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Kindheitserinnerungen von Peter Ritter an die Zeit in Klein Schmückwalde nach der misslungenen Flucht aus Ostpreußen

Am 20. Oktober 44 flüchteten wir aus Roedszen, Krs. Gumbinnen, in südwestlicher Richtung über mehrere Tage in den Kreis Osterode und kamen Anfang November nach Seubersdorf. Unserer Familie wurde der etwas ausgebaute Hof Goronzi als Unterkunft zugeteilt. Angekommen sind wir da mit 3 Wagen, 1 Kutsche, die die Großeltern fuhren, 7 Pferden und insgesamt 14 Personen.

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Am 20. Oktober 44 flüchteten wir aus Roedszen, Krs. Gumbinnen, in südwestlicher Richtung über mehrere Tage in den Kreis Osterode und kamen Anfang November nach Seubersdorf. Unserer Familie wurde der etwas ausgebaute Hof Goronzi als Unterkunft zugeteilt. Angekommen sind wir da mit 3 Wagen, 1 Kutsche, die die Großeltern fuhren, 7 Pferden und insgesamt 14 Personen.

Die zweite Flucht begann für uns im Januar 1945. Wir waren jetzt 13 Personen: Mutti mit uns 5 Kindern, Opa und Oma wieder in der Kutsche, Schwester Herta Riewe aus Salzwedel, genannt Tante, Frau Gehrmann mit Tochter Irmgard aus Berlin und unsere beiden französischen Gefangenen Jean (de Cheval), der aus Charlerois/ Belgien stammte, und Jean (de Vache). Papa war beim Volkssturm eingezogen. Bei Maldeuten wurde der Treck von sowjetischen Panzern überrollt und aufgebracht. Wie alle mussten auch wir dorthin zurückkehren, wo wir hergekommen waren. So zogen wir nach Seubersdorf, und, als uns dort der Offizier Pokras aufgestöbert hatte, nach Klein Schmückwalde.

In Klein Schmückwalde bekamen wir ein kleines Häuschen zugewiesen. Es war zweigeteilt, die südliche Hälfte wurde unsere, die Nordseite bewohnten Naujoks, mit denen wir in Seubersdorf zusammengetroffen waren.

Nachdem wir den Pferdemist aus den Wohnräumen heraus hatten, kamen zwei Russen mit einer Kalkspritze, machten Feuer unter der Pumpe, damit sie überhaupt auftaute und kalkten alle Räumen von oben bis unten durch, über Fenster, Türen und Fußböden hinweg. Es war auch Lysol im Kalk drin. So stanken wir noch sehr lange desinfiziert und hygienisch rein.

Wir hatten in Klein Schmückwalde Glück. Der junge Offizier Pokras, Orts-Kommandant, der Deutsch studiert hatte und es sehr gut sprach, verguckte sich in unsere Frau Gehrmann. Sie war Kriegerwitwe. Das hatte sie im Herbst 44 noch in Roedszen erfahren, wo sie von Berlin her bei uns zusammen mit ihrer Tochter Irmgard evakuiert war. Frau Gehrmann war ungefähr 28 und ihre Tochter Irmgard 7 Jahre alt. Es wurde ein Schild vor das Haus gesetzt, welches für die russischen Soldaten die Bedeutung hatte, wie "Out of Bounds" für die amerikanischen. Es wurde bei uns dadurch auch nie Balaleika gespielt.
Wir stromerten herum, gingen in die verlassenen Häuser hinein und holten Brotmaschinen, Fleischwölfe, Töpfe, Geschirr, Bestecke und auch Speck, Wurst und alle konservierten Lebensmittel raus. Die Lebensmittel kamen fast alle ins Magazin auf dem Gut. Mit den Geräten konnte Pokras nichts anfangen. Mutti behielt alles, verkaufte sie an einen durchziehenden polnischen Händler und finanzierte mit dem Erlös unsere Ausreise.

Es wurde ganz plötzlich Frühling in diesem Jahr. In wenigen Tagen war der Schnee weg und es entstand eine Landschaft von wirklich seltener Erscheinung. Soweit man sehen konnte, lagen tote schwarzweiße Rinder auf Feldern, Wegen und in Gräben. Das sah ganz toll aus. Wir Kinder rannten natürlich überall herum, auch außerhalb der Stacheldrahtverhaue, die Klein Schmückwalde beinahe ganz umgaben. Wir fanden in den vielen Schützengräben, die im Osten Richtung Jonasdorf und Groß Nappern gezogen waren, tote Menschen in Uniformen und in Zivil. Sie waren schon ziemlich hoch von der nachrückenden Erde bedeckt - unserer Kindermeinung nach waren das sehr gute Gräber.

Es wäre sehr viel Arbeit gewesen, die Leichen und Kadaver sofort zu begraben. Pokras interessierte das wohl nicht, trotz der Mahnungen der Frauen. So blähten die vielen Körper auf, die Verwesung setzte ein. Milliarden Fliegen und Brummer durchschwärmten die Gegend und ein bestialischer Gestank breitete sich überall aus. Da erst reagierte Pokras, schickte ein paar Soldaten mit Benzin und Flammenwerfern los. Das war lächerlich gegen die Masse der Kadaver. Dass niemand erkrankte, war schon ein Wunder, denn wir Kinder waren immer dabei. So machte die Natur das alles selbst, nur dauerte es entsprechend lange.

