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Jahrhunderte alte Ausstattung aus einem estländischen Schloss gerettet

03.10.2014

Zahlreiche Porträtgemälde deutschbaltischer Familien über 8 Generationen, Mobiliar aus Rokoko, Empire, Biedermeier und Historismus, edle Tafelkultur aus Porzellan und Silber, persönliche Korrespondenz und Akten aus mehreren Jahrhunderten, Berge an Fotografien: das Ostpreußische Landesmuseum konnte durch großes Glück und Unterstützung der Thure P. und Dr. Andrea von Wahl Stiftung einen spektakulären Bestand der deutschbaltischen Familien von Münnich und von Nolcken für die Wissenschaft und Öffentlichkeit retten. Der Zugang erfolgte äußerst kurzfristig, da Zwangsräumung und -versteigerung drohten.

Die Deutschbalten als bedeutende, deutschsprachige Minderheit prägten über Jahrhunderte das politische, kulturelle und gesellschaftliche Leben im heutigen Estland und Lettland. Auch in russischer Zeit nach der Eroberung durch Zar Peter den Großen blieben ihre Privilegien erhalten, vielfach errangen sie in russischen Diensten höchste Ämter. Nach dem Ersten Weltkrieg mit Gründung der unabhängigen Republiken wurden die umfangreichen Ländereien der großen Güter mit prächtigen Herrensitzen enteignet. Schon vor der Umsiedlung der Deutschbalten im Herbst 1939 nach dem Hitler-Stalin-Pakt hatten daher zahlreiche Familien ihre oftmals jahrhundertealte Heimat verlassen. So auch in diesem Fall.

Die Familie von Nolcken, Eigentümer und Erbauer des auch heute noch beeindruckenden Schlosses Allatzkiwwi (heute: Alatskivi), wanderte 1920 nach Deutschland aus und ließ sich in Schloss Pöring in Pitzling (Landsberg am Lech) nieder. Dort wurde das mitgebrachte Inventar von der Familie bewahrt und zusammengehalten, bis nun nach dem Tod einer Nachfahrin dieser einzigartige Bestand auseinandergerissen und verkauft werden sollte.

Allatzkiwwi wurde 1880-86 im damals russischen Gouvernement Livland (heute Estland) von Arved Freiherr von Nolcken (1845-1909) nach dem Vorbild des schottischen Schlosses Balmoral im neogotischen Stil erbaut und spiegelt somit die Kultureinflüsse wieder, die Deutschbalten von ihren Reisen in Europa in die damals russischen Ostseeprovinzen mitnahmen. Das unweit von Tartu (Dorpat) und zugleich nahe am Peipussee liegende markante Schloss ist restauriert worden und wird heute von einer Stiftung als Hotel und Museum genutzt.

Es ist mehr als ungewöhnlich, dass sich über nahezu 100 Jahre ein solcher Nachlass erhalten hat. Das Bemerkenswerte und zugleich wissenschaftlich Einmalige ist der Umstand, dass er sich nachweisbar zuvor in großen Teilen auf dem Familiensitz in Allatzkiwwi befand. Somit handelt es sich um einen der ganz wenigen, geschlossen aus dem Baltikum überführten Nachlässe.

Eine spektakuläre Note erhält der Nachlass u. a. auch durch die verwandtschaftlichen Bezüge der von Nolckens zur Familie von Münnich von Gut Lunia (Livland). Zu deren Besitzern, von denen sich auch persönliches Kulturgut in diesem Nachlass befindet, gehört der berühmte russische Staatsmann, Ingenieur und Militär Burchard Christoph Reichsgraf von Münnich. Aus dem Oldenburgischen stammend erbaute er unter Zar Peter dem Großen den Ladoga-Kanal. Unter der Zarin Anna Ivanovna wurde er Generalfeldmarschall in den Türkenkriegen auf der Krim und war später entscheidend an der Krönung von Anna Leopol’dovna beteiligt. Daraufhin erfolgte 1740 seine Erhebung zum Premierminister Russlands. 1742 wurde von Münnich in die Verbannung nach Sibirien geschickt und kehrte 1762, begnadigt durch Peter III., aus dem Exil zurück. Unter Peter III. und Katharina II. diente er fortan als kaiserliches Ratsmitglied und Generaldirektor der baltischen Kanäle und Häfen. Sein Sohn Ernst Johann von Münnich gilt als Mitbegründer der Ermitage in St. Petersburg.

Über 200 Gemälde und Möbel sowie zahlreiche Alltagsgegenstände wie Tafelsilber und persönliche Erinnerungsstücke sind dem Ostpreußischen Landesmuseum nun für seine Deutschbaltische Abteilung und der damit verbundenen länderübergreifenden Kulturarbeit übereignet worden. Hierzu ist eine intensive Kooperation mit Estland, der Stadt Tartu (Partnerstadt von Lüneburg), den dortigen Museen und Archiven sowie natürlich den heutigen Nutzern von Schloss Alatskivi vorgesehen, das auch über ein Museum verfügt. Zunächst ist eine umfangreiche Restaurierung des teilweise stark beschädigten Kulturguts vonnöten. Der archivalische Nachlass wird am Herder-Institut in Marburg bearbeitet, dessen Dokumentesammlung bereits über 1.500 laufende Regalmeter Baltica umfasst.

Als von der Bundesregierung institutionell geförderte Einrichtung ist das Ostpreußische Landesmuseum inzwischen von dieser beauftragt, über eine Deutschbaltische Abteilung die Kulturgeschichte der früheren deutschen Minderheit in den historischen Regionen Kurland, Livland und Estland zu sammeln, zu bewahren, zu erforschen und über Präsentationen zu vermitteln. Der gesetzliche Auftrag erstreckt sich dabei wesentlich auch auf einen länderübergreifenden kulturellen Dialog mit Wissenschafts- und Kultureinrichtungen in diesen Ländern. Seit vielen Jahren organisiert das Museum daher mehrsprachige Ausstellungs- und Katalogprojekte im ehemaligen Ostpreußen, das heute zu Polen, Russland und Litauen gehört. Zukünftig erstreckt sich diese Kooperation auch auf Institutionen in Estland und Lettland, mit denen bereits einige bedeutende Projekte (z.B. „Glanz und Elend. Mythos und Wirklichkeit der Herrenhäuser im Baltikum“) realisiert wurden.

Das Museum wird zu diesem Zweck derzeit baulich erweitert und komplett umgestaltet. Anfang 2015 wird es für einige Monate zur Modernisierung seiner Dauerausstellung sowie Errichtung einer Deutschbaltischen Abteilung schließen. Die Neueröffnung ist für Ende 2015 geplant.

Wir würden uns freuen, Sie zur Pressekonferenz begrüßen zu können. Über eine Anmeldung unter info@ol-lg.de oder 04131 7599 50 würden wir uns freuen.

Dr. Joachim Mähnert (Direktor)
Ostpreußisches Landesmuseum
R
itterstr. 10, 21335 Lüneburg
Tel.: 04131 75 99 512
Fax: 04131 75 99 511
Email: j.maehnert@ol-lg.de
www.ostpreussisches-landesmuseum.de

 
 
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