben ausheben. Gebraucht haben wir den Schützengraben nicht, aber zum Versteckspielen war der gar nicht schlecht.

An einem sonnigen und heißen Tag saß ich an meinem Fenster und sah den Linienbus Richtung Popelken kommen. Als er fast an unserer Auffahrt war, sah ich etwas aus der offenen Tür fallen. Die offene Tür war Usus als normale Lüftung an heißen Tagen. Ich also runter, mein Rad geschnappt und ab! Es war ein Koffer. Ich klemmte ihn auf meinen Gepäckträger und fuhr dem Bus hinterher. Bis Popelken? Nein! Bis zur Haltestelle am anderen Dorfende in der Nähe vom Gasthaus Krokat. Der Bus fuhr gerade an, als ich um die Straßenbiegung kam. Abends paßte ich den Bus an unserer Auffahrt ab. Der Busfahrer kannte mich und hielt. Der Koffer gehörte einer Frau aus der Nähe von Popelken. Die hätte ihm ganz schön die Hölle heiß gemacht, weil er nicht aufgepaßt hätte. Er würde ihr Bescheid geben. Am nächsten Tag holte die Frau ihren Koffer ab, bedankte sich und schenkte mir eine Raucherkarte. Was sollte ich mit der? Ich habe die Karte aber genutzt. Nach einiger Zeit auch alle Juno-Zigaretten geraucht. Aus gutem Grund - ist Juno rund, stand auf den Packungen. Von Opa bekam ich dann Nachschub an Zigaretten. Rauch man Jungche, dann hast was vom Leben, oder so ähnlich.

Jetzt bekamen wir auch wieder Einquartierung. Soldaten von der Front oder aus dem unmittelbaren Hinterland der Front sollten für eine kurze Zeit Kräfte sammeln. Dann mußten sie wieder an die Front und andere Soldaten kamen. Lydia und ich waren unsere Zimmer losgeworden. Lydia schlief nun in der Küche auf der Chaiselongue, ich in Papas Bett.

Die Soldaten konnten nicht den ganzen Tag faulenzen, sondern hatten ihre Übungen zu machen. Z.B. übten sie in der Schlucht das Tarnen und Anschleichen. Während einer solchen Übung kam der Unteroffizier zurück ins Quartier und zog sich um. Das war ungewöhnlich, Mutti fragte ihn nach dem Grund. Er erzählte ihr, daß sie in der Schlucht etwas entdeckt hätten, was er melden müsse. Ich war zu Hause und Mutti holte mich in die gute Stube. Dort stand der Unteroffizier vor unserem großen Eckspiegel und begutachtete von allen Seiten das Aussehen seiner Ausgangsuniform. Hatte er wohl lange nicht angehabt. Währenddessen fragte mich Mutti aus, was ich da in der Schlucht so gemacht hätte, wenn ich mich dort stundenlang aufgehalten hätte. Ich druckste herum, bis Mutti energisch wurde. Das konnte sie! Nun erzählte ich von meinem Höhlenbau und so. Der Unteroffizier fing an, seine Jacke der Ausgangsuniform aufzuknöpfen und mich genauer zu befragen. Jetzt war er überzeugt, daß er mit seinen Soldaten kein Partisanenversteck entdeckt hätte, sondern die Höhle eines Jungen.

Aber etwas Gutes hatte die ganze Sache doch für mich. Die blanken Dinger, die ich von unserer Auffahrt mitgenommen hatte in mein Versteck, die ich noch nicht untersucht hatte, wären Zünder von Handgranaten. Wenn man an diesen kratzen würde, wäre die Hand Hand gewesen, sagte er mir. Den Revolver gab er mir wieder. Als Übung setzte er nun an, die ganze Gegend nach Zündern abzusuchen.

