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Erinnerung an Bethel Henry Strousberg aus Neidenburg

21.11.2018

Bethel Henry Strousberg (20. 11. 1823 - 31. 5. 1884) erblickte vor 195 Jahren als Baruch Hirsch Strausberg in Neidenburg das Licht der Welt. Seine Eltern waren zunächst durchaus vermögend und betrieben hier ein kleines Exportgeschäft. Der Großvater war 1806 Lieferant der preußischen Armee und verdiente gut daran. Sein Sohn verlor jedoch das Vermögen und konnte das Schulgeld für die Schule des Sohnes in Königsberg nicht mehr aufbringen. Die Eltern starben auch sehr früh und der gerade 12 Jahre alte Waisenknabe reiste notgedrungen nach London zu seinen Onkeln Gottheimer, den Brüdern seiner Mutter, die dort durch das gut gehendes Im- und Exportgeschäft Behrend Brothers zu Wohlstand gelangt waren. Sie kümmerten sich um den Jungen und der erlernte sehr schnell die Landessprache, anglisierte seinen Namen, ließ sich der besseren Anpassung an die Gesellschaft wegen christlich taufen und absolvierte bei den Onkeln eine kaufmännische Lehre.

Der Junge war umtriebig und gelangte zu Geld, gründete sogar eine Zeitung – The Merchants Magazine, und kaufte später das „London Magazine“, arbeitete als Journalist und im Kunsthandel, wo ihm seine Kenntnisse der Malerei dienlich war. Er wurde dabei mit dem liberalen kapitalistischen Wirtschaftsystem, dem in jener Zeit fortschrittlichen Zustand der Industrie, mit Börsenspekulation und Aktienhandel an der Royal Exchange Bank und mit modernen Methoden der Finanzierung bekannt und vertraut und nutzte alle sich ihm bietenden Möglichkeiten, sich weiterzubilden und seine Kenntnisse zu vervollkommnen.

Strousberg machte sich im Versicherungsgeschäft einen Namen, so dass er 1855 als erfolgreicher Geschäftsmann nach Berlin übersiedeln konnte. 1857 erwarb er an der Jenaer Universität den Dr. phil. in absentia.

Seine große Chance erhielt Strousberg, als ein Eisenbahnkonsortium, an dem englische Unternehmer und ostpreußische Notabeln beteiligt waren, nach Finanzierungsmöglichkeiten suchten, die sowohl die strengen behördlichen preußischen Auflagen erfüllten als auch das Risiko überschaubar hielten. Bethel Henry Strousberg wußte einen Weg: das Aktienkapital wurde wesentlich höher angesetzt, als für den Bau erforderlich, ein Generalunternehmer wurde mit dem gesamten Bau beauftragt und den bezahlte man anteilig zum Baufortschritt mit den Aktien. Er konnte die Aktien unter pari an der Börse verkaufen, was anfänglich auf große Resonanz beim spekulationswilligen Publikum stieß, oder sie beleihen oder er konnte seine Einkäufe mit Aktien bezahlen und hatte dennoch genug Spielraum für eigene Gewinne. Es war das „System Strousberg“.

Bald war Strousberg selbst der Generalunternehmer und wurde unermeßlich reich. Zwar hatte er nicht viel Bares in der Kasse, aber er besaß schnell über 50 Rittergüter mit mehr als 75.000 ha., eine Gemäldesammlung im Wert von 2,5 Millionen Mark, etliche Industrieunternehmen und eine Reihe von Bahnlinien. Sein Rat wurde sogar von Bismarck geschätzt, der mit ihm 1869 die Entwicklung des Staatsschuldenwesens besprach.

Der Reichtum verfloß jedoch genau so rasch wieder. Das Unglück bahnte sich an mit einem großen Eisenbahnprojekt in Rumänien, das er 1868 in Angriff nahm. Hier wurde von Strousbergs Leuten schlecht gearbeitet und zu teuer gewirtschaftet, Strousberg selbst war durch die gleichzeitig in Angriff genommenen zahlreichen Projekte mit straffen Kontrollen überfordert, und man beging grobe Ungeschicklichkeiten gegenüber den vom Projekt betroffenen rumänischen Landbesitzern sowie den dortigen Behörden und der Öffentlichkeit. Der deutsch-französiche Krieg 1870/71 brachte große Kurseinbrüche an der Börse und hinderte Strousberg, den nach seinem System erforderlichen Verkauf von Aktien und Obligationen zur Deckung der laufenden Kosten erfolgreich durchzuführen. 1872 war er illiquide. Verzweifelt wehrte er sich gegen den endgültigen ökonomischen Untergang, doch diese Aktivitäten brachten ihn 1874 lediglich in Moskau, wo er 22 Millionen Mark Schulden bei der Moskauer Commerz-Leih-Bank angehäuft hatte, ins Schuldgefängnis. Nachdem er 1877 wieder frei kam, lebte er in einer billigen Berliner Pension von journalistischen Arbeiten, bis er vollständig verarmt und von seiner Familie verlassen starb. Sein Palais in der Wilhelmstraße wurde später englische Botschaft und hier entstand jetzt nach Kriegszerstörung und Wende ein neues englisches Botschaftsgebäude.

 
 
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