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Wladimir Kulakow: vom Bernsteinzimmer ist höchstwahrscheinlich nichts übrig geblieben

Wladimir Kulakow: vom Bernsteinzimmer ist höchstwahrscheinlich nichts übrig geblieben

21.03.2013

Der bekannte Archäologe Wladimir Iwanowitsch Kulakow erzählt in einem Interview von den spektakulären Fundstücken und Rätseln Ostpreußens: Diamantensucher in den Ruinen des Schlosses

– Wladimir Iwanowitsch, Sie beschäftigen sich mit Archäologie seit 1964, nicht wahr?

– Ja, das stimmt. Ich beschäftige mich mit Archäologie fast 50 Jahre lang und es ist an der Zeit, Rechenschaft darüber abzulegen! Dafür hatte ich mich noch vor meinem Studium an der historischen Fakultät der Moskauer Staatlichen Universität interessiert. An der Uni wurden wir so gut ausgebildet, dass wir archäologische Ausgrabungen in jedem Erdteil hätten durchführen können.

– Sie wurden jedoch ins Gebiet Kaliningrad verschlagen.

1972 hatte die UdSSR die Konvention über den Schutz der Kulturdenkmäler unterschrieben, die die Unterstützung der Kulturerbe gewähren sollte und die man jetzt vergessen hat. Im Jahre 1974, als ich am Institut für Archäologie in Moskau arbeitete, sagte mir mein Vorgesetzte: “Fahr mal nach Kaliningrad und erforsche da archäologische Denkmäler. Du kannst Deutsch, die polnische und litauische Sprache wirst du im Gebiet Kaliningrad lernen”.

– Wie waren Ihre ersten Eindrücke in Kaliningrad?

– Ganz freudlos. Ich sah frühere Bilder des Königsberger Schlosses und wusste, dass es das Zentrum der europäischen Kultur im Baltikum gewesen war. Als ich nach Kaliningrad kam, war das Schloß im letzten Stadium des Bruchzustandes. Auf seinen Ruinen schlenderten viele Diamantensucher herum. Später sah ich, wie die Südpromenade mit modernen Fliesen verkleidet wurde. “Es scheint mir, dass ich all das auszugraben haben werde”, dachte ich damals.

– Damals wurde ja das Königsschloß als ein Bollwerk des Militarismus betrachtet und die Stadtgeschichte begann ab 1945. Wie konnten Sie bei solchen Umständen arbeiten?

– Ich beschäftigte mich mit der Archäologie, dieses Wort (Archäologie) kannte in der neuen sowjetischen Stadt Kaliningrad niemand. Ich erinnere mich an die Ausgrabungen einer Grabstätte bei Selenogradsk (Cranz). Ein Kolchosvorsitzender kam auf mich zu und fragte: “Wonach suchst du hier?” “Ich erforsche die Geschichte der Prussen”, antwortete ich. “Wer sind sie? Sind sie Faschisten?”, erwiderte er. Das war bezeichnend. Ich beschäftigte mich mit der Vorzeit, damals gab es hier weit und breit keine Deutschen, deswegen bereitete mir niemand Hindernisse.

Einmalige Fundstücke

– An welche interessantesten Fundstücke können Sie sich erinnern?

Innerhalb von 40 Jahren hat man so viel gefunden, dass ich mich an alle Fundstücke nicht erinnern kann. Vor einigen Jahren fanden wir bei Selenogradsk (Cranz) Beschläge für Sättel, die die Prussen im 10. Jahrhundert angefertigt hatten. Darauf sind Hunde mit bleckenden Zähnen dargestellt. Die Beschläge sind einzigartig, in Louvre und im Britischen Museum gibt es ihresgleichen nicht. Jetzt werden die Beschläge im historisch-künstlerischen Museum aufbewahrt.

Interessant ist auch die Sammlung von okkulten und “magischen” Gegenständen aus dem 16. und 17. Jahrhundert, die wir auf dem Gelände des ehemaligen Königsberger Schlosses entdeckt haben. Die Gegenstände hatten offensichtlich mit magischen Ritualien, die von Hexenmeistern und Zauberern in Königsberg veranstaltet wurden, zu tun. Es ist nicht ausgeschlossen, dass diese Artefakte auch mit dem König Friedrich Wilhelm II. verbunden waren, der sich bekanntlich für Okkultismus interessierte.

– Ich habe gehört, Sie hätten die Archivverzeichnisse des Prussia-Museums gegen den Roman “Die Königin Margo” eingetauscht.

– Im Jahre 1976 sah ich im Heimatmuseum die großen Tragläden mit allerlei Papieren auf dem Fußboden liegen. Ich fragte, was das sei. “Das ist irgendwelche Makulatur, wir wollen sie gegen das Buch “Die Königin Margo” eintauschen”, antworteten mir Mitarbeiter. Ich fuhr nach Moskau, von dort aus brachte ich das begehrte Buch mit, dafür ließ man mich zur “Makulatur” zu. Nach der Restaurierung kamen die Verzeichnisse in die Bestände des Museums zurück. 2005 sind sie von den polnischen Restauratoren erneut “entdeckt” worden.

– Die Geschichte der Prussen scheint einzigartig zu sein …

– Ja, Sie haben vollkommen Recht. Und das ist in erster Linie mit prussischen Traditionen zu tun. Die Prussen haben sie im Laufe von Jahrtausenden beachtet und waren dabei im Unterschied zu anderen Völkern äußerst gastfreundlich. Dem Gast konnte ein Prusse sogar seine Frau anbieten, dabei ging er selbst in den Wald, um den Gast nicht zu stören. Nach einiger Zeit musste der Gast über dem Haus eine Flagge hissen, was bedeuten sollte, dass der Hauswirt aus dem Wald zurückkehren kann bzw. darf.

Drei Erdgänge

– Wie stehen Sie zu den Vermutungen, das Bernsteinzimmer befände sich in Kaliningrad?

– Das schließe ich nicht aus. Es gibt mindestens drei unterirdische Gänge, die vom Schloß aus in Richtung Süden und Osten führen. Da drinnen hätte man das Bernsteinzimmer verstecken können. Aber von ihm ist höchstwahrscheinlich nichts übrig geblieben, ohne Restaurierung zerstiebt ja der Bernstein. Als ich im Jahre 1987 bei Pionerski (Neukuhren) einen Bernsteinschatz hob, zerstiebte er vor aller Augen.

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