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Reise nach Kaliningrad mit Dichterlesungen, veranstaltet vom Ostpreußische Landesmuseum in Lüneburg

Reise nach Kaliningrad mit Dichterlesungen, veranstaltet vom Ostpreußische Landesmuseum in Lüneburg

04.10.2012

Organisiert hatte diese Reise Frau Natalia Romanova vom gleichnamigen Reisebüro in Hamburg und alles klappte vorzüglich. Die Teilnehmer kamen aus allen Gegenden der Bundesrepublik und ein Ehepaar sogar aus Paris. Der erste Abend war den Informationen über den Ablauf der Reise, dem “get together” und dem “Plachandern” gewidmet. Nur wenige Reiseteilnehmer kannten sich und so wurden erste Kontakte geknüpft.

Die Stadtrundfahrt am folgenden Tag diente dem Überblick über das heutige Kaliningrad, kommentiert von dem überaus kundigen Reiseführer Ewgeni Snegowski, der uns wahrend des gesamten Aufenthalts begleitete. Snegowski ist ein aus Moskau stammender ehemaliger Offizier, der nicht nur fließend die deutsche Sprache, sondern erstaunlich perfekt auch den ostpreußischen Dialekt beherrscht, was er häufig unter Beweis stellte. Nachdem Kant-Denkmal, Basteien, Hauptbahnhof, Meeresmuseum etc. in Augenschein genommen waren, ging es zur ev.-lutherischen Auferstehungskirche. Hier hielt der neue Propst Thomas Vieweg, dem man spontan zutraut, die organisatorischen und finanziellen Problem der Kaliningrader Gemeinde lösen zu können, eine Andacht.

Dem Besuch der Kirche schloss sich ein Orgelkonzert im Dom mit dem Domorganisten Artjom Chatschaturow an. Die Klangfülle der Hauptorgel und das Zusammenspiel zwischen großer und kleiner Orgel waren überwältigend. Solche Klangsymphonien an historischem Ort zu erleben ist ein großes Glück. Der Abend dieses Tages bot einen weiteren Höhepunkt: im Deutsch-Russischen Haus lasen Arno Surminski aus seinem Buch “Winter Fünfundvierzig oder Die Frauen von Palmnicken” und Stephanie Kuhlmann aus ihrem Buch “Hoffnung heißt Nadjeschda”. Die Leitung der Veranstaltung lag in den professionellen Händen von Direktor Andrej Portnjagin und zu den zahlreichen russischen Zuhörern gehörten die wesentlichen deutsch-russischen Pressevertreter wie z. B. Thoralf Plath.

Der zweite Reisetag war dem Besuch der Kurischen Nehrung gewidmet. Der erste Stopp galt der Vogelwarte Rossitten, wo unter der Leitung von Prof. Leonid Sokolov täglich bis zu 9.000 Vögel bis zur Größe der Waldohreule vermessen und beringt werden. Der alte Nehrungsort Rossitten hat sich sowohl in seiner äußeren Erscheinung als auch kulinarisch herausgemacht, und das war eine gute Basis für die Ersteigung der großen Wanderdüne kurz vor Pillkoppen mit ihrer atemberaubenden Landschaft.

Am Abend wurde das Bernsteinmuseum im Königsberger Dohna-Turm mit seinen umfangreichen Schätzen aus Palmnicken und aus Moskauer Museen ausgiebig besichtigt. Der besondere Reiz der anschließenden Veranstaltung bestand darin, dass Hans zu Dohna, Ururenkel des Namensgebers Feldmarschall Friedrich Karl zu Dohna (1784 – 1859), vor den höchst interessierten Repräsentanten des Bernsteinmuseums und der russischen Presse einschließlich des Kaliningrader Fernsehens einen Vortrag hielt. Er erzählte fröhlich mit Charme und Stolz, doch ohne Eitelkeit, wie der Turm zu seinem Namen kam, wie ein Sohn des Feldmarschalls die Erbin von Schloss Capustigall aus dem Haus der Truchseß von Waldburg ehelichte und so das Gut in die Familie einbrachte. In Waldburg-Capustigall wurde Hans Graf zu Dohna geboren, hier wuchs er auf und von hier musste er flüchten. Die lebensgroßen Porträts der Eltern im Treppenhaus, die Bilder der Großeltern und Urgroßeltern sowie die gediegenen Ausstattung sind mit dem Schloss zusammen 1945 verloren gegangen, nichts kündet heute von seiner einstigen Existenz. In einem anschließenden Diskussionsbeitrag kündigte Prof. Awenir Owsjanow, der Zuständige für die Aufklärung von Beutekunst im Gebiet Kaliningrad, die Erscheinung eines neuen Buches an, das Aussagen über verlorene Kunstwerke enthalten soll. Beim Verlassen des Dohna-Turms wurde ein üppiges Feuerwerk über dem Pregel geboten, das den Eindruck erweckte, es sei vom Ostpreußischen Landesmuseum extra arrangiert worden.