Zwischen Georgenburg und Insterburg hatte man ein kleines Barackenlager für gefangene Russen eingerichtet. Es hieß, daß das ein Typhuslager wäre. Und dann nur wenige Meter von der Straße entfernt und unmittelbar am Weg nach Sprindt! Jedenfalls sah ich, wenn ich zur Schule fuhr oder zurückkam, daß dort Russen eine große Grube aushoben. Am nächsten Tag war die zugeschüttet und es wurde weiter gegraben. Dann erzählten Leute, daß das ein Massengrab für tote Russen wäre.

Das leuchtete ein, denn täglich kamen Kolonnen gefangener Russen in das kleine Lager. Die starben wohl wie die Fliegen. Mit der Zeit wurden es drei lange Massengräber.

In Zwion auf dem großen Hof der Landarbeiter, rundherum waren Insthäuser, wurden Russen in einem Drahtkäfig von vielleicht 10 Meter Durchmesser gehalten. In der Mitte stand eine Bude. Wenn ich da vorbeiging, wenn ich einen Schulkameraden besuchte, starrten die Russen mich wortlos an. Alle hatten einen Bart und waren mir am Anfang unheimlich. Allmählich gewöhnte ich mich an den Anblick und bedauerte die Gefangenen ein wenig. Mein Schulkamerad, der sie täglich vor Augen hatte, sagte mir, daß die schwer arbeiten müßten und wenig zu essen bekämen. Zwei- oder dreimal hatte ich eingewickelte Stullen mit, die ich auf der Seite an den Zaun legte, wo keine Posten waren und auch niemand das beobachtete.

Ab Frühjahr 1944 hatten wir Schulunterricht in der Kirche. Die Schule war vorübergehend ein Lazarett. Wir kamen morgens in die reformierte Kirche. Dicht bei dicht Klassen. Flüchtig wurde kontrolliert, ob Schularbeiten gemacht worden sind. Was man vorzeigte, war egal. Dann wurden die neuen Aufgaben diktiert. Nach knapp einer Stunde waren wir wieder draußen und hatten den Tag für uns. Unter solchen Bedingungen konnte nichts herauskommen. Ostern wurde ich in die 5. Klasse, also ins 9. Schuljahr versetzt. Im 9. Schuljahr war kein Unterricht mehr.

Anfang Juli wurden wir zum Spatendienst nach Litauen einberufen.

Wir bekamen eine Liste mit Angaben, was wir alles mitzunehmen hätten.

Wir sollten in der Uniform der Pimpfe erscheinen. Hatte ich noch nicht. Ich glaube, die habe ich mir von meinem Freund, Walter Scheller, geliehen. Einen Affen (Tornister) hat mir Mutti gekauft. Im Sonderzug nach Wilkowischken, etwa 20 Kilometer hinter der Grenze, waren rund 1000 Jungen im Alter von 14 und 15 Jahren. Von Wilkowischken mußten wir 20 Kilometer nach Süden marschieren. Untergebracht wurden wir in Stallungen und Scheunen. Ich hatte mein Plätzchen auf einem Stallboden. Täglich war Appell, auf dem die Tagesaufgabe bekannt gegeben wurde.

Nur einige hundert Meter von unserem Lager entfernt mußten wir Panzergräben ausheben. Zunächst wurde ein etwa ein Meter tiefer breiter Graben ausgehoben. Dann wurde auf beiden Seiten ein ein Meter breiter Rand gelassen. In der Mitte wurde tiefer gegraben und die Erde auf den Rand geworfen. Von hier wurde die aus dem Graben geschaufelt. So ging das weiter, bis die vorgesehene Tiefe erreicht war. Wenn ich mich richtig erinnere, mußte der Graben in der Mitte 6 Meter tief sein. Dann wurden die Absätze abgeschrägt.

