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Geschichte der Juden in Memel

Juden waren bereits im 15. Jahrhundert in Memel zu finden. Ein erstes Dokument über eine jüdische Präsenz in der Stadt stammt von 1567: am 20. April 1567 erließ Herzog Albrecht die Weisung, dass alle Juden die Stadt zu verlassen hätten. Erst 1643, als der Handel in Memel zugenommen hatte, war es jüdischen Kaufleuten erlaubt, tagsüber in der Stadt zu verweilen. Kamen sie an einem Freitag, durften sie zum Sabbat bleiben, mussten aber am Sonntag die Stadt wieder verlassen. Aber Juden hatten weiterhin Schwierigkeiten mit ihrem Aufenthalt. Als 1777 der jüdische Philosoph Moses MendelsohnMemel wegen einer geschäftlichen Angelegenheit besuchen wollte, kam er nur bis Königsberg, weil er nicht die Erlaubnis erhielt, in Memel zu übernachten

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Die nachfolgenden Ausführungen beziehen sich wesentlich auf die Arbeit von Holger Schimpe, veröffentlicht auch in Wikipedia.

Juden waren bereits im 15. Jahrhundert in Memel zu finden. Ein erstes Dokument über eine jüdische Präsenz in der Stadt stammt von 1567: am 20. April 1567 erließ Herzog Albrecht die Weisung, dass alle Juden die Stadt zu verlassen hätten. Erst 1643, als der Handel in Memel zugenommen hatte, war es jüdischen Kaufleuten erlaubt, tagsüber in der Stadt zu verweilen. Kamen sie an einem Freitag, durften sie zum Sabbat bleiben, mussten aber am Sonntag die Stadt wieder verlassen. Aber Juden hatten weiterhin Schwierigkeiten mit ihrem Aufenthalt. Als 1777 der jüdische Philosoph Moses Mendelsohn Memel wegen einer geschäftlichen Angelegenheit besuchen wollte, kam er nur bis Königsberg, weil er nicht die Erlaubnis erhielt, in Memel zu übernachten

Kurfürst Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst, der den Handel förderte, gewährte einigen Juden das Privileg, sich in Memel nieder zu lassen. Überliefert ist dafür die Geschichte des umtriebigen jüdischen Kaufmanns Moshe Jacobson de Jonge (Der Jüngere) aus Holland, der ab 1664 in Memel einen umfangreichen Handel mit Salz, Holz und Pelzen sowie eine Werkstatt für Reparaturen und den Bau von Schiffen begründete und eine Reederei betrieb. Als er sich nach erfolgreichen Jahren beim Handel mit Salz verspekulierte und verarmte, musste er mit seinem Angehörigen wieder nach Holland zurückkehren.

Jüdische Kaufleute waren auf der Memeler Messe präsent, die jedes Jahr im Sommer für 14 Tage abgehalten wurde. Sie kauften hier landwirtschaftliche Erzeugnisse und Pelze aus Litauen und Russland und verkauften deutsche Waren an die reichen polnischen Landbesitzer und die Adligen aus Kurland. Ein besonderes Handelsgut der russischen Kaufleute waren dank der Schwierigkeiten mit der russischen Zensur und dem Engpass bei Druckereien in Russland hebräische Bücher wie der Talmud und rabbinische Literatur, die in Deutschland gedruckt wurden oder aus privaten Bibliotheken der deutschen Juden stammten. Nach dem polnischen Aufstand 1863 und dem Bau der Eisenbahn nach Memel verlor der Handel auf der Messe seine Bedeutung

Am Anfang des 19. Jhs. gab es in Memel nur die beiden Schutzjuden Aron Moses (Schutzbrief Berlin 16. Oktober 1777) und Simon Benjamin (Berlin 22. Oktober 1795) sowie einige konzessionierte Juden. Mit dem Emanzipationsedikt von 1812 normalisierte sich der Aufenthalt von Juden. Gab es 1815 in einer Bevölkerung von etwa 10.000 Einwohnern in Memel 35 Juden, zählte man 1855 schon 289 und 1867 waren es 887 Juden, 1875: 1040 und, 1880: 1214 jüdische Personen. Danach reduzierte sich die Anzahl der Juden in Memel erheblich, weil diejenigen, die nicht über die deutsche Staatsbürgerschaft verfügten oder es in Jahrzehnten versäumt hatten, diese zu erwerben, ausgewiesen wurden. In Verhandlungen des deutschen Rabbiners von Memel Dr.Yitzhak Rülf (1834-1902) mit Reichskanzler Bismarck wurde 1885 ein Kompromiss gefunden, der für ausländische Juden einen modus vivendi fand. Immerhin sank die Anzahl jüdischer Mitbürger in Memel bis 1890 auf 861. Dr. Rülf war publizistische tätig, ließ ein Krankenhaus und eine Schule in Memel bauen und engagierte sich sehr stark für die russischen Glaubensbrüder in der Stadt.