Der dritte Reisetag war einem der dunkelsten Kapitel der ostpreußischen Geschichte gewidmet, als 3.000 jüdische Frauen am bitterkalten 26. Januar 1945 zu Fuß und nur leicht bekleidet von Königsberg nach Palmnicken getrieben wurden. Dort wurden sie auf das Eis der gefrorenen Ostsee getrieben und erschossen Unsere Busfahrt nach Palmnicken folgte exakt dem 48 Kilometer langen Todesmarsch. Arno Surminski hat das Thema dieses Verbrechens literarisch verarbeitet und las im Gemeindesaal des Bernsteinstädtchens das Kapitel mit dem tödlichen Ende vor. Auch die russischen Teilnehmer, darunter jugendliche Schüler des lokalen Deutschunterrichts mit ihrer Lehrerin, waren ergriffen. Eine anwesende russische Journalistin lobte das Unterfangen, sich mit der schwarzen Seite der deutschen Geschichte auseinander zu setzen. Ein anderer russischer Teilnehmer aber fragte, wie lange denn die Deutschen noch zu büßen gedächten. Zur Vorbereitung auf diese Lesung war das Mahnmal am Strand bei der Palmnicker Grube Anna besucht worden, wo neben der Pyramide von 1998 vor zwei Jahren ein weiteres Mahnmal eines jüdischen Künstlers aufgestellt wurde.

Das Leben hielt jedoch die Oberhand. An der größten Fundstelle von Bernstein auf der Welt muss man Bernsteinschmuck kaufen, und der wird von den Fachkräften des alten Kombinatsbetriebs kunstvoll angefertigt und angeboten. Über einen Abstecher nach Rauschen ging es nach Königsberg zurück.

Am vierten Reisetag stand die Besichtigung des großen, ehemals zivilen Königsberger Friedhofs an der Cranzer Allee, heute Alexander-Newski-Straße, auf dem Programm. Hier liegen seit 2003 neben 3.500 gefallenen Soldaten auch 5.000 zivile Opfer des britischen Luftangriffs auf Königsberg und es gibt Stelen mit 3.000 Namen sowjetischer Soldaten, die beim Kampf um Königsberg den Tod fanden. Wie man hörte, vermied Außenminister Westerwelle bei seinem Besuch in Kaliningrad ausdrücklich eine Kranzniederlegung an diesem Ort, was niemand nachvollziehen konnte. Danach ging es noch zum Friedländer Tor, wo historische Postkarten zu einem bewegten Gang durch das alte Königsberg verarbeitet wurden.

Am Nachmittag fand eine Lesung an der Kant-Universität statt, zu der etliche Germanistikstudenten erschienen. Graf zu Dohna las in bewährter Weise aus seinem Buch “Waldburg-Capustigall”, Stephanie Kuhlmann beredt aus ihrem Buch “Hoffnung heißt Nadjeschda” und Arno Surminski las aus seinem Roman “Aus dem Nest gefallen”. Letzteres beschreibt das Erlebnis eines jüdischen Menschen, der mit Engelszungen zum Abtransport nach Treblinka aufgefordert wird, ebenso wie seine nachfolgende Familie. Um die Studenten zur Diskussion anzuregen, fragte sie Arno Surminski, was sie denn von Treblinka wüssten. Sie wussten nichts. Was ihnen denn Auschwitz sagt. Nichts. Es kam keine Diskussion zustande und die Reiseteilnehmer rätselten anschließend, ob es wirklich Nichtwissen war oder eine für uns unverständliche Scheu, sich vor der Öffentlichkeit zu äußern.

Mit dieser letzten Veranstaltung war das Programm abgeschlossen. Allen Teilnehmern hat es ungemein gut gefallen und es wurde spontan die Hoffnung geäußert, eine Reise dieser Art mit anderem Ziel in Ostpreußen zu wiederholen. Der besondere Dank galt dem Veranstalter in Gestalt der uns begleitenden Mitarbeiterin des Ostpreußischen Landesmuseums Lüneburg, Frau Agata Kern, und der Organisatorin, Frau Natalie Romanova, sowie besonders auch dem klugen und fröhlichen Reiseleiter Ewgeni Snegowski und dem umsichtigen Fahrer Alexander.

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Reisegruppe vor dem Kantdenkmal
Propst Thomas Vieweg
Auferstehungskirche
Große Orgel des Königsberger Doms
Taufkapelle im Königsberger Dom
Figuren am Königstor
Stepanie Kuhlmann liest aus ihrem Buch
Arno Surminski liest aus seinem Buch
Prof. Sokolov mit Waldohreule
Kirche in Rossitten
Dünenlandschaft der Nehrung
Pillkoppen und Kurisches Haff

Renovierungsarbeiten

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