Am zweiten oder dritten Tag knickte ich mit dem rechten Fuß um. Ich mußte zum Arzt, weil der Fuß stark geschwollen war und schmerzte. Für zwei Tage hatte ich Ruhe. Dann wurde ich zum Lebensmitteltransport eingeteilt. Ein Litauer mit einem Kastenwagen mußte uns, zwei Jungen des Lagers, nach Wilkowischken fahren. Dort holten wir vom Verpflegungsamt des Militärs Brot, Butter Wurst, Fleisch, einfach alles, was uns zustand, täglich ab. Wir hatten Kleinkalibergewehre mit. Was mag der Litauer gedacht haben? Solche Rotznasen, und dann Waffen.

Die Front kann nicht weit weg gewesen sein. Durch unser Dorf marschierten hin und wieder Wlassow-Soldaten. Das waren Freiwillige aus den Kriegsgefangenenlagern. Diese Russen wurden an vorderster Front eingesetzt. Überlaufen, dachte man, würden die nicht, denn die hatten nichts als den Tod zu erwarten. Erkennen konnten wir sie an den Armbinden, sonst trugen sie deutsche Uniformen.

Am 23. Juli 1944 merkten wir, daß was in der Luft lag. Zum Morgenappell mußten wir länger warten als sonst, außerdem kamen alle Führungskräfte zum Appell. Dann wurde vom Oberfähnleinführer ein Schreiben verlesen, worin uns mitgeteilt wurde, daß am 22. Juli 1944 auf den Führer des Großdeutschen Reiches, Adolf Hitler", ein Attentat verübt worden sei. Er hätte aber durch irgendeine Fügung, weiß ich nicht mehr, welche das war, überlebt. Punkt. Wir konnten gehen.

Einige Tage später sollten wir gegen Abend auf dem Appellplatz antreten. Was hat das nun schon wieder zu bedeuten? fragte ich mich. Uns wurde mitgeteilt, daß wir noch in dieser Nacht nach Wilkowischken marschieren würden, da die Russen durchgebrochen wären. Die Front sei nicht mehr weit. In zwei Stunden wäre Abmarsch. Nun gut. Von mir aus hätte es auch in einer Stunde losgehen können. Im Osten war tatsächlich Kanonendonner zu hören. War mir sonst nicht aufgefallen. Pünktlich marschierten wir ab. Zum Glück war die Nacht mondhell. Wir wurden immer wieder leise aufgefordert, nicht zu sprechen. Aufklärungsflugzeuge, die über uns in großer Höhe kreisten, könnten uns sonst hören. Die Folge wäre ein Bombenangriff. Na, wir waren leise. Keiner traute sich zu sprechen. Wir zogen dahin, wie geschlagene Krieger. Dabei hatten wir an keiner Kampfhandlung teilgenommen. Nach vier Stunden ohne Pause erreichten wir nach Mitternacht den Bahnhof und wurden sofort verladen. Es wurde schon hell, als wir an der Grenze zu Ostpreußen ankamen.

In Wirballen mußten wir aussteigen. Nicht weit von da war eine Entlausung vorgesehen. Wir mußten unsere Kleider abgeben, gingen in den großen Duschraum und bekamen bald unsere warmen Sachen wieder. In Wirballen faßten wir Verpflegung, gingen zum Zug. Mittags waren wir in Insterburg. Zum Glück fuhr an dem Tag nachmittags ein Bus Richtung Georgental, sonst hätte ich laufen müssen. Ich kam hundemüde zu Hause an. Mutti ließ mich nicht ins Haus. Alle Kleider mußte ich ablegen, auch die Sachen aus dem Gepäck. Dann konnte ich ins Haus. Waschen, dann nichts wie schlafen. Mutti hat inzwischen die Sachen durchgesehen und zwei Läuse gefunden. Am nächsten Tag wurden die Haare mit einem Läusekamm gekämmt, zum Glück ohne Befund.

