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Geschichte von Kwidzyn - Marienwerder

Der Bau der Burg Marienwerder 1233 war die dritte Gründung einer Festung durch die Ritter des Deutschen Ordens nach Thorn (1231) und Kulm (1232). So feierte Marienwerder 1933 das 700jährige Bestehen als "älteste Stadt der reichsdeutschen Ostmark". Bürgermeister war damals Fritz Goerdeler, Bruder des späteren Widerstandskämpfers Karl Friedrich Goerdeler. Zunächst hatten die Ordensritter einen Bauplatz 5 km weiter nördlich bei Tiefenau in der Landschaft Queden favorisiert, wo das kleine Flüsschen Liebe in die Weichsel fließt. Diese Stelle wurde jedoch sehr bald wegen der Hochwassergefahr zugunsten des jetzigen Standorts auf den Weichselhöhen aufgegeben.

Während des zweiten prußischen Aufstandes ab 1260 übertrug Bischof Albert die Verwaltung seines Kirchenbesitzes an Titzmann Stange. Der sorgte dafür, dass das pomesanische Bistum seinem Bischof, der nach Ulm geflüchtet war und dort als Weihbischof wirkte, bis nach Beendigung der Aufstände erhalten blieb. Zur Abgeltung der dabei entstandenen Aufwendungen und als Dank erhielten Titzmanns Söhne Dietrich und Kothobor sowie deren Schwager Godeko 1.200 Hufen Land à ca. 16,5 ha (rd. 20.000 ha!).

Die Siedlung neben der Burg hatte in der Anfangsphase Mühe, sich zu entwickeln, weil sie häufig bei Angriffen auf die Burg in Mitleidenschaft gezogen oder gar niedergebrannt wurde, so gleich beim ersten Prußenaufstand in den 1240er Jahren, und der Wiederaufbau der Burg immer Vorrang hatte vor dem der Stadt. Im zweiten prußischen Aufstand brannten die Truppen von Herkus Monte die Ortschaft weitere Male nieder. Den Angriffen 1267 und einige Jahre später hielt allerdings die Burg stand.

1243 wurde Marienwerder zur Hauptstadt des Bistums Pomesanien erklärt und als Standort der Kathedralkirche bestimmt. Vermutlich hatte die Stadt gleich am Anfang ihre Handfeste erhalten. Diese ging jedoch in den Wirren der Gründungszeit verloren und wurde 1336 durch das Privileg des Bischofs Berthold erneuert. Gleichzeitig erweiterte Bischof Bertold den Besitz der Stadt in der Niederung bis zur Mitte der Weichsel. Damit trug er dem Bedürfnis Rechnung, für die gestiegene Zahl der Bevölkerung Siedlungsland wenigstens auf den Landinseln zu ermöglichen, die normalerweise von der Flut der Weichsel nicht betroffen wurden. Auf dem in dieser Weise neugewonnenen Werder Ziegellack legten Siedler ein deutsches Zinsdorf an. Es folgte die Stadt Mewe mit Bürgersdorf (Mewischfelde), Rothof-Tiefenau, Scholpin. Gleichzeitig entstanden Krüge an den Fährstellen über die Weichsel als Einzelsiedlungen: die Rote Bude an der Südgrenze von Ziegellack, wo ein Kai als Anlegestelle der Weichselschiffer errichtet wurde, der weiße und der rote Krug auf der großen Weide an der Landstraße längs der Weichselstraße von der Fährstelle gegenüber Mewe (Johannisdorf), der Fährkrug Schadewinkel. Die schweren Kämpfe im 15. und zu Anfang des 16. Jahrhunderts entvölkerten allerdings die Niederung in erheblichem Umfang.

Nach der Schlacht bei Tannenberg 1410 soll die Stadt von den aufmarschierten polnischen Truppen verschont geblieben sein, wie der Krakauer Domherr und Geschichtsschreiber Jan Dlugosz berichtete. König Jagiello hätte sich allein in die Stadt begeben, sei von Bischof und Domkapitel ehrfurchtsvoll empfangen worden, hatte am Grab der Dorothea von Montau, die er sehr verehrte, in der Krypta der Kirche gebetet und dann die Stadt wieder mit der huldvollen Versicherung verlassen, dass sie seinen Soldaten versperrt bliebe.