Ber Cohen mit seinen drei Söhnen Yosef, Aharon und Shmuel aus Tauroggen waren die ersten Mitglieder einer jüdischen Familie, die die Einbürgerung für Memel erhielten. Mit ihnen kam der Schächter Yosel Vald. Einige Jahre später übergab Vald seine Tätigkeiten an seinen Schwiegersohn Yeshaiah Wohlgemuth (10.6.1820 - 31.12.1898), der Rabbiner wurde. Seine Söhne entwickelten sich zu bedeutenden Mehl- und Holzhändlern.

Mit Beginn des 1. Weltkriegs sollten die russischen Juden in Memel vorsichtshalber umgehend nach Rügen deportiert werden. Diesem Erlass konnte dadurch begegnet werden, dass die Betroffenen eine Bürgschaft und eine Empfehlung von zwei deutschen Staatsbürger vorlegten, die sie vom Verdacht der Spionage frei sprachen.

Schon 1938 zeichnete sich für die weitsichtigen Juden in Memel die Rückkehr des Memellandes nach Deutschland an und bereiteten sich auf die Emigration vor. Der Verkauf ihrer Vermögenswerte wurde dadurch erschwert, dass am 1. 12. 1938 sämtliche Ausverkäufe untersagt wurden. Mit dem Einmarsch der Deutschen am 23. März 1939 flohen viele Juden aus der Stadt, meist in nahe litauische Städte oder nach Kaunas. Nach der Besetzung Litauens durch die Sowjetunion im Sommer 1940 entfielen die letzten Fluchtmöglichkeiten. Im Juni 1941 gerieten auch memelländische Juden in die Deportationen nach Sibirien. Am 23. Juni 1941 ermordeten Angehörige des SS-Einsatzkommandos und der Schutzpolizei Memel 200 jüdische Männer im Nachbarstädtchen Gargždai. Dieser ersten Massenerschießung folgten weitere in Kretinga, Jurbarkas und anderen Orten. Bis Ende September wurden im litauischen Grenzstreifen 5.500 jüdische Männer, Frauen und Kinder ermordet, darunter auch zahlreiche Memeler Juden. Die Juden in Kaunas mussten am 15. August 1941 in ein Ghetto ziehen, das 1944 liquidiert wurde. Nur wenige dieser Juden überlebten die Strapazen in den Konzentrationslagern.[1]

Auf dem jüdischen Friedhof von Memel fanden die ersten Verstorbenen 1823 ihre letzte Ruhe. Eine Synagoge entstand 1835 in der ehemaligen Wallstrasse und ein Neubau 1875 in der ehemaligen Baderstrasse. 1885 kam eine deutsche Synagoge in der damaligen Kehrwiederstrasse hnzu.1871 wurde ein jüdisches Krankenhaus eingerichtet, 1896 ergänzt um ein weiteres jüdisches Krankenhaus mit großer finanzieller Unterstützung der Baronin Clara von Hirsch (Paris) und Jacob Plaut (Nizza).[2]

Neben den Kindergärten der christlichen Kirchen hatte die jüdische Bevölkerung auch ihre entsprechende Einrichtung. Dieser Kindergarten wurde von "Kadima" (Vorwärts), dem jüdischen Frauenbund betrieben. Hier wurden die Kinder im Sinne ihrer Glaubenszugehörigkeit erzogen, wie es auch in den anderen christlichen Einrichtungen geschah und immer noch praktiziert wird.[3]


[1] Ausstellung 100 Jahre jüdisches Leben in Memel/KIaipeda
[2] Ruth Leiserowitz, Vortrag: Juden in Memel und Heydekrug im 19. Jh., 2001
[3] Beate Szillis-Kappelhoff, 27. 6. 2010

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1939 flüchtende Juden (Bernhard Waldmann)
 
 
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