Jetzt mußte ich wieder nach Starkenicken zu meinem Jungzug. Seit dem Frühjahr war ich regelmäßig hingefahren und hatte mit den Jungs exerziert, gesungen und sie politisch geschult. In beiden Gärten hatten wir eine größere Anzahl Kirschbäume. Im 1. Garten waren die schon recht hoch. Mutti wollte Kirschenkreide kochen. Das ist eine ganz feste Marmelade ohne Zucker, die sich im Steintopf mindestens bis zur neuen Ernte hält. Kirschenkreide aßen wir, als Papa noch da war, zu Kartoffelkeilchen. Zuerst wurden die Kartoffelkeilchen mit Zwiebel-Sahne-Soße gegessen. Wenn Papa und ich satt waren, kam die Nachspeise: Ein Löffel Kirschenkreide mit viel Zucker gut verrühren, mit kalter Milch zu einer Kaltschale auffüllen, dazu Kartoffelkeilchen. Wenn wir das aufhatten, konnten wir kaum aufstehen. Nichts wie ab zum Mittagsschlaf.

Ich zog also ab zum Baum unten in der Ecke. Der war richtig voll Kirschen. Auf der Westseite machte ich eine Astgabel aus, die sich vorzüglich zum Sitzen eignete. Ich kletterte also mit meinem Gefäß in den Baum und setzte mich. Vor mir die herrlichen Kirschen. Ich hatte noch nicht viel gepflückt, da gab der Ast unter mir langsam nach. Ich konnte gar nicht reagieren. Aus ungefähr drei Metern Höhe kippte ich nach hinten weg, überschlug mich und kam zum Stehen. Eine echte Zirkusnummer.

So bequem machte ich es mir nun nicht mehr. Ich pflückte lieber von der Leiter aus.

Wir konnten die ganzen Kirschen nicht verarbeiten. Auf dem Markt wurde nichts mehr verkauft. Mutti hat mit Frauen aus dem Dorf vereinbart, daß, wenn sie unsere Kirschen pflückten, die Hälfte behalten könnten. So wurden alle Kirschen abgepflückt. Tante Eva hatte sich soviel gepflückt, wie sie verarbeiten konnte. Viele Kirschen wurden eingeweckt, viele entsteint und zu Kirschenkreide verarbeitet. Beim Einkochen spritzte das fürchterlich. Damit die Masse nicht anbrennt, mußte ständig gerührt werden.

Im August sollte ich wieder Panzergräben ausheben, diesmal in Südostpreussen. Ich bekam die entsprechende Einberufung. Ich fuhr erst einmal nach Wartenburg zu den Großeltern und ging in Popelken zum Arzt. Der schrieb mich krank. Das Attest schickte ich Mutti. Die entsprechende Stelle bekam das Schreiben und hat sich nicht wieder gemeldet. Da Arno zum Spatendienst und dann ins Wehrertüchtigungslager mußte, war für mich in Wartenburg viel zu tun.

In der Freizeit waren beim Nachbarn größere Zusammenkünfte der Dorfjugend. Da wurde gesungen und gespielt, vor allem über alles Mögliche gelacht. Ich fühlte mich da immer sehr wohl. Da ich tagsüber im Garten und auf dem Feld viel allein war, ließ ich meinen Winden freien Lauf. Das hatte Folgen. Als wir an einem Abend in fröhlicher Runde beisammen waren, entwich mir ungewollt ein lauter Furz. Alle müssen es gehört haben, aber keiner sagte etwas. Ich merkte, wie ich rot wurde und verließ wie ein begossener Pudel den Raum. Als ich an einem der nächsten Abende in den Kreis der Jugendlichen zurückkehrte, kam niemand auf den Vorfall zurück.