Auf der Tagfahrt zu Marienwerder am 14. 3. 1440 besiegelten die preußischen Stände - 19 große und kleine Städte sowie 53 Standesherrn - die Gründung des Preußischen Bundes, die man zuvor in Elbing beschlossen hatte. Marienwerder trat dem Bund nach Bedenken aber erst mit einer Verzögerung von 14 Tagen bei.

Bischof Kaspar Linke stand im Städtekrieg (1454 -1466) treu zum Orden, auch wenn er sich zum Beginn dieses Bürgerkrieges für kurze Zeit dem König von Polen unterwerfen musste. Dieser konsequenten Haltung war es zu verdanken, dass der weltliche Teil des Bistums Pomesanien im 2. Thorner Frieden 1466 beim Orden verblieb und damit auch dem späteren Herzogtum die Anbindung an die Weichsel sicherte.

1527 hörte das Bistum Pomesanien auf, zu existieren. Marienwerder war nunmehr eine Stadt im Oberländischen Kreis mit der Hauptstadt Saalfeld. Der oberländische Kreis wurde 1752 aufgeteilt. Dabei entstand der Landratskreis Marienwerder.

Nach der Mitte des 16. Jhs. nahmen die Bemühungen zur Besiedlung der Weichselniederung mit Erfolg zu. Ein Ansiedlungsversuch im Mündungsgebiet der Liebe 1564 misslang noch wegen unliebsamer Überschwemmungen, aber 1565 fassten vier Bauern auf dem südlicher gelegenen Groß Paradies Fuß und 1574 wurden geflüchtete holländische Friesen in Ellerwalde heimisch. Die zunehmend herbeiströmenden Siedler der Niederung, Nordwestdeutsche wie Holländer, Westfalen, Friesen, Holsteiner brachten aus ihrer Heimat nicht nur Kenntnisse und Erfahrungen im Deichbau, sondern auch die Marschhufensiedlung mit, die ganz ihrem Charakter als selbständige Wirtschaftsform angepasst war. Bei dieser Siedlungsform teilte man die Flur in Längsstücke quer zur Straße auf, die bis zur Weichsel reichten, und setzte die Höfe an das Kopfende der Streifen. So wirtschaftete jeder in einem zusammenhängenden Stück für sich allein. Meist verfügten die hiesigen Siedler auch über Barmittel und waren somit nicht auf die Unterstützung durch die Ämter angewiesen. Oft kamen sie als Flüchtlinge aus religiösen Gründen wie die Mennoniten.

Im siebenjährigen Krieg (1756 - 1763) Friedrichs des Großen nahm 1758 der russische General Fermor sein Hauptquartier in Marienwerder. Er ließ sich in der Annahme, Ostpreußen bleibe ewig russisch, auf der Westseite der Vorburg, nördlich der Bischofsburg, auf ordenszeitlichen Bauresten ein Palais errichten. Obwohl das russische Militär kräftig requirierte, Lebensmittel und Dienste einforderte und sich mit den Einwohnern stritt, muss das Verhältnis zwischen Bevölkerung und Besatzern durchweg freundlich gewesen sein. Als die Russen 1762 wieder abzogen, veranstaltete man aus diesem Anlass ein großes gemeinsames Fest.

1772 wurde Marienwerder Sitz der Regierung eines neuen Bezirks, den man ab 1773 "Westpreußen" nannte. Friedrich der Große kam seit 1772 jedes Jahr zur Inspektion nach Westpreußen und wohnte zuerst in Marienwerder, später in einem Dorf nahebei.

Für Marienwerder bedeutete die Erhebung zum Regierungssitz 1772, dass viele Beamte zuzogen und die Einwohnerzahl erheblich stieg. Neben steigender Prosperität bedeutete das aber auch beengte Wohnverhältnisse und Wohnungsmangel. Als die Kriegs- und Domänenkammer unter Vorsitz des Kammerdirektors Vorhoff deshalb, um eine Entspannung der Wohnungssituation zu erreichen, bei Friedrich II. darum ersuchte, eine Schwadron Soldaten der Garnison von Marienwerder nach Bischofswerder zu verlegen, antwortete der König in einer eigenhändigen Randnotiz: "Ihr seid alle Narrens: meint ihr, das ich um einen Kriegs-Rat (was eigentlich ein Dieb ist, der mit den Beamten und Defraudeurs unter einer Decke steht) meint ihr, das ich um solche Schlingels einen einzigen Dragoner umquartieren sollte, so betrügt ihr euch sehr; unter 100 Kriegs-Räethe kann man immer mit gutem Gewissen 99 hängen lassen, denn wenn einer ehrlich mang sie ist, so ist es viel; ich wünsche, dass Herr Vorhoff unter der kleinen Zahl begriffen sei, aber ich wollte nicht davor schwören, Ein wenig modester gegen das militarium. Fr."1.