In dem Sumpfgelände des Wäldchens bei Jonasdorf fanden wir einen zurück gelassenen Munitionszug der Wehrmacht. Dieser Munitionszug samt Panzer wurde für uns Kinder ein wahres Kriegseldorado. Hier in Klein Schmückwalde waren viele Kinder unseres Alters, 6 bis ca.12 Jahre, die ständig unterwegs waren. Mein älterer Bruder Hans, der noch bei der HJ gewesen war, hatte von allen Waffen und jeder Munition Ahnung und konnte damit "geschult" umgehen. Wir öffneten die Granaten der Panzerkanone, indem wir darauf rumsprangen, nahmen Stangenpulver heraus, sammelten Eier- und Handgranaten, Patronen, Leuchtpistolen und Munition. Die Tellerminen ließen wir liegen, denn wie die scharf gemacht wurden, wusste selbst Hans nicht. Und trotz größter Mühen, gelang es uns nicht, auch nur eine zur Explosion zu bringen. Panzerfaust und Panzerschreck waren kein Problem, ich schoss mal eine Panzerschreck ab, was ein großes Spektakel und gewaltigen Qualm machte. Es war nur gut, dass keiner hinter mir stand, er hätte sich bestimmt sehr verbrannt.

Wir hatten schon viele Sachen von unserem Panzer weggeschafft. Auch Holz von den Munitionskisten, das wir als Legitimation mit nach Hause nahmen. Denn die Erwachsenen hatten keine Ahnung von dem, was wir da machten - zunächst nicht. Wir fanden BDM-Jacken sehr praktisch. In die vielen Taschen passten die unterschiedlichsten Sachen hinein, wie Pulver oder Gewehrmunition.

Einem Nachbarsjungen wurde seine BDM-Jacke jedoch zum Verhängnis. Er saß auf einer mit Stroh abgedeckten Rübenmiete, hatte die Taschen voll Pulver und spielte Explosion. Das in Bahnen gestreute Schwarzpulver explodierte, wenn es in einer Vertiefung lag, mit hochschießenden Flammen und eine dieser Stichflammen traf seine Jackentasche, wo sich das darin liegende Pulver sofort entzündete. Er brannte gleich lichterloh mitsamt dem ganzen Stroh. Frau Naujoks, die gerade Wasser mit der Pede holte, kippte ihm einen Eimer Wasser über seinen brennenden Körper. Andere versuchten noch mit Mehl zu helfen, aber er starb zwei Tage später. Dann musste einer von uns den Soldaten unseren Munitionszug zeigen, was wir Kinder sehr bedauerten.

Überall schoss jemand. Das fiel nicht sonderlich auf. Im Mai schossen die Russen sowieso. Sie schossen auch auf Schweine, die sie dann auf dem Kautzschen Gutshof zusammenschleppten, mit Mengen von Stroh bedeckten und anzündeten. Dann schnitten sie die schwarzen Ohren ab, streuten Salz aus ihrer Hosentasche drauf und aßen das. Uns schmeckten diese Ohren auch gut.

Mit Eierhandgranaten haben wir Fische gefangen. Eine fast lautlose Explosion, alle Fische kamen hoch, die wir dann ans Ufer schoben. Wir bauten aus Maschendraht einen großen Korb und schleppten damit die Fische ins Dorf.
Den ganzen Sommer über gab es Vorfälle, die uns sehr interessierten. Die Offiziere fuhren alle mit Zivilautos. Pokras hatte einen Opel P4 und der andere Offizier einen Ford. Aber beide Wagen fuhren nur auf den Felgen, denn Bereifung dafür gab es nicht.

Abends landeten öfters Doppeldecker auf einem nicht abgemähten und wieder durchgewachsenen Luzernefeld neben dem Gut. Hans ließ einen abstürzen, indem er mit seiner Leuchtpistole ein falsches Farbsignal schoss. Den Fliegern war nichts passiert, aber das Flugzeug stark beschädigt. Pokras hat nie heraus gekriegt, wie das passieren konnte. Nach der Reparatur haben uns die Monteure dann beim Probeflug mitgenommen. Hat uns sehr viel Spaß gemacht.

Frau Gehrmann hat sich damals entschieden, nicht mit zu gehen. Sie blieb mit Irmchen da und ist mit Pokras nach Berlin gekommen. Sie schrieb uns später. Wir dagegen zogen eines frühen Morgens Ende Oktober 45 mit der vollbepackten Karre Richtung Osterode. Nach weiteren Zwischenfällen gelangten wir endlich in einem Transport über Thorn, Posen, Frankfurt nach Berlin.

Die vollständigen Schilderungen von Peter Ritter über die Flucht und den anschließenden Aufenthalt im Nachkriegs-Ostpreußen findet man unter "Erinnerungen an Ostpreußen".

Nachkriegsunterkunft Familie Ritter 1945
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