Opa war Haumeister und hatte sehr viel Holz. Große Mengen lagen hinter dem Schuppen und mußten, nachdem das Holz trocken war, in den Schuppen geschafft und aufgestapelt werden. Bei der Arbeit hatte ich Abwechslung. Zum Weg hin war ein ungefähr anderthalb Meter hoher Bretterzaun mit einem Tor. Als ich eines Tages beim Hineintragen von Holz war, saß auf dem Zaun ein etwa 12 jähriges Mädchen und schaute mir bei der Arbeit zu. Wenn sie nur zugeschaut hätte! Nein, sie fing auch noch an, mich zu zergen. Wenn ich auf sie zuging, war sie, haste nicht gesehn, verschwunden. Dauerte nicht lange, dann war sie wieder da. Allmählich erfuhr ich, daß sie aus Heydekrug, das liegt im Memelgebiet, war. Im Oktober hatte sie mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern ihre Heimat verlassen müssen. Sie wurde mir immer sympathischer.

Die Arbeit machte keinen Spaß, wenn sie nicht da oben saß. Eines Tages wartete ich vergebens auf sie. Dann erfuhr ich, daß sie nach Südostpreußen weiterflüchten mußten. Natürlich habe ich nie wieder etwas von ihr gehört.

Nun, da hinter dem Schuppen und dem Stall war als Grenze zu Opas Grundstück ein Graben, der Vorfluter. Auf der anderen Grabenseite war der Zaun. Wenn ich keine Lust hatte, das Mädchen war weg, ließ ich im Wasser Gegenstände um die Wette schwimmen. Da hinten liefen auch Puten und Puteriche umher. Die Puthähne mußte ich manchmal am Hals fassen und sagen, sie sollten mich gefälligst in Ruhe lassen. Allmählich begriffen die das auch. Die Puten blubberten nur. Ach ja, Opa hatte auch Bienen! Im August hat er zum letzten Mal geschleudert. War das ein leckerer Honig! Ich habe soviel gegessen, daß ich von der Toilette

erstmal nicht herunterkam.

Abends fuhr ich manchmal nach Hause. Ich wollte in Georgental nicht gesehen werden. Wir hatten wieder Einquartierung. Die oberen Zimmer waren belegt. Zum ersten Mal hatten wir in unserem Haus elektrisches Licht. Unten auf unserem Grundstück führten die Stromleitungen vorbei. Unter den Soldaten waren Elektriker. Die haben die Leitung einfach angezapft. Natürlich wurden keine Lampen vorschriftsmäßig angebaut, sondern nur lose Leitungen in die Räume gelegt. Z.B. war die Küche so hell wie noch nie. Die Soldaten hatten oben in meinem Zimmer elektrische Kocher, auf denen in Pfannen Fleisch brutzelte. Sie hatten aus Litauen lebende Schweine mitgebracht, die sie nun geschlachtet hatten und verarbeiteten und aufaßen. Sie lebten im wahrsten Sinne des Wortes wie die Maden im Speck. Wir bekamen soviel wir wollten ab, ebenso Tante Eva wie auch Soldaten, die bei den Nachbarn untergebracht waren.

Im Herbst schlachteten die Soldaten heimlich ohne Schlachtgenehmigung und ohne Tierarzt in Abständen auch unsere Schweine. Mutti weckte Fleisch und Wurst ein. Im zweiten Garten wurde das meiste vergraben. Die erste Grube wurde da ausgehoben, wo das Blumenrondell war. Noch im Herbst wurde das neu bepflanzt. Die Schinken nahm ich nach Wartenburg mit. Opa hatte über dem Herd, so habe ich das in Erinnerung, eine Räucherkammer.

Manchmal besuchte ich auch Gutti, Pardon, Marga in Gutfließ. Ich kann mich aber komischerweise an nichts mehr erinnern. Dabei war ich mit Marga sehr gerne zusammen. Im Herbst 1944 überraschte ich Opa im kleinen Zimmer am Radio unter einer Wolldecke versteckt. Nichts war von dem Radioprogramm zu verstehen. Opa hörte einen Feindsender, wie das damals hieß. Opa war es zunächst nicht recht, daß ich auch versuchte, unter seiner Decke etwas zu hören, aber dann hatte er nichts dagegen. Ich verstand nicht recht, worum es da ging. Für den nächsten Abend war im Rundfunk eine besondere Information angekündigt worden, sagte Opa.