1787 wurde die "Westpreussische Landschaft" gegründet, die ihren Sitz in Marienwerder erhielt. Sie war eine Bodenkreditanstalt für adlige Güter (Rittergüter, Dominiums-Güter) auf genossenschaftlicher Grundlage, die Hypothekengelder an ihre Mitglieder vergab, indem sie selbst Pfandbriefe an die Öffentlichkeit verkaufte. Für andere Güter der Regierungsbezirke Marienwerder und Danzig mit Taxwert von 45.000 Mark wurde daneben 1861 die Neue Westpreußische Landschaft als Bodenkreditanstalt errichtet.

Beim Einmarsch Napoleons in Preußen 1807 schlug Marschall Lefèbre sein Hauptquartier in Marienwerder auf. Die Stadt wurde Hauptetappenort und war damit entsprechend stark von französischem Militär bevölkert. Um einen reibungslosen Verkehr zu gewährleisten, baute man nahebei eine Schiffsbrücke über die Weichsel. Um Platz für das Militär zu schaffen, wurden, wie das so üblich war, die Verwaltungsgebäude der Regierung und des Oberlandesgerichts ausgeräumt, indem man die Akten einfach auf die Straße warf und brachte dort wie auch im Schloss Verwundete und Kranke unter. Der Dom wurde Futtermagazin und Exerzierhaus. Bald nach dem Tilsiter Frieden zogen die Franzosen wieder ab.

Im Frieden von Tilsit am 9. Juli 1807 wurde die Stadt Danzig mit geringem Umland aus dem preußischen Staatsverband herausgelöst und zu einem Freistaat unter französischem Protektorat mit einem französischen Gouverneur erhoben. Der Netzedistrikt außer den Kreisen Flatow und Deutsch Krone sowie Thorn mit den Kreisen Kulm und Michelau wurden dem neu gebildeten Herzogtum Warschau zugeschlagen. Ausgenommen von der Abtretung blieb die Stadt Graudenz mit ihren Vorstädten und ihrem Festungsgebiet, obwohl sie im Kreise Kulm lag. Marienwerder wurde Grenzstadt. Danzig und Thorn, die Kreise Kulm und Michelau kehrten am 1. Mai 1815 wieder in den Verband des preußischen Staates zurück.

Bei der Neufestsetzung der Kreise in Preußen 1818 wurden auch die Grenzen des Kreises Marienwerder verändert. Außerdem teilte man Westpreußen jetzt in die Regierungsbezirke Danzig und Marienwerder auf.

Nach dem ersten Weltkrieg entschieden die Siegermächte über die Kreisgrenzen. Der Kreis Marienwerder war Grenzbezirk zu Polen, die Grenze verlief auf dem östlichen Ufer der Weichsel am Fuß des Weichseldeichs, teilweise noch etwas östlich davon. Die Weichsel war ausschließlich Polen zugeordnet als dessen nachhaltig geforderte Verbindung zum Meer. Deutschland hatte bis auf den kleinen Weichselhafen Kurzebrack keinen Zugang mehr zur Weichsel. Trotzdem konnten deutsche Bauern den jetzt polnischen Gebietsstreifen zwischen Deich und Fluss für ihre Weidewirtschaft nutzen. Sie brauchten dazu Ausweispapiere im Rahmen eines "kleinen Grenzverkehrs" bzw. einen gültigen Reisepass. Das wurde vielfach als Demütigung empfunden.

Durch den 2. Weltkrieg kam Marienwerder ziemlich unversehrt, brannte jedoch 1946 nieder. Die Trümmersteine verwendete man zum Wiederaufbau von Warschau. Seit den 1990 Jahren wird der Wiederaufbau der Altstadt von Marienwerder vorbereitet, der in ähnlicher Weise erfolgen soll, wie er in Elbing bereits weitgehend gediehen ist..

1 E. Wernicke: Marienwerder, Neuauflage 1968 Verlag Wendt Groll GmbH, Herford, S. 227

Bahnhof in Marienwerder früher und heute
 
 
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