Kurz vor 22 Uhr krochen wir beide unter die Decke. Plötzlich hörte ich im Radio 12 Glockenschläge. Es war also Mitternacht. Dann eine Stimme mit einem fremden Akzent: Hier spricht Radio Moskau. Es folgt eine Sendung für die deutsche Bevölkerung, oder so ähnlich. Dann weiß ich nur, daß Namen von Stalingradkämpfern verlesen wurden, die noch lebten. In der faschistischen Presse wären die für tot erklärt worden. Zwei oder drei ehemalige Stalingradkämpfer durften ihre Angehörigen grüßen. Opa sagte mir dann, daß ich mit niemanden darüber sprechen dürfe.

Opa wollte um Mitternacht noch den Londoner Rundfunk abhören. Ich bat ihn, mir das auch zu erlauben. Er war einverstanden. An diesem Abend wurde ich gar nicht müde. Ich ging aber noch nach draußen, um zu sehen, ob sich jemand in der Nähe von Opas Gehöft herumtreibt. Es war niemand zu sehen. Die Fenster waren, wie vorgeschrieben, bestens verdunkelt. Kein Licht war zu sehen. Bei den Petroleumfunzeln war das kein Wunder. Kurz vor 24 Uhr krochen wir wieder unter die Decke. Dann plötzlich: Hier ist der Londoner Rundfunk. Sie hören eine Sendung für die deutsche Bevölkerung. Nur soviel habe ich in Erinnerung, daß gesagt wurde, daß die Bombenangriffe sich nur gegen militärische Ziele richten würden. Viel bekam man von den Sendungen nicht mit, weil beide Sender stark gestört wurden.

Ich habe mich gewundert, daß Opa sich einer solchen Gefahr aussetzte.

Überall wurde vor dem Abhören der Feindsender gewarnt. Strengste Strafen wurden angedroht. Hatte Opa keine Angst? Wahrscheinlich nicht. Die Niederlage der Wehrmacht war nur noch eine Frage der Zeit. Überall wichen die deutschen Truppen zurück. Immer öfter wurde von "Frontbegradigungen" gemeldet. Dabei wußte jedes Kind, was das zu bedeuten hatte. Vor dem Krieg und auch zu Beginn des Krieges hatten Papa und Opa oft über die Politik der Faschisten gesprochen und sich auch gestritten. Papa hat die Faschisten und ihre Politik immer scharf verurteilt, Opa sah das nicht so verbissen. Manchmal hatte Papa von der gleichgültigen Haltung Opas so die Nase voll, daß wir vorzeitig nach Hause fuhren. Ich wollte noch spielen, aber da war nichts zu machen. Es wurde angespannt, und ab ging es. Oma und auch Mutti konnten daran nichts ändern. Jetzt hatte Opa sich sehr verändert.

Wenn über Flucht gesprochen wurde, wollte Opa in Wartenburg bleiben. Opa hatte im Bruch eine Notunterkunft vorbereitet. Mit Papa war das wohl alles abgesprochen, daß wir im Ernstfall auch nach Wartenburg fahren. In dieser Zeit kamen zwei junge Soldaten auf Urlaub. Die waren mit den Nerven völlig fertig. Die waren wohl an der Front so nicht einsatzfähig. Sie müssen einen verständnisvollen Kommandeur gehabt haben. Diese jungen Männer waren17 und 18 Jahre alt, aber sie konnten von der Front nicht erzählen, ohne zu weinen. Sie müssen Furchtbares erlebt haben. Ich weiß noch, daß sie schluchzend erzählten, wie einer nach dem anderen aus ihrer Kompanie gefallen wäre. Die meisten wären nicht viel älter als sie gewesen. Sie hätten auch gesehen, wie die SS mit der russischen Zivilbevölkerung umgegangen wäre. Wenn die Russen kämen, müßten wir alle mit dem Schlimmsten rechnen. Nun müßten sie wieder zurück an die Front, aber sie wollten nicht mehr. Lieber würden sie sich das Leben nehmen.

Kurz vor Weihnachten fuhr ich wieder nach Hause. Wir hatten nach wie vor Einquartierung. Die Soldaten, die zu dieser Zeit bei uns waren, kannte ich zum größten Teil. Sie waren schon einmal von der Front ins Hinterland verlegt worden. Jetzt sprachen sie offener von der Lage an der Front. Sie brachten zum Ausdruck, daß der Russe nicht aufzuhalten sei. Wir müßten bald darauf gefaßt sein, daß wir Georgental verlassen müßten. Es spreche alles dafür, daß der Russe bald wieder in die Offensive gehen würde.

Wir konnten nichts machen. Wer öffentlich von Flucht redete, mußte mit Verhaftung rechnen. Überall stand zu lesen: "Feind hört mit". Dabei waren es die Spitzel der Nazis, die die Leute anschwärzten. Eine Frau aus Nettienen, so wurde erzählt, hätten sie ins KZ gebracht, weil sie auf den Krieg geschimpft hätte.

Manchmal fand ich auf unserem Gelände Flugblätter von einem "Nationalkomitee Freies Deutschland". Die sollten eigentlich abgegeben werden. Da keiner gesehen hatte, daß ich die gefunden hatte, habe ich sie gelesen und dann ins Klo geworfen. Dieses Komitee schrieb von einem Deutschland nach dem Krieg. Der Krieg wäre verloren. Es ginge darum, ihn endlich zu beenden. Soldaten sollten überlaufen.

Apropos Klo! Wir hatten zwischen Hundehütte und Stall ein Häuschen mit einem Herzchen. Unter der Brille war ein Holzkasten, der, wenn er voll war, mit Pferdekraft zum nahen Dunghaufen gezogen und entleert wurde. Dieses Bretterhäuschen stand neben dem Stall. Überall fegte der Wind hindurch. Besonders im Winter war es auf dem Örtchen lausig kalt. Dazu mußte man über den großen Hof. Im Winter mußte ein Gang zur Hundehütte geschaufelt werden, dann eine Abzweigung zum stillen Örtchen, in dem es manchmal recht laut wurde. Zum Stall mußte man auch, dann wurde auch am Stall entlang geschaufelt. Die Soldaten machten diese Arbeit, denn sie mußten auch dorthin. Nachts benutzten wir Nachttöpfe.

Mutti hatte inzwischen in zwei Erdlöchern Weckgläser vergraben. Ich konnte nicht sehen wo, denn es hatte schon mehrmals geschneit. Mutti wußte ungefähr, wo die Erdverstecke waren. Das war die Hauptsache. Im Dorf war nichts mehr los. Alle Jungen, die etwas älter waren als ich, waren im Wehrertüchtigungslager. Ich mußte jeden Tag mit der Einberufung rechnen.

Anfang Januar fuhr ich wieder nach Wartenburg. Ich habe viel gelesen. Sonst war nichts los. Am 18. Januar war von Flucht die Rede. Opa schickte mich nach Georgental, um beim Umzug nach Wartenburg zu helfen. Opa wollte nach wie vor in Wartenburg bleiben. Also fuhr ich nach Hause. Überall sah ich schon voll bepackte Wagen fahren. Es hatte sich aber noch kein Treck gebildet. In Georgental sah ich, wie viele Familien auf Militärautos aufgesessen waren und offensichtlich vom Militär mitgenommen wurden.

Strasse nach Wartenburg (Gerhard Helmstädt, 2011)
Viehställe in Wartenburg September 2011 (Gerhard Helmstädt)
Stallungen in Wartenburg (Gerhard Helmstädt)
Kühe in Wartenburg (Gerhard Helmstädt, 2011)
Weg in den Wald (Gerhard Helmstädt)
 
 
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